Kfz-Wechselmarkt, was muss sich ändern?
Kfz-Wechselmarkt, was muss sich ändern?Quelle: Porsche
Märkte & Vertrieb

Disruptive Zeiten für Kfz-Versicherer

Von Björn HinrichsTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Wechselstimmung bei Kfz-Versicherungen ist im vergangenen Jahr zwar wieder gewachsen, doch insgesamt blieb der Markt recht stabil. Damit wird es höchste Zeit für Versicherer, ihre Geschäftsmodelle angesichts der fortschreitenden Mobilitätstechnologien zu überdenken und neue Kompetenzen zu entwickeln. Erfolgsversprechende Strategien führen dabei langfristig nur in eine Richtung: vom Kerngeschäft weg - hin zu neuen, kundenorientierten Services. 

"The same procedure as every year, James", heißt es im Silvester-Klassiker Dinner for One. Gleiches gilt auch für das Wechselgeschäft bei der Kfz-Versicherung. Jedes Jahr haben Fahrzeughalter bis zum 30. November Zeit, ihre Versicherung gegen eine neue einzutauschen. Im vergangenen Jahr haben in Deutschland mehr als 3,2 Millionen Autobesitzer ihre Versicherung gewechselt – und das vor allem kurz vor knapp: 23,6 Prozent der Wechselkunden haben sich in der vorletzten Woche entschieden, 29,6 Prozent sogar erst in der letzten. Das liegt sicherlich daran, dass viele Versicherer die Kunden mit signifikanten Beitragserhöhungen erst kurz vor dem Stichtag informieren. Was zur Folge hat, dass die Anbieter insbesondere im November gehörig die Werbetrommel rühren und Wechselangebote in Dauerschleife auf allen Kanälen laufen. Und das mit Erfolg, denn rund 5 Prozent aller Wechsler entschieden sich auf den allerletzten Drücker und wechselten erst am 30. November ihre Versicherung.


Vergleichsportale gewinnen an Bedeutung

 

Die Aufteilung der Vertriebswege verschiebt sich dabei weiter: Im sechsten Jahr in Folge haben Vergleichsportale beim Wechsel der Kfz-Versicherung an Bedeutung gewonnen. Ihr Marktanteil am Wechselgeschäft ist im November um 0,36 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Mit Blick auf die Werbeaktivitäten ist diese Entwicklung nicht verwunderlich: Ob Strom und Gas, Flugreisen, Kredite – die Portale stärken ihre Position in vielen Disziplinen und entwickeln so eine enorme Marktmacht. Ein wichtiger Faktor für das Wachstum der Online-Anbieter ist auch die allgemein gestiegene Affinität für Online-Dienste über alle Generationen hinweg. Insbesondere die Ü-65-Jährigen, die aufgrund ihrer hohen Bonität und des geringen Schadenverhaltens besonders attraktiv für die Versicherer sind, nutzen verstärkt das Internet für den Wechsel – zugunsten der Portale.

 

Neue Marktteilnehmer bleiben hinter Ihren eigenen Erwartungen zurück

 

Doch nach wie vor werden die mit Abstand meisten Versicherungen über Ausschließlichkeitsvermittler und Makler verkauft (72 Prozent), gefolgt von Direktversicherern (18 Prozent) und den Portalen (neun Prozent). Das Schlusslicht bilden die neuen Marktteilnehmer mit rund einem Prozent. Fakt ist, dass trotz des großen Hypes um den neuen, digitalen Versicherungsmarkt mit innovativen Versicherungsmodellen – etwa Telematik-Tarife, bei denen der Fahrzeugnutzer die Versicherung strikt nach gefahrenen Kilometern bezahlt – entsprechende Anbieter nur langsam wachsen: Im Vergleich zum Vorjahr blieben sie mit lediglich 0,32 Prozentpunkten Wachstum hinter ihren eigenen Erwartungen zurück. Die Datensätze von 2018 zeigen damit ganz eindeutig: Es gibt weniger Veränderungen als erwartet!


Prozesse müssen schneller und digitaler werden

 

Umdenken lautet die Devise - denn das geringe Marktwachstum wird sich weiter fortsetzen. Der erste Schritt in die richtige Richtung liegt in der Prozessoptimierung. Doch obwohl es heutzutage die Möglichkeiten gibt, standardisierte Prozesse wesentlich schneller abzuwickeln, sieht die Realität anders aus: Die Abwicklung von Schadensfällen dauert meist auch bei langjährigen Stammkunden mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate, bis das Geld auf dem Konto der Geschädigten ist. Vergleicht man das mit der Reaktionszeit großer Online-Händler bei Reklamationen, hinkt die Versicherungsbranche noch Lichtjahre hinterher.

 

Schnellschadenregulierung ist das Stichwort der Stunde und für eine langfristige Kundenbindung essentiell. Grundvoraussetzung ist, dass sich die Versicherer von alten Dogmen lösen und den Fokus auf neue Technologien setzen. Gerade bei wachsenden Trends wie Sharing Mobility ist es wichtig, dass sich die Versicherer auf radikale Veränderungen einstellen. Im vergangenen Jahr sind erstmalig die PKW-Neuzulassungen gesunken und auch die Verkaufszahlen gingen zurück. Wenn in absehbarer Zeit immer weniger Menschen eigene Autos besitzen, sondern nur noch Mobilitätsservices nutzen, werden auch Versicherungen nicht mehr vom Endkunden abgeschlossen. Damit konzentriert sich das Versicherungsangebot zunehmend auf den B2B-Bereich, doch das verschiebt die Position der Versicherungsunternehmen erheblich. Wer hier nicht schnell genug reagiert, anpasst und die richtigen Kooperationen schließt, verpasst den Anschluss.


Neue Mobilität verlangt neue Lösungen

 

Auch die Entwicklung des autonomen Fahrens könnte die Marktposition der Versicherer schwächen – denn im Idealfall verursachen selbstfahrende Autos keine Unfälle mehr. Kurzfristig profitieren die Versicherer zwar vom Mischverkehr aus gesteuerten und autonom fahrenden Autos, der mehr Zwischenfälle verursachen könnte, doch langfristig müssen Versicherer integraler Bestandteil der Mobilitätskette werden. Wie das funktioniert? Durch intelligente Ressourcenbündelung und Kooperationen mit anderen Unternehmen, insbesondere anderer Branchen. In Zukunft gilt es, Kompetenzen aus verschiedenen Bereichen zu verknüpfen und digitale Technologien zu fördern – stets fokussiert auf den Kundennutzen.

 

Es zeigt sich deutlich: Auf kurze Sicht wird die Position von Kfz-Versicherern im Wechselgeschäft nicht geschwächt. Doch langfristig braucht es neue Ideen und Ansätze, um sich zukünftig zu behaupten.