Marcus Reichel
Marcus ReichelQuelle: Knauf
Schlaglicht

Internationale Haftpflichtprogramme: "Versicherer können Daten nicht in einer standardisierten Form zu Verfügung stellen"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Auf der Suche nach dem weltweiten Versicherungsschutz. Marcus Reichel, Geschäftsführer, Knauf VVG Versicherungsservice und -Vermittlungs GmbH, ist für die Versicherungsdeckung eines internationalen Großunternehmens verantwortlich. Ein tiefes Gespräch über die Grenzen von Schutz, Captives, (Tech-) Versäumnisse der Versicherer und Plattformen als Lösungen.

Knauf ist ein global tätiger Hersteller von Baustoffen und Bausystemen. Das Unternehmen ist heute weltweit auf allen fünf Kontinenten in mehr als 86 Ländern an über 220 Standorten mit Produktionsstätten und Vertriebsorganisationen vertreten. Knauf Werke produzieren moderne Trockenbausysteme, Putze und Zubehör, Wärmedämm-Verbundsysteme, Farben, Fließestriche und Bodensysteme, Maschinen und Werkzeuge für die Anwendung dieser Produkte ebenso wie Dämmstoffe.

 

Im Jahr 2016 erwirtschaftete die Unternehmensgruppe Knauf weltweit mit rund 27.400 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 6,5 Mrd. Euro.

 

Klar, dass ein solches Unternehmen einen umfassenden Schutz benötigt und aus der täglichen Arbeit die Probleme der Versicherer kennt. Ein Gespräch mit Marcus Reichel.

 

VWheute: Herr Reichel, wie stellen Sie sich ein optimales internationales Haftpflichtprogramm vor?

 

Marcus Reichel Idealerweise würde ich mir wünschen, dass ich nahezu alle Mastervereinbarungen 1:1 in allen Lokalpolicen wiederfinde. Hier möchte ich sehr gerne die Netzwerksteuerung der Zurich Gruppe anführen, die Implementierung 2019 war sehr gut.  Auch konnten wir zusammen Lösungen schaffen, die einen echten Mehrwert für uns bedeuten. Weiterhin sollten alle Prämien und demzufolge auch alle Schadensfälle zediert und an einer zentralen Stelle im Versicherungsunternehmen gemanagt werden können. Falls der Kunde dann noch tagesaktuellen Zugriff auf diese zentrale Koordinierungsstelle hat, wären wir einen großen Schritt weiter.

 

VWheute: An was hapert es seitens der Versicherer, insbesondere technisch.

 

Marcus Reichel: Aus meiner Sicht verfügt kein Versicherer über ein global einheitliches System zur Pflege von Schadendaten, weshalb eine globale Übersicht über die aktuelle Schadensituation eines Kunden nur mit großem manuellem Aufwand und unter hoher Fehleranfälligkeit möglich ist. Ähnlich verhält es sich mit den Übersichten über die gezahlten Prämien. Dieses Problem lässt sich in der Regel darauf zurückführen, dass Versicherer keine vereinheitlichten IT Systeme besitzen, sondern vielmehr eine historisch gewachsene Systemlandschaft verwenden.

 

Verschärft wird dieses Problem noch dadurch, dass Versicherer in vielen Ländern auf die Hilfe von dritten Unternehmen zurückgreifen, beispielsweise beim Fronting von internationalen Programmen. Diese haben oft Ihre eigenen lokalen Prozesse und Systeme, die nicht mit den globalen Prozessen des Versicherers abgestimmt und standardisiert sind, was die Systemvielfalt erhöht.

 

Ein weiteres Problem ist, dass Versicherungssysteme keine Informationen zu gezahlten Selbstbehalten des Kunden enthalten. Um eine Ground-Up Sicht der Schäden, beispielsweise für Captive-Analysen, zu erhalten, muss aus Kundensicht immer nachgearbeitet werden.

Aus Kundensicht bleibt uns nur daher meist nur übrig, die unvollständigen, widersprüchlichen Daten aus den unterschiedlichen Systemen der Versicherer selbst zu verknüpfen, diese dann mit unternehmensinternen Daten anzureichern und als Basis für Analysen und Ausschreibungen zu verwenden. Ich selbst arbeite zu diesem Zweck mit der Firma Riskeeper AG zusammen, die sich auf die Konsolidierung von Versicherungsdaten spezialisiert hat.

 

VWheute: Setzen Versicherer noch zu sehr auf Excel statt Plattformen?

 

Marcus Reichel: Meine Vorstellung für die zukünftige Zusammenarbeit mit Versicherern beinhaltet technisch einen automatisierten Datentransfer. Ähnlich wie Banken, sollten Versicherungen die Kundendaten zur Verfügung stellen können.  Versicherungsnehmer stellen sich heutzutage unterschiedliche Herausforderungen, die mit technischer Unterstützung optimiert werden können.

 

Durch manuelle Prozesse, beispielsweise bei der Erstellung und Finalisierung lokaler Versicherungsscheine kommt es zu vielen Fehlerquellen. Es gibt viele manuelle, langwieriger Prozesse, die zeit- und kostenintensiv sind, sowohl auf Seiten der Makler/Versicherungsnehmer, als auch für die Versicherungen. Auch die Stammdatenpflege ist auf allen Seiten ein bisher manueller fehleranfälliger Prozess.

 

Eine API zu den Daten der Versicherung, die dem Kunden einen automatisieren Datenaustausch ermöglicht, würde zu Zeit- und Geldersparnis führen. Zudem wäre die Datenintegrität gewahrt und Metadaten würden durch die Überführung in ein PDF nicht verloren gehen. Hierzu zählen Daten wie beispielsweise Gradings und Geodaten. Diese Daten werden nach Erhalt des PDFs wieder manuell von der Empfängerseite hinzugefügt werden.  Fehler durch manuelle Übertragung von Daten oder durch Fehlinterpretation würden minimiert werden. Zudem könnten Stammdaten automatisiert ausgetauscht werden. Die Aktualisierung bei Namensänderungen und Verschmelzungen könnten in Echtzeit automatisiert weitergegeben werden. 

Weitere Quellsysteme neben den Daten der Versicherungen wie das Handelsregister, Wetterdaten oder andere Livestream-Daten könnten von Versicherungsnehmern in einem internen Datalake mit weiteren internen Quellen übernommen werden.

Sie benötigen auf beiden Seiten ein tiefes Grundverständnis zu den Themen und Risiken, denen man sich global stellen will und kann.
Marcus Reichel

VWheute: Ihr Unternehmen ist in 90 Ländern beschäftigt, alle mit verschiedenen Haftungs- und Versicherungsregeln, wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Versicherer(n) in der Praxis.

 

Marcus Reichel: Wir arbeiten international mit der Zurich sehr gut zusammen. Die Anforderung, dass wir auch die Zurich als potenzielle Datenquelle für unseren internen Assessments in Betracht ziehen ist relativ neu, so dass ich hier noch keine Bewertung abgeben kann. Es bewegt sich aber in die richtige Richtung. Die Steuerung des eigenen Netzwerks und die Steuerung des Versicherernetzwerks ist arbeits- und zeitintensiv und trotz aller Digitalisierungswellen ist es imminent wichtig, dass der persönliche Kontakt auf beiden Seiten in allen Erdteilen aufrecht gehalten und zusammengearbeitet wird.

 

 

VWheute: Mit wie vielen Versicherern arbeiten Sie zusammen, hat ihr Unternehmen eine "Universaldeckung" oder viele einzelne Bausteine, da sie ja nicht nur in der Baubranche und -Produktion tätig sind.

 

Marcus Reichel: Wir versuchen unserer Beziehungen zu Maklern und Versicherer zu konsolidieren, um möglichst wenige "blind spots" weltweit zu haben. Zum einen treibt uns die Marktkonsolidierung sowieso in diese Richtung, zum anderen wollen wir nur mit wenigen, aber starken Partnern arbeiten und unsere eigenen Lösungen kreieren. Dafür benötigen Sie auf beiden Seiten ein tiefes Grundverständnis zu den Themen und Risiken, denen man sich global stellen will und kann.

 

 VWheute: Sie sind der Meinung, dass Captives eine Ergänzung zu Versicherungen von Dritten sind, können Sie diesen Gedanken präzisieren?

 

Marcus Reichel: Ich bin davon überzeugt, dass u.a. Captives einen Mehrwert für multinationale Unternehmen schaffen können. Zum einen kann der Versicherungsschutz noch individueller dargestellt werden, gerade in den Wachstumsländern. Ich denke hier zum Beispiel an die Gestaltung von Selbstbehaltsvarianten innerhalb eines Unternehmens mit verschiedenen Industriezweigen oder Umsätzen.  Die interne Steuerung von Schadensfällen, das Tracking der Policenausstellung und weitere reine Governance-Themen innerhalb des Industrieunternehmens können transparenter gestaltet werden.

 

VWheute: Die Versicherer sitzen auf einem Berg voller Daten, die Sie ihrer Meinung nach nicht richtig nutzen.

 

Marcus Reichel: Die Versicherer sind nicht in der Lage, die Daten in einer standardisierten Form zu Verfügung zu stellen, geschweige denn automatisiert. Von außen betrachtet ist es demnach schwer vorstellbar, dass Versicherer die Daten in der bestehenden Form auswerten.

Mithilfe von Datenauswertungen können Angebote für Versicherungsnehmer individualisiert und optimiert werden. Versicherungen können mithilfe dieser Insights von einem reinen Standard Dienstleister zu einem Partner weiter entwickeln, der gemeinsam mit dem Kunden die optimale Lösung sucht und findet. Ein transparenter Umgang führt zu einer Win-Win-Situation zwischen Versicherer und Versicherungsnehmer. Als positives Beispiel fällt mir hier die Kooperation mit Praedicat ein. Versicherungsunternehmen müssen umfangreiche Daten gerade aus Schadensfällen haben, z.B. aus der chemischen/pharmazeutischen Industrie. Genau dieses Knowhow gilt es dann für den Kunden erlebbar zu machen, um Fragestellungen nach Selbstbehalten, Beitragserhöhungen und/oder Captive-Beteiligungen auf ein völlig neues und höheres Qualitätsniveau zu bringen.

Industrieversicherung ist eine hoch individuelle Vertragskonstellation zwischen Kunde und Versicherer
Marcus Reichel

VWheute: Sie kritisieren die Kommunikationsstrategie der Unternehmen gegenüber großen Kunden, was genau stört sie dabei?

 

Marcus Reichel: Aus meiner Sicht ist die gesamte Industrieversicherung, und ich zähle in diesem Fall auch die "Financial Lines" hinzu, eine hoch individuelle Vertragskonstellation zwischen einem Kunden und seinem Versicherer. Mit pauschalen Aussagen, alle müssen 10 oder 20 Prozent mehr bezahlen, würde wir uns alle widersprechen. Als Verantwortlicher für die gesamte Versicherungslandschaft meines Unternehmens, trage ich dafür Sorge, dass wir genau diesen individuellen Versicherungsschutz haben. Bei Marktupdates innerhalb meines Unternehmens kommen natürlich auch diese Themen zur Sprache und es kommt relativ schnell die Frage: "Wir sind aber schadensfrei, was machen wir dagegen?"

Somit ist meiner Meinung nach die Reputation des Anbieters schneller beschädigt, als mit einer individuellen Ansprache von Kunden.

 

Das Interview basiert auf dem Vortrag von Marcus Reichel, den er auf der Veranstaltung "Haftpflicht" in Hamburg hielt – VWheute berichtete.

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