Thomas Zwack
Thomas ZwackQuelle: Privat
Unternehmen & Management

"Versicherer sehen Peer-to-Peer nicht als Konkurrenz an"

Von Elke PohlTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Wer gute Freunde hat, braucht keine klassische Versicherung. So hält das Prinzip der Sharing Economy mittlerweile auch in der Branche Einzug gehalten - Stichwort: Peer-to-peer-Versicherung. VWheute hat mit Thomas Zwack Center for Leading Innovation & Cooperation, Leipzig Graduate School of Management (HHL) sowie Versicherungsforen Leipzig über die aktuellen Entwicklungen gesprochen und über die Frage, ob die neuen Geschäftsmodelle zu einer ernsthaften Konkurrenz für die etablierten Player werden können.

Wie sind Sie als studierter Informatiker zur Versicherung und zu Peer-to-Peer gekommen?

Ich habe acht Jahre bei einer internationalen Unternehmensberatung im Versicherungsbereich gearbeitet und  anschließend meine eigene Beratungsfirma gegründet. 2011 stellte ich mir die Frage, ob es denn nicht auch Alternativen zum klassischen Versicherungsmodell geben könnte. Unweigerlich stößt man immer wieder auf die bereits lange bekannten Modelle, wie etwa der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit oder auch Sterbekassen. Auch in früheren Zeiten stand die Gewinnmaximierung nicht im Vordergrund und es existierten auch keine Konzerne, die Aktionäre zufrieden stellen mussten. Es gab nur Menschen mit einem gemeinsamen Risiko, das sie teilen wollten. Zudem wurden ab etwa 2010 Sharing-Geschäftsmodelle in anderen Branchen, die das Teilen in den Mittelpunkt stellen, immer populärer. Das brachte mich zu dem spannenden Thema Peer-to-Peer für die Versicherungswirtschaft.

Wie sind Sie als studierter Informatiker zur Versicherung und zu Peer-to-Peer gekommen?

Als Jäger kenne ich die Problematik der Wildschäden, die bis heute kein Versicherer in Deutschland absichert. Wild richtet Schäden im Forst und auf landwirtschaftlichen Nutzflächen an, für die der Jagdpächter persönlich haftet. Diese Schäden summieren sich jedes Jahr in Deutschland auf mehrere hundert Millionen Euro. Als ich den Jägern aus meinem Umfeld den Vorschlag machte, sich zusammenzuschließen und das Risiko gemeinsam zu tragen, gab es große Zustimmung. Ich habe daraufhin die Anteile meiner eigenen Unternehmensberatung verkauft, an der HHL Leipzig Graduate School of Management fünf Jahre am Thema Peer-to-Peer-Geschäftsmodellen in der Versicherungswirtschaft geforscht und die Ergebnisse anschließend veröffentlicht (Zwack, T.:  Peer-to-Peer-Geschäftsmodelle zur Absicherung privater Risiken. Springer Gabler, Wiesbaden, 2017).

Und wie sieht die Peer-to-Peer-Welt heute aus?

Die Sharing Economy hat nach unserer Auffassung für alle Branchen ein extrem hohes Potential. Im Versicherungsbereich sehen wir bisher allerdings noch keine wirklich tragfähigen Modelle – obwohl es auch hier große Möglichkeiten gibt. Bisher ist aber noch kein Quantensprung gegenüber herkömmlichen Versicherungslösungen zu beobachten. Viele Peer-to-Peer-Anbieter sichern Risiken ab, für die es bis heute noch keinen oder nur unzureichenden Versicherungsschutz gibt sowie Nischenprodukte wie etwa Fahrrad und Mobiltelefon. Die neuen Produkte sind oftmals noch zu komplex und die Preise unterscheiden sich kaum von herkömmlichen Versicherern.

Was passiert mit einer Gruppe bei großen Schäden?

Dann sehe ich drei Möglichkeiten. Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass der Topf mit den Rücklagen einfach leer ist – man bleibt auf seinem Schaden sitzen. Schon besser wird es, wenn der Intermediär selbst Gelder für diesen Fall zurücklegt – so etwas nennen manche dann Stability Fonds. Oder aber der Intermediär sichert sich für diese Fälle zusätzlich bei einem traditionellen (Rück-) Versicherer ab.

Wie reagieren traditionelle Versicherer?

Noch sehr entspannt. Im Moment sieht in ihnen noch niemand eine ernsthafte Konkurrenz. Mit dem Pionier Friendsurance gibt es in Deutschland ein Unternehmen, dass sich an Peer-to-Peer bereits 2010 versucht hat. Allerdings ist heute nur noch ein kleiner Teil des Angebots wirkliches Peer-to-Peer, der Rest ist traditionelle Versicherungsvermittlung. Dann gibt es noch Gruppen, die - mithilfe von Plattformen wie Elinor - ihre Verträge selbst gestalten. Hier liegt das Risiko vollständig in der Community. Perspektivisch sehe ich in drei bis fünf Jahren reine Gruppen, die ohne Unterstützung von Erstversicherern ihre Absicherung komplett selbst regeln.

Thomas Zwack · Peer-to-peer-Versicherung
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