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Schlaglicht

Merkel besucht schwächelnde IT-Nation: Was deutsche Versicherer von Japan lernen können und was sie vermeiden sollten

Von Michał Trochimczuk und Grzegorz ObszańskiTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Gerade das hochtechnologisierte Japan hat enormen Nachholbedarf bei der Digitalisierung des eigenen Versicherungsmarktes und wird von China spielend überholt. Woran das liegt? An den kulturellen Strukturen, der alternden Bevölkerung und der schwachen Versicherungsdichte.
In den 1960er und 1970er Jahren gehörte Japan zu den großen Wachstumsmärkten unter den Versicherungsplätzen dieser Welt. Die Funktion der Wachstumslokomotive haben später Südkorea und China übernommen. Noch zu Beginn der 2000er Jahre als Entwicklungsland eingestuft, hatte China bereits im Jahr 2016 Japan als zweitgrößten Versicherungsmarkt der Welt überholt. Einer der Erfolgsfaktoren der chinesischen Versicherer ist der konsequente Einsatz neuester Technologie. Hier haben die Versicherer Japans noch enormen Nachholbedarf. Ihre IT-Infrastruktur ist geprägt von veralteten Großrechner-Systemen. Dort, wo sie Standardsysteme einsetzen, sind sie viel zu stark individualisiert und konfiguriert. Als Folge dieser veralteten IT-Strukturen fällt es den Versicherern Japans schwer, innovativ zu sein und neue Wege im Vertrieb und in der Verwaltung zu beschreiten.

Rentnernation mit schwachen Wachstum

Nach dem verheerenden Tohoku-Erdbeben am 11. März 2011 hatten Japans Versicherer starke Jahre hinter sich mit Wachstumsraten von 3,4 bis 5,4 Prozent jährlich. Von 2007 bis 2010 hatte der Markt noch einen Abschwung mit Prämienrückgängen durchstanden. Seit 2017 sind die Versicherer mit einer erneuten schwachen Marktphase konfrontiert. Unfall-Statistiken in Japan zeigen, dass sowohl die Frequenz von Kfz-Schäden zurückgeht als auch deren Schwere. In der Folge haben die Versicherer Japans bereits im Jahr 2017 die Prämien in der Kfz-Versicherung um sechs bis sieben Prozent gesenkt. Im Jahr 2018 gab es einen erneuten Prämiennachlass, der nach Schätzungen der Swiss Re zwischen zwei und drei Prozent betrug.

 

Das Geschäft mit Autoversicherungen hat in Japan eine überragende Bedeutung. Die Zahl der gemeldeten Autos beläuft sich in Japan mit seinen 127 Millionen Einwohnern auf knapp 61 Millionen. Damit ist die Fahrzeugdichte ähnlich hoch wie in Deutschland. In Deutschland kommen auf knapp 83 Millionen Einwohner 46,5 Millionen Autos. Zählt man Busse, Lastwagen und Spezialfahrzeuge hinzu, kommt Japan insgesamt auf 77,4 Millionen Fahrzeuge. Nach einer Stagnationsphase von 2005 bis 2011 steigt die Zahl der Fahrzeuge in den letzten sechs Jahren wieder an. Doch das Wachstum auf dem Fahrzeugmarkt schwächt sich ab und damit schwindet die Grundlage des Prämienwachstums. War die Wirtschaft Japans im Jahr 2017 noch vergleichsweise stark um 1,7 Prozent gewachsen, so hat sich dieses Wachstum im vergangenen Jahr bereits auf 1 Prozent abgeschwächt. Die Wirtschaftsforscher von Sigma rechnen mit einem weiteren Rückgang der Wachstumsraten in diesem Jahr, weil die Regierung im Oktober 2019 die Mehrwertsteuer anheben will. Im Jahr 2020 wird sich das Wachstum den Prognosen zufolge auf 0,5 Prozent abschwächen. Es ist zu befürchten, dass sich die Wachstumsschwäche auf das Versicherungsgeschäft auswirken wird. In der Lebensversicherung sieht es nicht viel anders aus als in der Schadenversicherung. Aus der einstigen Sparernation Japan ist eine Rentnernation geworden. 35 Millionen Japaner haben das Rentenalter überschritten, das sind mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Jedes Jahr wächst die Zahl der Rentner um mehr als 700.000. 

 

Trotz der Wachstumsschwäche ist Japans Versicherungsmarkt immer noch von einer beeindruckenden Größe. Auf 422 Mrd. US-Dollar beliefen sich die Beitragseinnahmen der Versicherer Japans im Jahr 2017. Damit war der Markt größer als der Deutschlands und Italiens zusammengenommen. Wegen seiner Größe hat er zahlreiche internationale Versicherer angelockt. 20 ausländische Versicherer sind in Japan tätig, darunter Allianz, Generali, HDI Global, Zurich, AIG und Swiss Re. Zusammen kommen sie aber auf einen Marktanteil von lediglich 7,6 Prozent, die Hälfte davon liegt bei AIG.

Quersubventionierung anstelle eines professionellen Risikomanagements

Die in der Foreign Non-Life Insurance Association of Japan (FNIAJ) zusammengeschlossenen Versicherer argumentieren, dass die Wachstumsschwäche des japanischen Versicherungsmarktes letztendlich auf die Strukturen des Keiretsu zurückzuführen sind. Durch eine ganze Kette von Fusionen handelt es sich bei dem japanischen Versicherungsmarkt um ein Oligopol, in dem sich die drei führenden Versicherer 85 Prozent des gesamten Marktes aufteilen. Im Jahr 2010 fusionierten Mitsui Sumitomo und Aioi Nissay Dowa und formen seitdem die MS&AD, die 33 Prozent des gesamten japanischen Nicht-Lebensversicherungsmarktes beherrscht. Mitsui Sumitomo ist Teil des 1630 gegründeten Sumitomo-Konglomerats mit Engagements in den Branchen Chemie, Maschinenbau, Stahl, Bergbau, Handel, Logistik, Bau, Gummi, Elektronik und Finanzen. Sompo, Nummer zwei auf dem japanischen Markt, gehört zu der in den 1960ern entstandenen Fuyo Gruppe, Tokio Marine gehört zur Mitsubishi Gruppe. Alle drei Konglomerate weisen eine prinzipiell ähnliche Wirtschaftsstruktur auf. Doch dies hat auch Nachteile und kann Innovation bremsen. Eine Folge der Keiretsu-Strukturen ist eine Politik der gegenseitigen Unterstützung und Quersubventionierung anstelle eines professionellen Risikomanagements, kritisiert die FNIAJ. Japanische Unternehmen sind deshalb tendenziell unterversichert.

Japans Versicherer suchen ihr Glück im teuer erkauften Auslandsgeschäft

Auch die Versicherer Japans leiden unter erheblichen strukturellen Schwächen. Die Großunternehmen sind in der Regel nur in der Theorie fusioniert, in der Realität existieren die traditionellen Strukturen der Vorgängergesellschaften über Jahre weiter, auch in den Köpfen der Mitarbeiter. Eine Folge dieser verkrusteten Strukturen sind enorm hohe Kostenquoten. Sowohl MS&AD als auch Tokio Marine verweisen auf ihre Erfolge bei ihren Bemühungen um eine Senkung der Kostenquoten. Bei Tokio Marine lag sie zuletzt bei 30,8 Prozent der Beitragseinnahmen, bei MS&AD bei 32,2 Prozent. Marktweit lag die Kostenquote im Jahr 2010 noch bei 35 Prozent, 2016 waren es nur noch 32,6 Prozent. Mit günstigeren Kostenquoten würde Versicherungsschutz erschwinglicher und attraktiver werden und dadurch könnte die Versicherungsdurchdringung steigen. Derzeit fließen mehr als 60 Prozent der Beitragseinnahmen der japanischen Versicherer in die Kfz-Versicherung. 75 Prozent der Japaner versichern ihre Autos, aber nur 30 Prozent versichern sich gegen die Erdbebengefahr. Wie enorm die Deckungslücke ist, wurde beim Tohoku-Erdbeben deutlich. Die Katastrophe hatte Schäden in Höhe von 240 Mrd. US-Dollar angerichtet, aber davon waren nur 35 Mrd. US-Dollar versichert, das sind etwa 15 Prozent. In Neuseeland liegt die Versicherungsdichte für Erdbebengefahren bei 75 Prozent. Trotz der beachtlichen Größe des Marktes liegt Japan in der Versicherungsdichte (Prämie/Einwohner) deshalb nur an 17. Stelle weltweit. 3 312 US-Dollar gibt jeder Japaner im Schnitt für Versicherungen jährlich aus. Damit liegt Japan hinter Südkorea (Rang zehn, 3 522 US-Dollar) und Taiwan (Rang sieben, 4 997 US-Dollar).

Eine Antwort auf die Wachstumsschwäche des Heimatmarktes haben die japanischen Versicherer bislang im Auslandsgeschäft gesucht. Durch zahlreiche Übernahmen hat sich die Auslandsprämie der japanischen Versicherer seit 2013 verdoppelt und macht inzwischen ein Viertel der Gesamtprämie aus. Doch das Auslandsgeschäft ist oft teuer erkauft und schwer zu managen. Es setzt jetzt ein Umdenken ein und die Versicherer scheinen sich wieder stärker dem nicht ausgeschöpften Wachstums- und Effizienzpotenzial des Heimatmarktes zuzuwenden. 

Rückbesinnung auf effiziente Digitalisierungsmaßnahmen

Entscheidend ist dabei die Digitalisierung des bestehenden Geschäfts. Die Probleme der japanischen Versicherer ähneln denen der deutschen. Sie werden von veralteten Kernversicherungssystemen ausgebremst. Bei diesen Systemen handelt es sich um Eigenentwicklungen, doch diejenigen, die sie programmiert haben, gehen in den Ruhestand oder werden dies bald tun. Die Policenverwaltung geschieht in der Praxis komplett auf Papier. Anstatt die Prozesse zu digitalisieren und Standard-Lösungen zu implementieren, haben sich die Versicherer bislang mit der Optimierung der traditionellen Prozesse begnügt. Doch sie haben jetzt verstanden, dass man darüber hinaus gehen muss. Alle drei großen Versicherungsgruppen haben sich deshalb IT-Modernisierung auf die Fahnen geschrieben und erstmals die Position eines Chief Digital Officers geschaffen. Sompo hat zudem Digital Labs im Silicon Valley und in Israel ins Leben gerufen. Jetzt geht es um die Frage, ob es auch gelingt, die digitale Infrastruktur in der Praxis zu erneuern. Bislang hatte man sich mit Insellösungen in Rand-Bereichen begnügt. Die IT-Modernisierung wird weit darüber hinaus gehen müssen.