Unternehmen & Management

DKV-Chef: "Kunden möchten nicht überwacht werden"

Von Martin WinkelTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Unsere Tarife sind risikogerecht und nachhaltig. Jeder PKV-Kunde entlastet mit seiner Altersrückstellung unsere Kinder und Enkel", glaubt Clemens Muth, Vorstandsvorsitzender DKV. Im Interview mit VWheute spricht er über harten Wettbewerb und kluge Deckungskonzepte in der Krankenversicherung.

Herr Muth, ist Gesundheit eine Ware?

Nein, eine gute Gesundheit ist der Wunsch aller Menschen. Manche Krankheiten sind schicksalhaft, manche verhaltensinduziert. Menschen können dennoch einiges tun, um gesund zu bleiben.

Sitzen Sie bequem? Ich frage, weil Sitzen das neue Rauchen sein soll. Und gerade Ihre Zielkunden, Akademiker und Beamte, leiden häufig unter Bewegungsmangel, deren Folgen sie später teuer bezahlen müssen. Beunruhigt Sie das?

Ich sitze gerade ordentlich, aber wir können auch stehen. Sie spielen auf den DKV-Report an. Das Thema „mehr Bewegung“ ist mir persönlich sehr wichtig. Dies betrifft jeden. Wir müssen bereits unsere Kinder besser zur Bewegung motivieren. Viele sind in ihrer Freizeit völlig inaktiv und bewegen sich bestenfalls noch im Schulsport. Wir beobachten, Fettleibigkeit nimmt gerade auch in jungen Jahren immer mehr zu. Bewegung und bewusste Ernährung sollten daher Teil der schulischen Erziehung werden. Als privater Krankenversicherer haben wir die Kostenbelastung durch Folgeerkrankungen von Fettleibigkeit und zu wenig Bewegung in unseren Beiträgen einkalkuliert. 

Sie sind „Vollsortimenter“ in der Krankenversicherung. Auf welche Produktinnovationen der DKV können sich Vermittler und Versicherte 2019 freuen?

Wir werden 2019 neue Tarife im Zahn- und Pflegebereich einführen. Unser neuer Zahntarif wird etwa mehr kieferorthopädische Leistungen bieten. In der Beihilfeversicherung haben wir gerade eine neue Produktlinie für junge Beamtinnen und Beamte auf den Markt gebracht. Diese ist passgenau und preisgünstig. Bei steigendem Bedarf besteht die Möglichkeit in einen höherwertigen Tarif zu wechseln.

Ist das eine Folge des Hamburger Modells?

Nein. Nach meinem Rollenverständnis der gesetzlichen und privaten Systeme gehören Beamte in die private Krankenversicherung. Jenen Beamten in Hamburg, die sich nun aber dennoch für die GKV entscheiden, steht natürlich unser Produktportfolio des Marktführers offen.

Im Dezember entschied der BGH zugunsten der privaten Krankenversicherer im Treuhänder-Streit, nachdem untergeordnete Gerichte PKV-Anbieter erst zu Rückerstattungen verdonnert hatte. Verstehen Sie den Ärger der Kunden über Beitragserhöhungen?

Zunächst gilt: In der PKV sind die Prämien pro Kopf auf lange Sicht weniger stark gestiegen als in der GKV. Ich verstehe aber, wenn bei Versicherten der Eindruck plötzlicher, heftiger Preissprünge entsteht. Die gesetzlichen Regelungen und hier die auslösenden Faktoren, die erst zur Überprüfung der Beiträge führen, können nur sehr wenige Menschen nachvollziehen. Ich wünsche mir daher eine Anpassung des Versicherungsaufsichtsgesetzes mit dem Ziel einer Verstetigung. Das BGH-Urteil zum Treuhänderverfahren gibt der Branche und den Kunden jetzt die notwendige Rechtssicherheit. Gleichwohl stelle ich mir die Frage, ob im Treuhändersystem Verbesserungen möglich sind. Warum können zukünftig nicht etwa auch Wirtschaftsprüfungsgesellschaften die Rolle eines Treuhänders übernehmen? Wir haben weder im Jahresabschluss für das Jahr 2017 noch im Jahresabschluss 2018 für die Treuhänderthematik eine Rückstellung gebildet. Insofern hat das Urteil für uns keine unmittelbaren finanziellen Auswirkungen.

Die Medizinbranche tut sich mit der Digitalisierung schwer: immer noch gibt es Einschränkungen zum Beispiel bei der Telekonsultation. Was unternimmt die DKV in Sachen Digitalisierung?

Ausgehend von der Landesärztekammer Baden-Württemberg wurde die Fernbehandlung teilweise freigegeben. Seit einem Jahr bietet die DKV Videosprechstunden über entsprechende Dienstleister an. Unsere Produkte sind fast alle online abschließbar. Für die private Krankenvollversicherung seit Februar. Gut eine halbe Million unserer Kunden ist in unserem Kundenportal registriert. Bei der Digitalisierung müssen wir aber differenzieren. Kunden werden nur teilweise online-affiner. Zwar nutzen sowohl junge als auch ältere Kunden Online-Zugangswege bei dafür geeigneten Bedarfsprodukten, etwa einer Auslandsreise-Krankenversicherung. Bei komplexen Produkten wie der privaten Vollkrankenversicherung nimmt aber auch die junge Generation gerne persönliche Beratung in Anspruch. Gerade hier ist unser Vermittler erste Wahl. Ich habe keinen missionarischen Auftrag, Kunden irgendwo hinzubewegen. Wir bieten online das gleiche Produkt und den gleichen Preis wie beim Vermittler. Das gilt im Übrigen zukünftig auch für die Ergo-Direkt Kunden. Wir reden auch mit Insurtechs, aber die Digitalisierung ist für uns Kerngeschäft und ist nicht auslagerbar.

Die deutsche Gesellschaft wird immer älter und verursacht damit immer höhere Gesundheitskosten. Was macht Sie dennoch optimistisch, dass die PKV in der DKV ein Zukunftsmodell ist?

Unsere Tarife sind risikogerecht und nachhaltig. Jeder PKV-Kunde entlastet mit seiner Altersrückstellung unsere Kinder und Enkel. Natürlich ist die Gesundheitsprüfung und unsere Kenntnis von Vorerkrankungen wichtig. Wer sich einmal für die PKV entschieden hat, soll für immer bleiben.

Was halten Sie von verhaltensbasierten Deckungskonzepten?

Nichts. Unsere Kunden möchten nicht überwacht werden und wir gängeln sie nicht in Bezug auf ihre persönliche Lebensführung. Die Beitragsrückerstattung bei Schadenfreiheit ist das richtige und wirksame Instrument, um einen gesunden Lebensstil zu belohnen, nicht die Überwachung. Bedenken Sie auch, manche Kunden können aufgrund von körperlichen Leiden nicht aktiver werden. Ich halte Konzepte, die auf Schritt und Tritt den Kunden vermessen, für nicht sachgerecht in der Krankenversicherung.