Dennis Just, einst gefeierter Star am Insurtech-Himmel, arbeitet heute bei Ergo Direkt.
Dennis Just, einst gefeierter Star am Insurtech-Himmel, arbeitet heute bei Ergo Direkt.Quelle: Knip
Schlaglicht

Deutsche Insurtechs: Höhenflieger oder Bruchpiloten?

Von Martin ThalerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Der deutsche Insurtech-Markt boomt nach wie vor. Doch nur wenige Firmen des ersten Start-up-Aufschwungs haben überlebt – geschweige denn die Versicherungsbranche disruptiert. Welche Geschäftsmodelle sind tatsächlich nachhaltig? Zeit, Bilanz zu ziehen.

Es sind nicht die leisen Worte, für die deutsche Insurtech-Unternehmen bekannt sind: "Wir sind gestartet, um Europas größte digitale Versicherung zu werden", lässt der Berliner Digitalversicherer Coya vollmundig verkünden. Auch andere Unternehmen der Branche verkünden hochgesteckte Ziele. Man wolle das "Amazon der Versicherungsbranche" werden, gibt der sich noch in den Startlöchern befindende Versicherer Flypper die Marschrichtung vor, der Online-KrankenversichererOttonova lässt sich als "Gamechanger" feiern. Doch sind diese ambitionierten Zielvorgaben für bare Münze zu nehmen? Klappern gehört schließlich zum Handwerk. Und im Wettstreit um Kunden und Investoren kann ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit sicher nicht schaden.

Denn der deutsche Insurtech-Markt ist in den vergangenen Jahren merklich gewachsen: Laut der "Insurtech Datenbank" des Beratungsunternehmens Capgemini Invent waren im November 2018 insgesamt 112 Insurtech-Unternehmen verschiedener Ausprägung in Deutschland aktiv. Die Tatsache, dass 70 Prozent hiervon in den vergangenen vier Jahren gegründet wurden, unterstreicht die Dynamik des deutschen Marktes. Investoren scheinen dabei zunehmend vom Erfolg der „jungen Wilden“ überzeugt zu sein. So sammelten deutsche Insurtech-Unternehmen im Jahr 2017 laut der "Insurtech-Funding-Studie" von Finanzchef24 insgesamt 74 Mio. US-Dollar ein. Diese Zahl dürfte 2018 übertroffen worden sein. So gab es allein schon für den Online-Versicherungsmakler Clark 29 Mio. Dollar, Coya erhielt von Investoren knapp 30 Mio. Dollar. Wefox, zu dem auch der Online-Versicherer One gehört, will derweil gar 250 Mio. Dollar einsammeln, wodurch die Berliner zum ersten deutschen "Unicorn"-Insurtech avancieren könnten." 20 bis 40 Mio. Dollar würden zum Betrieb eines solchen Geschäfts auf jeden Fall benötigt. Doch wer hat sich wie über die letzten Jahre geschlagen? Zeit, einmal Bilanz zu ziehen.

Zahlen bleiben unter Verschluss

So ambitioniert die jungen Unternehmen ihre Ziele postulieren, so kleinlaut sind sie, sobald es um konkrete Abschlusszahlen geht. Die Baloise-Tochter Friday erklärt, in ihren ersten acht Monaten 15.000 Kfz-Policen verkauft zu haben, bei Nexible will man bis Ende 2017 20.000 Fahrzeuge versichert haben. Die W&V-Digitalmarke Adam Riese, die Haftpflicht-, Rechtsschutz- und Hausratversicherungen vertreibt, hat nach eigenen Angaben einen Stamm von „mehreren zehntausend Kunden“ gewinnen können. Auch bei Coya gibt man sich wort- bzw. zahlenkarg. Aber auch wenn konkrete Zahlen fehlen - das Geschäftsmodell der "Full Stack Carrier" gilt als vielversprechend. Die neueste Ausgabe des Insurtech-Radars, den die Beratungsfirma Oliver Wyman gemeinsam mit Policen Direkt 2017 vorgelegt hat, attestierte den Digitalversicherern sowohl ein hohes Marktpotenzial als auch gute Erfolgschancen. "Diese Einschätzung hat auch 2018 Bestand", versichert Studienautor und Partner bei Oliver Wyman, Dietmar Kottmann. "Sie sind gekommen, um zu bleiben“, zeigt sich auch Jan Thomas Schmale, Senior Consultant bei Capgemini Invent, vom Geschäftsmodell überzeugt. Dies bedeute aber nicht zwangsläufig, dass dies auch für die derzeit am Markt aktiven Player gelte, schiebt Schmale hinterher. 
Zu den wenigen Unternehmen, zu denen konkrete Zahlen vorliegen, gehört Ottonova. Gerade einmal eine dreistellige Anzahl an Kunden konnte die "Krankenversicherung 2.0" im ersten Jahr überzeugen. Das ist deutlich zu wenig - 12.000 Kunden brauche man, um einen Break-Even zu erreichen, hatte Ottonova-Chef Roman Rittweger einst ausgegeben.
Die Vertriebsbemühungen wurden daraufhin intensiviert. So wurde Jesko David Kannenberg als neuer Vertriebschef an Bord geholt, Fernseh-Investor Frank Thelen trommelt in Werbeanzeigen für das Unternehmen. Ob diese Bemühungen Früchte tragen, wird erst der nächste SCFR-Bericht zeigen. Das Schweizer Start-up Knip galt dank beeindruckenderDownload-Zahlen lange Zeit als Star unter den digitalen Versicherungsmaklern. Letztlich wurde allerdings bekannt, dass die Zahl der aktiven Nutzer gerade einmal bei 20.000 lag - zu wenig angesichts der hohen Kosten für die Neukundengewinnung. Im Sommer 2017 wurde Knip mit dem niederländischen Software-Anbieter Komparu zur Digital Insurance Group fusioniert, Knip-Gründer Dennis Just wechselte zur Ergo Direkt. Still geworden ist es auch um das Hamburger Start-up safe.me, das einst mit einem virtuellen Versicherungsberater an den Markt gehen wollte. Die Homepage ist vom Netz genommen, Gründer Michael Stork hat mittlerweile bei einem Maklerpool angeheuert.
Die Frage, die sich hier zwangsläufig anschließt, lautet: Kommt die Disruption von innerhalb der Branche oder von externen Playern? Schon länger wird in diesem Zusammenhang
auf Amazon und Google geschaut, denen eine Expansion ins europäische Versicherungsgeschäft nachgesagt wird. Als realistischer gelte da schon ein Einstieg asiatischer Versicherer in den deutschen Markt. An könnte den deutschen Markt in Sachen Digitalisierung gehörig in Bewegung bringen. Allein 22.000 IT-Experten und Programmierer werden von den Chinesen beschäftigt. "Die entscheidende Frage für Unternehmen wie Ping An oder auch Zhong An wird sein, welche Geschäftsmodelle sich leicht internationalisieren lassen", ist Dietmar Kottmann überzeugt. Die Eigenheiten des deutschen Krankenversicherungssystems dürfte da eher abschreckend wirken. Ob die Disruption nun kommt oder nicht – der deutsche Insurtech-Markt bleibt in Bewegung.
Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
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