Gemeinschaft entscheidet: (v.l.n.r.) Falk Zientz, strategischer Berater von Elinor; Lukas Kunert, Geschäftsführer und Hauptinitiator des Projektes; Daria Urman, Head of Risk und Ruben Rögels, Softwareentwickler und technischer Kopf von Elinor.
Gemeinschaft entscheidet: (v.l.n.r.) Falk Zientz, strategischer Berater von Elinor; Lukas Kunert, Geschäftsführer und Hauptinitiator des Projektes; Daria Urman, Head of Risk und Ruben Rögels, Softwareentwickler und technischer Kopf von Elinor.Quelle: elinor
Schlaglicht

Gute Freunde, statt Versicherung: Was taugt der Peer-to-Peer-Ansatz in der Praxis?

Von Elke PohlTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das Prinzip der Sharing Economy durchdringt derzeit auch die Versicherungsbranche. Bei einem Schaden soll eine Gruppe darüber entscheiden, ob und wie entschädigt wird. Ein Versicherer ist nicht mehr nötig. Mit diesem Peer-to-Peer-Ansatz versucht das Start-up elinor den Markt zu revolutionieren. Kein leichtes Unterfangen.

Was ist der Unterschied zwischen einer „Absicherungsplattform“ und einem Versicherer? Die Plattform biete zwar als Endprodukt ebenso Absicherung von Risiken, trage aber kein Risiko, wie es klassische Versicherer tun. Das ist die Einschätzung von elinor-Gründer und -Chef Lukas Kunert. Denn das Risiko wird durch die Mitglieder der Peer-to-Peer-Gruppen geteilt, die sich für die Absicherung eines bestimmten Risikos zusammengeschlossen haben. Elinor biete nur den Rahmen sowie die technischen und administrativen Voraussetzungen dafür. Peer-to-Peer bedeutet sinngemäß Kontakt oder Kommunikation zwischen Gleichgestellten.

 

Auf die Welt der Versicherung oder Absicherung bezogen heißt das, Menschen mit dem gleichen Bedürfnis nach Absicherung eines Risikos schließen sich zu kleinen Gruppen zusammen, um im Schadenfall finanziell füreinander einzustehen. Dieser Gedanke des „Sharings“, also des Teilens – in diesem Fall des Risikos – hat sich bereits in vielen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens durchgesetzt. Carsharing oder Foodsharing zeigen, dass es funktioniert. Nur eben anders als klassische Modelle.  


„Unsere Gruppen etwa für Krankentagegeld oder Handyversicherung sind aktuell noch sehr klein und sollten auch nicht größer als 50 Menschen werden. So empfehlen unter anderem die Broodfonds aus den Niederlanden auch Gruppengrößen bis 40 Menschen“ erklärt Kunert. „Peer-to-Peer beruht auf dem Bewusstsein der Mitglieder, Verantwortung füreinander zu tragen und solidarisch zu sein. Bei relativ kleinen Gruppen könne zudem betrügerisches Verhalten von den Gruppenmitgliedern als auch von der Plattform schnell bemerkt werden. Das Problem des „moral hazard“, dass sich Personen mit einer Versicherung weniger vorsichtig verhalten als ohne Absicherung, könne so weitgehend vermieden werden. Auf die Frage, für wen sich sein Angebot eigne und ob es nur junge Leute seien, berichtet Lukas Kunert von einem Erlebnis mit älteren Damen von einem Dackelzuchtverein, mit denen er bei einer Hundemesse ins Gespräch kam. „Sie haben nach wenigen Minuten unser Modell verstanden, und waren begeistert. Denn das Thema Krankheitskosten für ihre Tiere war für sie absolut präsent“, so seine Erklärung. Es müssten sich nur Menschen mit den gleichen Interessen und Bedürfnissen zusammenfinden, wobei sie sich nicht unbedingt persönlich kennen müssten. Dabei könne eine persönliche Beziehung den Solidaritätsgedanken und das Zusammengehörigkeitsgefühl noch verstärken.

Man benötigt viele Freunde

Natürlich kommen auch in den Gruppen von elinor Schäden vor. Wobei die Erfahrungen mit Schäden noch gering sind, da elinor erst 2018 gegründet wurde. „Im Prinzip entscheidet die Gruppe darüber, ob und wie entschädigt wird. Um Willkür zu vermeiden, werden in den Gruppenverträgen aber die Voraussetzungen und die abgesicherten Risiken definiert“, macht Kunert deutlich. Die Gruppe kann auch nein sagen, wenn etwa bei einem Mitglied Missbrauch vermutet wird. Das sei der natürliche Sicherheitsmechanismus, für den Versicherer ganze Abteilungen brauchen. Doch gebraucht werde er selten, wie auch internationale Erfahrungen zeigen. Stattdessen herrsche in den Gruppen eine großzügige, von Feingefühl beherrschte Atmosphäre. Und man helfe sich auch außerhalb der eigentlichen Risikoabsicherung, etwa was Prävention betrifft, aber auch in anderen Bereichen. Insgesamt empfindet Kunert den Moment, wenn Schäden beglichen werden, als etwas Besonderes. Er schildert ein Beispiel: „Einem unserer Nutzer ist sein Smartphone kaputtgegangen. In kürzester Zeit gab seine Smartphone-Gruppe grünes Licht und so hatte er innerhalb von drei Tagen das Geld für die Reparatur auf dem Konto. Also: Es funktioniert.“

 

Nicht ganz so optimistisch urteilt Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Sparpotential kann bei diesem System durchaus bestehen“, räumt sie ein. „Um dieses Sparpotential aber bestmöglich zu nutzen, benötigt man viele Freunde. Dadurch besteht dann aber auch ein finanzielles Risiko. Denn nur wenn niemand aus diesem Freundeskreis einen Schaden meldet, zahlt man tatsächlich den günstigen Versicherungsbeitrag. Da kleinere Schäden das Guthaben der Freunde ohne Prüfung belastet, gibt es keinen Missbrauchsschutz.“ Ersparnisse bei Versicherungsbeiträgen könne man entsprechend nur dort erwarten, wo kein Schaden passiert und mit fairen Karten gespielt wird. Sei das nicht der Fall, könnten „Freundschaften“ gefährdet sein, da – wie schon der Volksmund weiß – bei Geld Freundschaften aufhören. Weidenbach sieht an der Stelle entsprechend großen sozialen Sprengstoff. 

Beiträge liegen im Marktdurchschnitt und zielen nur auf Nischenprodukte

Bei Schäden richtet sich die Entscheidung nach den selbst gestellten Regeln der Gruppe und dem Votum der Gruppenmitglieder. Elinor mischt sich nicht ein, sondern wird dann aktiv, wenn das Kollektiv sich für eine Schadenzahlung entscheidet. Sollte es in einer Gruppe zu gehäuften – gerechtfertigten – Schadenzahlungen kommen, gibt es Elemente, die diesen Fall abfedern, erklärt Kunert. So werden auch Puffer gebildet, die im Falle des Falles eingesetzt werden können.
Und wie werden die Beitragszahlungen errechnet? Auch hier hilft Elinor den Gruppen mit seinem kalkulatorischen Know-how, die richtigen Beitragshöhen festzulegen. Beim Krankentagegeld für Selbstständige etwa richtet sich der Beitrag vor allem danach, ab welchem Krankheitstag das Geld fließen soll, und danach, wie hoch das monatliche Krankentagegeld im Krankheitsfall ausfällt. Bei der Fahrradversicherung wird ein Prozent des Neupreises als Beitrag empfohlen, bei einem 1.000-Euro-Fahrrad also zehn Euro Monatsbeitrag. „Das ist nicht preiswerter als bei klassischen Versicherern, sondern liegt im Marktdurchschnitt“, sagt Kunert.  Allerdings sei der Preis auch nicht das zentrale Motiv sich in Peer-to-Peer-Gruppen zusammenzuschließen.

 

Thomas Zwack vom Center for Leading Innovation & Cooperation, Leipzig Graduate School of Management (HHL) sowie Versicherungsforen Leipzig, forscht schon lange über den Peer-to-Peer-Ansatz und hat sogar das Sharing-Modell in der Praxis ausprobiert. "Als Jäger kenne ich die Problematik der Wildschäden, die bis heute kein Versicherer in Deutschland absichert. Wild richtet Schäden im Forst und auf landwirtschaftlichen Nutzflächen an, für die der Jagdpächter persönlich haftet. Diese Schäden summieren sich jedes Jahr in Deutschland auf mehrere hundert Millionen Euro. Als ich den Jägern aus meinem Umfeld den Vorschlag machte, sich zusammenzuschließen und das Risiko gemeinsam zu tragen, gab es große Zustimmung. Ich habe daraufhin die Anteile meiner eigenen Unternehmensberatung verkauft, an der HHL Leipzig Graduate School of Management fünf Jahre am Thema Peer-to-Peer-Geschäftsmodellen in der Versicherungswirtschaft geforscht und die Ergebnisse anschließend veröffentlicht:." (Zwack, T.:  Peer-to-Peer-Geschäftsmodelle zur Absicherung privater Risiken – Eine Exploration am Beispiel Wildschaden. Springer Gabler, Wiesbaden, 2017).

 

Die Sharing Economy hat nach der Auffassung von Zwack für alle Branchen ein extrem hohes Potential. "Im Versicherungsbereich sehen wir bisher allerdings noch keine wirklich tragfähigen Modelle – obwohl es auch hier große Möglichkeiten gibt." Bisher ist aber noch kein Quantensprung gegenüber herkömmlichen Versicherungslösungen zu beobachten. "Viele Peer-to-Peer-Anbieter sichern Risiken ab, für die es bis heute noch keinen oder nur unzureichenden Versicherungsschutz gibt sowie Nischenprodukte wie etwa Fahrrad und Mobiltelefon. Die neuen Produkte sind oftmals noch zu komplex und die Preise unterscheiden sich kaum von herkömmlichen Versicherern", betont Zwack. Die klassischen Versicherer bleiben noch entspannt. Zwack: "Im Moment sieht in ihnen noch niemand eine wirklich ernsthafte Konkurrenz. Mit dem Pionier Friendsurance gibt es ja in Deutschland ein Unternehmen, dass sich an Peer-to-Peer bereits 2010 versucht hat. Allerdings ist heute nur noch ein kleiner Teil des Angebots wirkliches Peer-to-Peer, der Rest geht eher in Richtung traditionelle Versicherungsvermittlung."

 

Was hält der Experte nun von elinor?  "Die Gründer gehen einen etwas anderen Weg. Sie verzichten zunächst auf Werbung und Fremdkapital. Entsprechend können sie ohne Druck von Kapitalgebern agieren und in Ruhe herausfinden, was Kunden wirklich möchten. Zudem haben sie mit der GLS Bank einen vertrauenswürdigen Partner für die Geldanlage gefunden. Sie haben die Chance, eine echte Marke zu werden", glaubt Zwack.