Welche Auswirkungen hat der Klimawandel für die Versicherungsbranche?
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel für die Versicherungsbranche?Quelle: Markus Vogelbacher / PIXELIO (www.pixelio.de)
Schlaglicht

Eberhard Faust: "Versicherer können sich dem Klimawandel anpassen"

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Extreme Wetterlagen als Folge des Klimawandels kommen die Versicherer zunehnemd teuer zu stehen. Doch wie können diese sich auf die klimatischen Veränderungen einstellen? "Risiken verändern sich nicht in großen Sprüngen und Versicherungsunternehmen können sich darauf einstellen und anpassen. Auf Sicht der nächsten Jahrzehnte bleiben solche Risiken daher grundsätzlich versicherbar", konstatiert Eberhard Faust, Forschungsleiter in der GeoRisiko-Forschung von Munich Re, im Exklusiv-Interview mit VWheute.

Laut aktueller Zahlen der Munich Re gab es 2018 zwar weniger Naturkatastrophen, aber dennoch hohe Schäden. Welche unmittelbaren Folgen des Klimawandels sehen Sie in den kommenden Jahren auf die Versicherer zukommen?

Es ist die überwiegende Erwartung der Wissenschaft, dass es durch den Klimawandel mehr Wetterextreme und damit mehr wetterbedingte Naturkatastrophen geben wird. Die Entwicklung wird nach Regionen und nach Art der Ereignisse aber sehr unterschiedlich sein. Beispiele von Wetterextremen, bei denen die Wissenschaft von einem spürbaren Einfluss des Klimawandels bereits ausgeht sind Hitzewellen, die dadurch begünstigte Waldbrandgefahr, Trockenepisoden im Mittelmeerraum und anderswo sowie Starkregenereignisse in vielen Regionen. Nahe liegt eine Beteiligung des Klimawandels auch für Schwergewitter in den USA und Europa, da die klimawandelbedingten Veränderungen bei Schwergewittern Studien zufolge vor allem mit der Zunahme bodennaher Feuchte in Verbindung stehen und diese eine Konsequenz ansteigender Temperaturen ist. Diese Änderungen sind, wenn sie sich zugleich in regionalen Trends von Schäden manifestieren, die um den Effekt des Wirtschaftswachstums bereinigt sind,  bei der Risikobewertung zu berücksichtigen. Zudem bedarf es steigender Anpassung an die unvermeidlichen Folgen zunehmender Naturkatastrophen. Dabei spielen Versicherungen eine entscheidende Rolle.

Gerade die Waldbrände haben im vergangenen Jahr für immense Schäden gesorgt. Worin liegen Ihrer Ansicht nach die Ursachen und wie können die Versicherer darauf reagieren, insbesondere wenn diese mutmaßlich von Menschen verursacht wurden?

Wetterdaten aus Kalifornien zeigen, dass etwa seit den frühen 2000er Jahren die Tageshöchsttemperaturen im Sommerhalbjahr auf einem deutlich höheren Niveau waren als in den Jahrzehnten zuvor, außerdem waren viele dieser Saisons niederschlagsärmer als zuvor. Daher traten auch die meisten der 20 größten Waldbrände in Kalifornien erst in den Jahren seit 2000 auf, in denen diese heiß-trockenen Situationen überwogen. Hier zeigt sich der Einfluss des Klimawandels auf die Waldbrandaktivität. Daneben existieren freilich weitere Faktoren, wie etwa der Aufwuchs von viel brennbarem Unterholz über die letzten Jahrzehnte, oder die Besiedlung waldnaher Areale. Das Vierte Nationale U.S.-Klima-Assessment von 2018 verweist auf eine Arbeit, nach der durch den Einfluss des Klimawandels seit 1984 im Westen der USA etwa doppelt so viel Fläche verbrannt ist, als wenn es diesen Einfluss nicht gegeben hätte. Nicht in jedem Jahr führen die Brände zu großen Schäden, je nachdem wie viele zerstörbare Objekte zufällig in dem Waldbrandgebiet liegen. Aufgrund solcher Faktoren sind die Schäden aus Waldbränden in Kalifornien in der jüngeren Vergangenheit sprunghaft angestiegen. Diese Gefährdungsänderungen müssen bei der Risikobewertung berücksichtigt werden. Zudem kommt der systematischen Risikobetrachtung von Standorten, wie sie unser Zonierungssystem NATHAN ermöglicht, eine hohe Bedeutung zu.

Der GDV sprach bereits im Juli 2018 von einem überdurchschnittlichen Schadenjahr für die Versicherer durch Sturm, Hagel und Starkregen. Auch die anhaltende Trockenheit hat dabei ihre Spuren hinterlassen. Wie ist Ihre Einschätzung: Werden diese Wetterereignisse in Deutschland "zur Normalität" und was würde dies für die Versicherer bedeuten?

Die Trends zu heißeren Sommern, die häufig auch mit Trockenheit verbunden sind, und andererseits zu nässeren Wintern, sind auch in Mitteleuropa bemerkbar. Dürreschäden spielen bei den landwirtschaftlichen Gesamtschäden in den 2000er Jahren in Deutschland eine dominante Rolle. Ebenso muss mit steigenden Schäden durch Schwergewitter gerechnet werden, im Frühjahr 2018 ereigneten sich im Süden Deutschlands einige heftige Starkregenereignisse aus sich nur langsam verlagernden Gewitterzellen, ähnlich wie wir es noch dramatischer 2016 erlebt hatten. Regionale Versicherer können davon stark betroffen werden, während Rückversicherer solche Naturgefahren durch ein globales Portfolio ausbalancieren können. In Europa bleiben Risiken gut versicherbar.

Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender der Munich Re, sagte Anfang August 2018 in einem Interview mit dem Handelsblatt: "Der Klimawandel wird ganze Völker betreffen". Ist der Klimawandel überhaupt noch versicherbar?

Der Klimawandel ist ein langfristiges Phänomen, das sich allmählich, aber bei fehlender Emissionsreduktion auch immer stärker entwickelt. D. h. Risiken verändern sich nicht in großen Sprüngen und Versicherungsunternehmen können sich darauf einstellen und anpassen. Auf Sicht der nächsten Jahrzehnte bleiben solche Risiken daher grundsätzlich versicherbar. Gegen Gefahren wie die zahlreichen Überschwemmungsereignisse der vergangenen Jahre kann man sich zu bezahlbaren Prämien versichern, die Überschwemmungsversicherungsdichte (Erweiterte Elementarversicherung) wuchs über die letzten Jahre deutschlandweit und liegt im Bundesdurchschnitt derzeit bei etwas über 40 Prozent der Gebäude. Da gewitterbedingte Sturzflutereignisse nach neuesten Erkenntnissen an jedem Ort in Deutschland auftreten können, ist diese Deckung nicht nur für Häuser in Flussnähe von Bedeutung und wird demgemäß weitere Verbreitung finden.

Eberhard Faust, Forschungsleiter in der GeoRisiko-Forschung von Munich Re, erörtert heute heute auf der 43. Mannheimer Versicherungswissenschaftlichen Jahrestagung die Frage "Änderungsrisiko Klimawandel in der Versicherungswirtschaft – wo stehen wir?".
Eberhard Faust · Klimawandel · Munich Re
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