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Schlaglicht

"Auf Rufe nach großen Reformen reagiere ich aus Erfahrung skeptisch"

Von David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Mit dem 28. Februar geht eine große Ära bei der PKV zu Ende. Genau dann nämlich verlässt der strategische Führungskopf Volker Leienbach den Berliner Verband in Richtung Ruhestand. In seiner langjährigen Amtszeit hat der PKV-Direktor geführt, gekämpft, gestaltet. Und immer weitergemacht, wenn es mal nicht lief. In seinem letzten offiziellen Interview spricht er über Medienkritik, große Gesundheitsreformen und persönliche Erfolge.

Ende 2018 wimmelte es nur von Presse-Artikeln, wie Patienten dem Beitragsschock aus der PKV entgehen oder ihre Beiträge für das Jahr 2019 deutlich senken. Haben Sie es nicht satt, sich für die Beitragserhöhungen ständig zu rechtfertigen?

Manche der von Ihnen erwähnten Medienberichte sind in der Tat ärgerlich, wenn sie Einzelfälle lustvoll dramatisieren und zugleich repräsentative Fakten bewusst ausblenden. Da beruht zum Beispiel ein „Beitragsschock“-Artikel in einer großen deutschen Zeitung auf dem aufgebauschten Fall eines einzelnen Arbeitnehmers, der nach einer Beitragserhöhung jetzt rund 600 Euro zahlt. Die Tatsache, dass derselbe Mann in der GKV 703 Euro Monatsbeitrag hätte und zudem sein Pflege-Beitrag dort mehr als doppelt so hoch wäre wie in der PKV, erfährt man nicht. Manche Medien sind da wie in einer selbstgebauten Echokammer unterwegs. Wie weit das von der Realität der 8,8 Millionen Privatversicherten entfernt ist, zeigt zum Beispiel eine repräsentative Umfrage des Emnid-Instituts im Auftrag der Verbraucherzentrale Hamburg: 90 Prozent der Befragten sind mit ihrer PKV zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

 

Wird es auf lange Sicht zu einer großen Reform kommen, bei der die Finanzierung des Gesundheitssystems grundlegend neu gedacht werden muss?

Auf Rufe nach „großen Reformen“ reagiere ich aus Erfahrung skeptisch. Dahinter steckt oft ideologischer Furor, der hat den Menschen noch nie gutgetan. Und dazu ist unser Gesundheitswesen viel zu komplex und viel zu sensibel – und viel zu gut; eines der besten der Welt. Manche Politiker rufen jetzt zum Beispiel nach einer Vollkasko-Pflegeversicherung. Sie wäre mit drastisch größeren Belastungen für die jüngeren Generationen und für den Wirtschaftsstandort Deutschland verbunden. So eine teure Lösung ist auch gar nicht nötig. Denn jeder Einzelne kann mit einer privaten Pflegezusatzversicherung mit sehr überschaubaren Beiträgen schon jetzt eine Vorsorge für 100 Prozent der Kosten im Pflegefall aufbauen. Da wäre es ein erstrebenswertes Ziel, möglichst jeden Berufsanfänger für diese preiswerte zusätzliche Vorsorge zu gewinnen. Der staatliche Zuschuss zur geförderten privaten Zusatzversicherung ist da ein guter, erster Schritt.

 

Bei aller Kritik an der PKV, sehen Sie Bereiche, wo sich die privaten Krankenversicherer tatsächlich aus Kundensicht verbessern können?

Da sehe ich vor allem zwei Felder: Die Digitalisierung – auch wenn es fast schon wie eine Binse klingt, aber die Branche ist mit Hochdruck unterwegs, um die neuen Möglichkeiten zu erschließen, von unbürokratischen Rechnungs-Apps bis hin zur Telemedizin und völlig neuen Versorgungsformen. Im medizinischen Versorgungsmanagement liegt auch das zweite große Zukunftsfeld. Die Versicherten verlangen heute deutlich mehr als eine schnelle Kostenerstattung nach dem Arztbesuch. Immer mehr erwarten kompetente Beratung und Service auf dem Weg zur optimalen Behandlung. Da gibt es schon etliche vorbildliche Programme insbesondere für chronisch Erkrankte, aber da kann und wird aus der Branche noch viel mehr kommen.

 

Und in der Tarifwelt aus Sicht der Versicherten?

Wir haben in letzter Zeit schon einiges zugunsten der Versicherten verbessert. Beispielhaft möchte ich die Selbstverpflichtung unserer „Leitlinien für einen transparenten und kundenorientierten Tarifwechsel“ nennen oder die deutlich verbesserten Mindestleistungen für Psychotherapie in den neuen Tarifen. Wir werden auch nicht nachlassen in unserem Druck auf die Politik, endlich die Regeln zur Beitragsanpassung zu modernisieren, damit Beitragssprünge vermieden werden können; und endlich den „Standardtarif“ als gut funktionierenden PKV-Sozialtarif auch für Neuversicherte seit 2009 zu öffnen.

 

Sie verabschieden sich nun in den Ruhestand. Was war Ihr größter Erfolg in Ihrer Amtszeit?

Ich erinnere mich sehr gerne an die Gründung unserer privaten Pflegeberatung „compass“. Wir hätten es uns auch bequem machen und – wie anfangs von der Politik gewünscht – eine Art Ablasszahlung an die GKV leisten können, damit unsere Versicherten die allgemeinen Pflegestützpunkte mitnutzen dürfen. Aber genau das wollten wir nicht, denn die PKV lebt auch vom Unterschied zum Einheitssystem der GKV.  Wir haben also einen anderen Weg gewählt – mit dem eigenen Qualitätsanspruch, dass wir unseren Versicherten im Pflegefall eine aufsuchende Pflegeberatung zuhause in ihrer gewohnten Umgebung anbieten können.

 

Auf dem Weg als Qualitätstreiber haben wir auch die gemeinnützige PKV-Stiftung „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP) gegründet, die Wissenschaft und Praxis vernetzt – und heute ein allseits anerkanntes Kompetenzzentrum in der Pflege ist. Wir haben zudem einen eigenen Qualitäts-Prüfdienst für Pflegeeinrichtungen aufgebaut, der bundesweit vorbildliche Arbeit leistet. Und getreu unserem Leitbild des mündigen Versicherten und Patienten ist als jüngste Gründung der PKV die gemeinnützige „Stiftung Gesundheitswissen“ entstanden, die mit verständlichen Patienten-Informationen für immer mehr Krankheiten das weltweit verfügbare Wissen der evidenzbasierten Medizin zugänglich macht, um die Versicherten dabei zu stärken, gemeinsam mit ihren Behandlern die jeweils optimale Therapie zu verwirklichen.

 

Was würden Sie im Rückblick anders machen?

Was ich heute anders machen würde? Wir haben mal mit einer politischen Aktion ziemlich daneben gelegen und uns viel Ärger eingehandelt. Aber das haben die meisten zum Glück vergessen – und deshalb werde ich es heute auch nicht mehr verraten …

 

Herr Dr. Leienbach, Ihr finales Statement, bitte.

Die PKV hat sich insgesamt als sehr solide erwiesen. Als ich vor 17 Jahren beim Verband anfing, lagen die Alterungsrückstellungen bei 76 Milliarden Euro – eine Zahl, die wir schon damals stolz hinausposaunt haben. Heute sind es über 250 Milliarden Euro. Das Vorsorgekapital hat sich also mehr als verdreifacht – und das, obwohl wir seit vielen Jahren die Folgen der europäischen Niedrigzinspolitik verkraften müssen. Das kann sich wirklich sehen lassen. Gestatten Sie mir deshalb zum Schluss die etwas pathetische Prognose: Deutschland wird im bevorstehenden demografischen Wandel noch sehr froh sein, dass es die PKV als stabile und wachsende zweite Säule für sein Gesundheitswesen hat.

 

Das vollständige Interview lesen in der Februar-Ausgabe des Magazins Versicherungswirtschaft.

Volker Leienbach · PKV