Wolff Graulich
Wolff GraulichQuelle: Element
Unternehmen & Management

Graulich: "Versicherungsprodukte im Sinne einer Versicherungsdeckung waren von jeher leicht kopierbar"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Was kann die Versicherungsbranche von der Automobilindustrie lernen? Element-Vorstand Wolff Graulich sieht im Exklusiv-Interview mit VWheute vor allem die Insurtechs in einer Zulieferer-Rolle für die etablierten Player: "Diese Zulieferer-Rolle, die wir hier einnehmen, wird bereits erfolgreich in der Automobilindustrie angewendet. Jeder Deutsche würde zustimmen, dass Autohersteller eine außergewöhnliche Markenidentität besitzen - während jedoch deren Produkt zu knapp drei Vierteln von Zulieferern hergestellt wird."

Sie sind der Meinung, dass Versicherer mehr den Weg gehen müssen wie Autozulieferer, also mehr Fremdleistungen einkaufen und dann mit den eigenen Kernleistungen zu einem stimmigen Produkt zusammenzufügen. Können Sie diesen Gedanken präzisieren?

Die Digitalisierung ist längst in der Versicherungsbranche angekommen. Damit geht einher, dass Versicherungsprodukte komplett digital werden müssen - und zwar über den ganzen Lebenszyklus hinweg. Produkte, die das nicht sind, entsprechen oft nicht mehr den Erwartungen der Kunden und Vertriebspartner - und sind im Unterhalt schlichtweg teurer. Ebenso entgeht Umsatz, wenn ich neue Produkte erst nach einem teuren und langwierigen Prozess auf den Markt bringen kann. Das Zulieferkonzept bietet hierfür Lösungen. Mit uns können Versicherer neue, auch auf spitze Zielgruppen zugeschnittene und individualisierte Produkte innerhalb kürzester Zeit auf den Markt bringen. Für die Implementierung eines solchen benötigen wir zum Beispiel einen knappen Monat. Übrigens liefern wir Versicherungsprodukte genauso Unternehmen außerhalb der Versicherungsindustrie zu – für diese übernehmen wir dann grundsätzlich die Risikoabsicherung, während wir das in der Zusammenarbeit mit Versicherern flexibel gestalten können.  

Wenn ein Unternehmen viele Dienstleistungen einkauft, droht da nicht die Gefahr, die eigene Identität aufzugeben oder beliebig zu werden. Wie begegnet Element dieser Gefahr?

Allgemein betrachtet gibt es diese Gefahr. Jedoch nicht in unserem Ansatz - wir unterstützen und ermöglichen unsere Partner, die Kundenansprache läuft vollkommen über sie. Diese Zulieferer-Rolle, die wir hier einnehmen, wird bereits erfolgreich in der Automobilindustrie angewendet. Jeder Deutsche würde zustimmen, dass Autohersteller eine außergewöhnliche Markenidentität besitzen - während jedoch deren Produkt zu knapp drei Vierteln von Zulieferern hergestellt wird. Auf uns bezogen besteht diese Gefahr ebenso wenig - die Dienstleistungen, die wir zukaufen, sind Dinge wie Zahlungsdienstleister oder Cloud Kapazitäten. Hier über Drittanbieter zu gehen, macht uns flexibler, aber schränkt uns nicht ein. Der wettbewerbsrelevante Hauptteil unserer Plattform ist von uns entwickelt.

"Wir bauen im Bereich IT nur das selbst, was wir als Kernkompetenz sehen". Können Sie präzisieren, welche Bereich das sind und vor allem warum?

Unsere Kernkompetenz im Technologiebereich ist unsere modulare Plattform und diese ist für den größten Teil der Wertschöpfungskette proprietär, stammt also aus eigener Entwicklung. Diese Plattform ermöglicht es uns, neue Versicherungsprodukte innerhalb von nur einem Monat auf den Markt zu bringen. Zentral für die Schnelligkeit der Plattform sind zum einen zügig ablaufende Prozesse, z.B. in der Preisberechnung oder der Produktmaschine, vor allem aber ein effektives Zusammenspiel der einzelnen Teile. Die Prozesse, die wir hinzukaufen, entsprechen den gleichen Anforderungen.

Welche Kompetenzen braucht man, um den richtigen Partner zu finden, der dann die fehlenden Softwarekomponenten liefert?

Weniger kaufen wir Softwarekomponenten hinzu, als gewisse Dienstleistungen. Zahlungsdienstleister beispielsweise sind auf diese stark regulierten Prozesse spezialisiert, hier das Rad neu zu erfinden, macht für uns keinen Sinn – denn dies würde uns nicht schneller machen. Bei der Einbindung solcher Dienstleister ist natürlich wichtig, dass die Schnittstelle sauber funktioniert, bei professionellen Anbietern ist das jedoch selbstverständlich gegeben. Auf der anderen Seite ergänzen wir unsere Plattform um sehr spezifische Services, die wir nahtlos in unsere IT integrieren, z.B. unsere BiPro-Schnittstelle, die wir für die Anbindung von Maklern und Maklerverbünden bereitstellen.  

Haben junge Unternehmen wie Ihres einen Vorteil, weil sie ohne Altlasten aufbauen können, oder die Etablierten mit den ganz tiefen Taschen?

Tiefe Taschen sind nie falsch. Wir können jedoch bei der Architektur und den Hauptprozessen mit einem weißen Blatt Papier beginnen, d.h. Dinge von Grund auf neu gestalten. So gelang es uns, innerhalb von nur kurzer Zeit unsere Plattform zu entwickeln - die Altlasten weitgehend zu vermeiden hilft. Bei großen Unternehmen finden sich oft auch nach einer IT-Modernisierung noch an vielen Stellen Komponenten und Umsysteme, die nicht zusammenpassen oder einfach veraltet sind. Somit werden die Prozesse dort ungemein verlangsamt.

Wenn Sie eine Partnerschaft mit einem Etablierten eingehen, wie stellen Sie sicher, dass dieser Ihre Ideen und Konzepte nicht kopiert und ggf. selbst anbietet?

Produkte im Sinne von einer Versicherungsdeckung waren von jeher leicht kopierbar. Aber wir verstehen als Technologieunternehmen unter "Produkt" die Gesamtheit - die Klauseln, die Dokumente, die IT Abwicklung, der Lebenszyklus sowie sämtliche Prozesse, mit denen Kunden oder Partner in Berührung kommen. Dies alles nahtlos zusammenzuführen ist jedoch nicht mehr so leicht nachzuahmen. Somit ist unsere Plattform und unsere kombinierte Kompetenz - in Versicherung als auch Technologie - einzigartig.

Das Angebot mit VW wurde ausgeweitet, was ist als nächstes geplant?

Gemeinsam mit VW arbeiten wir derzeit an weiteren Produkten. Auch diese werden unserem Ansatz, Lösungen für Alltagsprobleme zu bieten, entsprechen.

Wolff Graulich · Element
Auch interessant
Zurück
29.05.2019VWheute
Neuer Vorsit­zender und CTO bei Element Der Digitalversicherer hat seine Führung neu aufgestellt: Neben der Ernennung von Christian Macht zum …
Neuer Vorsit­zender und CTO bei Element
Der Digitalversicherer hat seine Führung neu aufgestellt: Neben der Ernennung von Christian Macht zum Vorstandsvorsitzenden erweitert die "White-Label-Produktfabrik für Versicherungen" ihr Führungsteam mit Iryna Zhovtobryukh als Chief …
25.03.2019VWheute
Chris­tian Macht: "Element arbeitet an zahl­rei­chen weiteren SHU-Produkten" "Zusammenarbeiten ist ein Erfolg", sagte einst Ford-Gründer Henry Ford. …
Chris­tian Macht: "Element arbeitet an zahl­rei­chen weiteren SHU-Produkten"
"Zusammenarbeiten ist ein Erfolg", sagte einst Ford-Gründer Henry Ford. An dem amerikanischen Geschäftsmann scheint sich das Insurtech Element orientiert und inspiriert zu haben, denn nach der …
30.01.2019VWheute
Element gewinnt Volks­wagen als Kunden Erst kürzlich hatte der Digitalversicherer Element hat eine Kooperation mit dem japanischen Versicherer Mitsui …
Element gewinnt Volks­wagen als Kunden
Erst kürzlich hatte der Digitalversicherer Element hat eine Kooperation mit dem japanischen Versicherer Mitsui Sumitomo Insurance (MSI) geschlossen, einer Tochter der MS&AD Insurance Group. Nun verkündet das Berliner Insurtech den …
17.12.2018VWheute
Element: "Wir sind Partner, kein Stör­faktor der Versi­cherer" Immer seltener höre ich dieser Tage in der Versicherungsbranche das Wort Disruption: …
Element: "Wir sind Partner, kein Stör­faktor der Versi­cherer"
Immer seltener höre ich dieser Tage in der Versicherungsbranche das Wort Disruption: Längst setzen etablierte Unternehmen auf enge Zusammenarbeit mit jungen Technologie-Firmen - und umgekehrt. Die Großen investieren …
Weiter