Einer der führenden Wissenschaftler und Thought Leader im Bereich Arbeitsrecht und Digitalisierung Prof. Dr. Jeremias Prassl aus Oxford bei seinem Vortrag.
Einer der führenden Wissenschaftler und Thought Leader im Bereich Arbeitsrecht und Digitalisierung Prof. Dr. Jeremias Prassl aus Oxford bei seinem Vortrag.
Politik & Regulierung

Neue Arbeitswelt: Versicherer und agile Manager ein Widerspruch?

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Digital, disruptiv und dekonstruiert. So lautet der Dreisprung zu Fragen, wie in Zukunft die Arbeit organisiert und gemanagt wird. Spaltet sich der Arbeitsmarkt der Zukunft auf? Schlecht ausgebildete Mini-Jober ohne Absicherung, gepaart mit der Aussicht jederzeit auf die Straße gesetzt zu werden hüben und drüben die digitalen Natives, des Programmierens mächtig angeleitet von einer exklusiven Führungselite? Welche Entwicklungen auf den Arbeitsmarkt zukommen und wie diese zum Vorteil von Unternehmen und Mitarbeitern gestaltet, dabei gleichzeitig die kreativen Potenziale der Beschäftigten gehoben werden können war Gegenstand einer von Taylor Wessing im Deutschen Museum von München veranstalteten Tagung.

Die Marschrichtung hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit seinem Credo vorgegeben: "Move first and break things!" Seitdem wird die Ökonomie alten Zuschnitts vom hochfrequenten Takt der digitalen Welt vor sich hergetrieben, Silicon Valley und West-Coast-Technology lauten hier die Schlagwörter. "Die modernen Arbeitswelt kommt, ob wir wollen oder nicht, alles was robotisiert werden kann wird auch bald von Maschinen erledigt". Darüber waren sich alle Beteiligten Experten der Tagung einig. Doch entgegen häufig geäußerten Befürchtungen, dass im Zuge der Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Machine Learning massenhaft Arbeitsplätze wegfielen und keine neuen im Ausgleich entstehen sehen Arbeitsforscher vielmehr eine Umschichtung, die zudem durchgängig für eine höhere Qualifizierung der Belegschaft sorgen wird. Eine Belegschaft, die sich nicht mehr, wie früher und auch noch heute, aus reinen Spezialisten rekrutiert - diese sind natürlich weiterhin notwendig, sondern auf die individuellen Kompetenzen der Belegschaft stützt, gemäß dem Ansatz: Jeder tut das, was er am besten kann, "Cloud Working" lautet hierzu der Terminus an den sich Arbeiter, Angestellte aber auch Manager gewöhnen werden.

 

Dabei ist es relativ unerheblich, welche Ausbildung jemand genossen hat, heute sind Problemlöser gefragt. Als Beispiel sei hier die OpenSource-Bewegung zu nennen, die den Browser Mozilla Firefox zum Beispiel oder den Email-Service Thunderbird entwickelt hat. Dies geschah freiwillig, kostenlos und selbstorganisiert und wurde damit zum Vorbild für ein modernes Verständnis von Arbeit. Analog dazu entwickelt sich heute eine sogenannte "open talent economy". Dramatisch beschleunigt wird aktuell diese Entwicklung dadurch, dass Computer schier unerschöpfliche Rechenleistungen zur Verfügung stellen können um gleichzeitig gigantische Datenmengen, die die Nutzer permanent auch noch selber generieren, zu verarbeiten, klassifizieren und zu strukturieren. Algorithmen lassen dabei Verhaltensmuster, Patterns, erkennen und Unternehmer kreieren daraus neue Geschäftsmodelle. Die Firma der Zukunft unterhält also einen "digitalen Zwilling", so Ayad Al-Ani vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und dieser Zwilling entwickelt die Themen voraus und überwacht per Sensorik deren punktgenaue Umsetzung, z.B. auf einer Baustelle und kann auch präventiv eingreifen, wenn sich eine Fehlbedienung abzeichnet. Sensoren und Fitnesstracker können in Zukunft auch Auskunft über die innere Verfasstheit der Mitarbeiter geben, wenn sich herausstellt, dass Manager A in seinen Meetings bei den Kollegen Stress und Nervosität auslöst, die die Mitarbeiter 30 Prozent ihrer Effizienz kosten, aber Manager B mit seiner Ansprache ein Plus von zehn Prozent herausholt.

 

Doch wie sieht es in der durch-digitalisierten Welt arbeitsrechtlich aus? Gilt weiter der klassische Kündigungsschutz? Welche Relevanz hat noch ein Betriebsverfassungsgesetz und welche Rolle spielen überhaupt noch Betriebsräte und Gewerkschaften? Die Antworten auf solche Fragen kristallisieren sich erst langsam heraus. Auch die noch in der alten Welt verhafteten Arbeitsrechtler stochern bei solchen Fragen im Nebel. Wie und auf welchem Niveau muss reguliert werden? Klar ist: Die Digitalisierung erhöht die Anforderungen an jeden Einzelnen was zeitliche Flexibilität, soziale Kompetenz und inhaltliche Voraussetzungen anbelangt. Dazu benötigt man auch "Agile Manager", ein Berufsbild, das sich in Großbritannien in den letzten Jahren herausgebildet hat und starke Zuwächse verzeichnet. Klar ist weiter, die Digitalisierung und Robotik verringert in den Industrieländern das Offshoring und das heißt im Umkehrschluss: Roboter kosten Jobs, jedoch in den Schwellenländern, denn dort sind solche robotisierbaren Tätigkeiten dereinst mal aus gelagert worden. Von bis zu elf Prozent Abrieb gehen die Arbeitsforscher hier aus.

Welche weiteren Konsequenzen auf die Volkswirtschaften zukommen diskutierten Jeremias Prassl (Oxford University), Sean Nesbitt (Taylor Wessing UK), Marc André Gimmy (Talor Wessing D), Ayad Al-Ani (Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft) und Enzo Weber (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Universität Regensburg). Hier das Video der Panel Diskussion: Teil eins - Teil zwei.

Taylor Wessing
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