Fabian Nagler, Bitkom
Fabian Nagler, BitkomQuelle: Martin Winkel
Märkte & Vertrieb

Digitale Transformation – die Ideologie einer neuen Ära

Von Martin WinkelTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Von der bloßen Digitalisierung analoger Prozesse zum kompletten Neuentwurf von Abläufen in digitaler Form – das sei die notwendige Änderung im "Mindset" der Versicherer, um wirklich alle Potentiale auszuschöpfen. So der Tenor auf der Hacknext-Konferenz in München am 8. März. VWheute war dabei.

Sebastian Becker, Head of Tabularaza, einer Plattform für digitale Transformation des Beratungsunternehmen zeb in Hamburg, erklärt, dass Digitalisierung immer noch oft als Schritt in der Prozessautomatisierung missverstanden würde. Digitale Transformation bedeute vielmehr, alles Bisherige radikal in Frage zu stellen und Prozesse digital neu zu entwickeln. Die Zutaten dafür seien die universelle Zugänglichkeit allen Wissens beispielsweise in Wikipedia und die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts, der sich nach "Moore’s Law" etwa alle 18 Monate verdopple, so Becker.  Letztlich sei Innovation auch in der digitalen Welt aber nur eine neue Kombination bestehender Lösungen, beispielsweise von digitaler Technik mit konventionellen Autos zu autonomen Fahrzeugen. Notwendig seien allerdings nennenswerte Investitionen in Forschung und Entwicklung. GAFA - also die Technologiekonzerne Google, Amazon, Facebook und Apple – hätten allein 2017 fast 60 Mrd. US-Dollar dafür ausgegeben.

 

Deutschland hinkt bei der digitalen Leistungsfähigkeit hinterher

 

Fabian Nadler, Referent Digital Insurance / InsurTech der Bitkom, dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. in Berlin, warnt, dass Digitalisierung eine noch weitgehend ungenutzte Chance in Deutschland sei.  Denn bei der digitalen Leistungsfähigkeit sei Deutschland nur Mittelmaß im internationalen Vergleich. Gründe seien ein zu geringes Investitionsvolumen in digitale Technik, kaum große IT-Flaggschiffe in der Wirtschaft, ein immer noch stark fragmentierter EU-Binnenmarkt und eine wenig entwickelte einheimische Venture Capital - Kultur. So habe Startup Wefox bei der vor wenigen Tagen bekannt gewordenen letzten Finanzierungsrunde zwar über 100 Mio. Euro eingesammelt, aber überwiegend von ausländischen Kapitalgebern. Etablierte Anbieter von Versicherung nähmen die Chancen der Plattformökonomie noch unzureichend wahr und das Maß an Kooperationen mit Startups aus der Tech-Branche sei bei Banken und Versicherungen im Vergleich zu Maschinenbau, IT, Handel und Automobilbranche gering entwickelt. Der Rückstand sei eine Chance für deutsche Versicherer das "Financial Home" der Zukunft für Verbraucher mitzugestalten, fordert Nadler zum Handeln auf.

 

Neue Wege im Produktdesign für Versicherungen

 

Karolina Kohler und Romina Maidel, Senior Design Researchers bei Kaiser X Labs, einem Digitalunternehmen und Tochter-Gesellschaft des Allianz-Konzerns in München, betonen, dass Versicherungsprodukte beim Entwurf digitaler Prozesse besondere Anforderungen stelle, da die meisten Kunden nur auf "Triggers" mit dem Abschluss von Versicherungsverträgen reagierten. Denn Versicherung sein kein tangibles, erlebbares Produkt, sondern ein rein virtuelles Versprechen.  Zudem sei die Inanspruchnahme üblicherweise mit einer negativen Erfahrung eines Schadens oder Unfalls verbunden, der meist verdrängt werde.

 

Da eine Versicherungspolice keinen unmittelbaren individuellen Nutzen im Moment des Abschlusses biete, sollte es daher Ziel der Versicherer werden, den Abschluss als personalisiertes Erlebnis mit "Spaßfaktor" zu gestalten.  Am Beispiel von BMW illustrierte Kohler, wie reine Transaktionen wie die Fahrzeugübergabe durch personalisierte Gestaltung in der BMW-Welt zum emotionalen Erlebnis werden kann. Versicherung gelte leider nach wie vor als "ernste Sache", bei der Freude am Produkt fehl am Platze sei, bedauert Kohler. Versicherer sollten auch nach Abschluss und insbesondere im Schadenfall regelmäßig Kontakt zum Kunden suchen, ergänzt Maidel. Denn laut einer Studie von Bain & Company sei die Kundenloyalität umso höher, je mehr touch points Versicherer mit ihren Kunden hätten.

 

Modulare Produkte in der Versicherungsbranche bedeutet Denken in Lebenswelten

 

Mirko Theine, Referent bei der Beratung zeb, warnt, dass Produktzuschnitt und Abgrenzung verschiedener Sparten in der Versicherungsbranche für Kunden häufig nicht nachvollziehbar seien, da nicht mit seiner Lebenswelt kompatibel. Unverständliche Formelsprache und komplizierte Versicherungsbedingungen im Kleingedruckten kämen hinzu. Kunden hätten daher Schwierigkeiten, im starren Baukastensystem der Versicherer das passende Produkt für ihr Absicherungsbedürfnis zu finden. Meist seien Versicherungspolicen derzeit um ein unveränderliches Basisprodukt gebaut, das dann um eine begrenzte Zahl von Einschlüssen erweitert werden kann.

Der Kunde denke hingegen nicht in Produktkategorien, sondern in Lebenswelten. Theine empfiehlt Policen nach Themen wie Gesundheit, Familie, Wohnen und Mobilität zu modularisieren, d.h.  in eine Vielzahl gleichwertiger variabler Bausteine aufzuteilen und die strikte Spartentrennung zu überwinden.

 

Eine solche neue Modularität erhöhe das Verständnis beim Kunden für das Angebot, befähige den Vertrieb zu verbesserter Beratung und reduziere Kosten beim Versicherer durch eine einheitliche, effiziente Produktgestaltung. Zudem verkürze es die heute überlangen Entwicklungszeiten, die für neue Produkte typischerweise bei 12-36 Monate lägen, so Theine.

 

Veranstalter Franke Bornberg, Kaiser X Labs, zeb und DataArt luden zum zweiten Mal zur Hacknext-Veranstaltung in München. Neben einer eintägigen Konferenz mit Serie von Vorträgen steht bei Hacknext ein Hackathon im Mittelpunkt. Programmierer mit und ohne Versicherungsexpertise haben während eines dreitägigen Programmier-Marathons 28 Stunden Zeit, um aus einer Idee den Prototyp eines digitalen Tools zu entwickeln, z.B. die Funktionalität einer Smartphone App oder eine Alexa Skill. Die besten Pitches werden prämiert.

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