Carolin Gabor
Carolin GaborQuelle: Finleap
Schlaglicht

Mythos Finleap: CCO Carolin Gabor über Ping An, Erfolg und steile Lernkurven

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Erfolg weckt Interesse", das ist in kurz die Erfolgsgeschichte von Finleap, erzählt von Carolin Gabor, Chief Commercial Officer beim Unternehmen aus Berlin. Die vorläufige letzte Sprosse auf der Erfolgsleiter der Berliner war das Investment von Ping An. Warum Erfolg die Konsequenz von zuhören, lernen und Technikaffinität ist, erklärt Gabor im langen Gespräch. Bei genauem zuhören kann viel über das Innenleben, die Herangehensweise und Expansionsplänen von Finleap gelernt werden.

Das 41,5 Mio. Euro Investment der Chinesen in Finleap ist eine Anerkennung der Stärke der Berliner. Finleap baut Finanzunternehmen auf, die mit frischen Ideen und einer Menge Technik den Finanzsektor verändern wollen. Unternehmen wie die Solarisbank oder Element bieten eine Vielzahl an digitalen Angeboten, Infintec und Finreach Solutions offerieren als Plattformen unterschiedliche Tech-Services. Das Ziel ist Mehrwert für den Kunden, der sich in der Folge von den etablierten Finanzinstituten abwendet und mit seinen Finanzangelegenheiten zu einer Finleap-Tochter wechselt. Der Fachbegriff hierfür lautet Disruption, was die Berliner laut Investoren offensichtlich beherrschen. "Wie waren sehr erfolgreich beim Aufbau von Financial Services und haben eine sehr gute Bilanz vorzuweisen", kommentiert Gabor nicht ohne Stolz das Erreichte.

 

Was einmal war, dürfte Ping An zweitrangig sein. Das Investment zeigt den Glauben an das künftige Revolutionspotenzial der Berliner. "Ping An hat in uns investiert, weil sie der Meinung sind, das Finleap einen Beitrag zur Disruption des Finanzmarktes in Europa liefern kann", bestätigt Gabor. Andere Investoren sehen das ähnlich: Die Solarisbank hat über 100 Mio. Euro Investorenkapital eingesammelt, Clark 29 Millionen Dollar und Element weitere 29 Millionen Dollar.

 

Doch die Unternehmen sind nicht nur beim Geldsammeln erfolgreich, auch am Markt präsentieren sie sich für Jungunternehmen stark. "Clark hat sich als digitaler Makler durchgesetzt, und die Konkurrenz hinter sich gelassen", nennt Gabor den Versicherungsmanager als Beispiel für die Entwicklung vieler Finleap-Sprösslinge: weg vom belächelten Exoten, hin zum anerkannten Marktteilnehmer.

 

Die Solarisbank will im Jahr 2019 das erste Mal Gewinn erwirtschaften und denkt offenbar über einen Börsengang nach, Element kooperiert mit Global-Playern. "Über unsere Unternehmen wie Solarisbank oder Element fassen wir mittlerweile auch außerhalb des klassischen Finanzdienstleistungsgeschäfts bei Unternehmen Fuß, die von ihrer bestehenden Industrie aus in die Finanzwelt eintreten wollen - zum Beispiel Element mit VW. "Das finden Investoren spannend", erklärt Gabor.

 

So spannend, dass über den Ping An Global Voyager Fund über 40 Mio. Euro zu Finleap geflossen sind, was einer Minderheitsbeteiligung entspricht, wie Gabor bestätigt. Der Geschäftsführer des Fonds Donald Lacey gehört künftig zum Finleap-Beirat und wird die Interessen des Investors in Berlin vertreten. Klingt nach Widerspruch, muss aber keiner sein, denn die die Unternehmen ähneln sich.

 

Zuhören, verstehen, anwenden

 

Am Ende wollen beide Partner voneinander lernen. Ping An benötigt Wissen über den europäischen Finanzmarkt, Finleap will technisches Knowhow und Anwendungsmöglichkeiten verstehen und anwenden.

 

Der Berliner Company Builder mag hierzulande ein technisches Schwergewicht sein, doch Ping An ist ein anderes Kaliber, allein 25.000 Programmierer gehören zum Team des asiatischen Finanzriesens. "Ping An ist technisch sehr stark, im Grunde ein sehr großes Finleap. Sie haben ein Ökosystem aus unterschiedlichen, sehr stark technologiebetriebenen, Finanzdienstleistern mit Millionen Kunden geschmiedet", analysiert Gabor.

 

Bei der Zusammenarbeit gehe es nicht darum, "in den Code zu schauen", sondern gemeinsam Vorteile "entlang der Wertschöpfungskette zu entwickeln". Als Beispiel nennt Gabor eine automatische Schadenregulierung Ping Ans, die bei einem PKW-Unfall per Foto des beschädigten Eigen- und Fremdfahrzeugs erfolgt. Die Software erkennt die beschädigten Teile, vergleicht Preise und Werkstattkosten anhand einer riesigen Datenbank und erstellt unmittelbar einen Regulierungsvorschlag.

 

Nur eine von vielen Anwendungsmöglichkeiten, wie Gabor betont: "Wir wollen lernen, was die Kunden in China möchten und ausprobieren, ob die Lösungen auf dem deutschen Versicherungsmarkt anwendbar sind, auch datenschutzrechtlich".

 

Zuhören, lernen, ausprobieren, der finanztechnische Dreisprung Finleaps. In Gabors Worten: "Wir sind sehr beeindruckt, wo Ping An technisch steht, beispielsweise setzen sie bereits Blockchain erfolgreich ein. Wir tauschen aus, wir dürfen die Nutzung der eingesetzten Technik einsehen und lernen, wie das die Erfahrung für die Nutzer verbessert."

 

Kommt Ping An nach Deutschland?

 

Trotz der Zusammenarbeit wird Ping An wohl vorerst nicht direkt in den deutschen Markt einsteigen, aber natürlich ist das Investment ein Schritt, um Einblicke in den deutschen Markt und dessen Disruptionsanfälligkeit zu gewinnen. Der Investor will von Finleap die Disruption deutscher und europäischer Märkte lernen, die Berliner wollen sich mittels der Kooperation technisch verbessern und weiterwachsen.

 

Nachdem in Berlin zuletzt mit der Finanzmanagementlösung Beesy Italien in Angriff genommen wurde, ist weiteres Wachstum angedacht. "Unser Plan ist es weiterhin, das Ökosystem von Finleap zu vergrößern, mit Fokus auf Europa", erklärt Gabor. Geld sollte nach dem Investment vorhanden sein, die Erfahrung ebenso, Finleap ist bereits in 15 europäischen Ländern vertreten.

 

Alle sind Freunde?

 

Es bleiben Fragen beim Zusammenspiel zwischen Berlin und Shenzhen, schließlich sind bei Finleap auch Versicherer wie Talanx und Signal Iduna beteiligt. Dass zu viele Köche den Versicherungsbrei verderben, wischt Gabor vom Tisch: "Wir sind total glücklich, dass Ping An sich für das Investment entschieden hat, das gilt auch für alle anderen Investoren." Ein Mitspracherecht, was mit dem Geld im Konzern geschehen wird, habe Ping An nicht gestellt, aber selbstverständlich wurden die künftigen Pläne besprochen, bestätigt Gabor.

 

Welchen Einfluss das Investment von Ping An auf die deutschen (Versicherungs-) Töchter Finleaps haben wird, ist derzeit nicht bewertbar. Die Struktur des Berliner Unternehmens schützt sie allerdings vor Bedrängung. "Vom Grundprinzip her ist Finleap eine Gemeinschaft von Unternehmen. Die Gründer und Geschäftsführer der Unternehmen sind frei in ihrer Entscheidung und darin, wie sie das Unternehmen führen", stellt Gabor fest. Das ist kein übertriebener Mutterschutz, sondern kalkuliert, denn "ehrlicherweise erreichen sie nur so einen überragenden unternehmerischen Erfolg."

 

Die einzelnen Unternehmen sind frei, Ping An kann keine Technik von Element oder Clark herauslösen und für sich nutzen, ohne die Zustimmung der Abgebenden einzuholen. "Die Technologie-IT gehört den eigenständigen Unternehmen, sie können eine Weiternutzung verbieten oder genehmigen. Sie gewinnen nur Investoren, wenn das Knowhow dem Unternehmen selbst gehört", fasst Gabor zusammen. Die Töchter entscheiden also selbstbestimmt über ihre Zukunft.

 

Neben Eigenständigkeit ist Selbstbewusstsein ein wesentliches Kriterium im Finleap-Universum. "Wenn Sie einem Christopher Oster (Clark-Chef) jeden Morgen und Abend sagen, was er tun soll, wird er sich wie ein Angestellter verhalten und nicht wie ein Unternehmer, also ohne Mut zum Risiko", erläutert Gabor die interne Strategie.

 

Sie verweist nicht ohne Stolz darauf, dass sich viele Unternehmen bereits weitestgehend von der Mutter Finleap abgenabelt haben. "Es gibt unterschiedliche Phasen bei den Töchtern, Solaris Bank und Clark haben ihre B-Finanzierung abgeschlossen und eigene Ressourcen erschlossen, die brauchen Finleap nicht mehr so sehr."

 

Alles ist ein ständiges Lernen

 

Bei jungen Gründungen ist die Mutter Finleap als Sparringspartner weitaus präsenter, schließlich habe das Unternehmen den Entstehungsprozess bereits 16-mal vollzogen. Das Ergebnis sei stets dasselbe, innerhalb einer Zweijahresfrist nehme das Kümmern kontinuierlich ab.

 

Das bedeutet allerdings nicht, dass bei einer Fehlentwicklung nicht eingegriffen werde. Genau das sei eine Stärke von Finleap, erklärt Gabor. Bei Unvollständigkeit werde das Modell erweitert und anpasst. Das kann auch bedeuten, dass zwei Unternehmen zusammengefasst werden wie Finreach Solutions und Moneymap.

 

"Schaut man sich die großen, global erfolgreichen Digitalunternehmen an, dann haben die immer einen Pivot im Geschäftsmodell vorgenommen und ihr Tun angepasst oder erweitert", fasst Gabor zusammen. Solche Anpassungen im Geschäftsmodell könne ein Unternehmen wie Finleap wegen seiner Größe und Partnerschaften viel einfacher vollziehen, als ein einzelnes Fin- oder Insurtech.

 

In der Fintech-Branche könne laut Gabor gerade gesehen werden, dass viele der Unternehmen aktuell kein neues Geld mehr bekommen, da der monetäre Erfolg ausbleibe. Es sei daher kein Zufall, dass viele der Insurtechs sich jetzt bei Finleap melden würden, denn im Haus hätte man Erfahrung im Verbessern und Zusammenlegen von jungen Unternehmen.

 

Was die Berliner den Fintechs auch sagen mögen, die Fragenden sollten zuhören und lernen; Carolin Gabor und Finleap fahren damit sehr gut.

Finleap · Carolin Gabor · Ping An · Digitalisierung · Insurtechs
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