Versicherungs-Manager fremdeln mit Social Media
Versicherungs-Manager fremdeln mit Social MediaQuelle: Digitalscouting
Märkte & Vertrieb

Deutsche Vorstände auf Social Media abgehängt

Von Dr. Robin KieraTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Kaum eine Jahresauftaktveranstaltung auf der Digitalisierung thematisiert wird und Versicherungsvorstände über die digitale Zukunft der Versicherungswirtschaft referieren. Wie passt dies mit der Tatsache zusammen, dass über 93 Prozent aller Vorständer der Top 25 Versicherer in Deutschland nicht auf den wichtigsten digitalen Netzwerken aktiv sind?

Eine Untersuchung von Digitalscouting ergab, dass ein Großteil der über 180 Vorstände der Top 25 der deutschen Versicherer nicht auf Social Media präsent oder aktiv sind. Bei Xing sind über 75 Prozent, bei Linkedin über 60 Prozent und bei Twitter über 90 Prozent der Vorstände nicht präsent.

 

Eigentlich sind die Zahlen noch niedriger. Denn einige Profile sind nicht gepflegt oder seit Jahren nicht aktualisiert worden. Bei Linkedin findet man diverse deutsche Vorstände, die lange schon bei anderen Versicherern Verantwortung tragen und noch immer nicht die Zeit fanden, ihr Profil zu aktualisieren oder ihre Assistentin darum zu bitten. So haben bei Xing 78 Prozent kein oder ein nicht vollständiges Profil, bei Linkedin sind es über 74 Prozent, bei Twitter über 90 Prozent.

 

Wenn man sich anschaut, wie viele Vorstände nicht nur präsent, sondern tatsächlich auch aktiv sind und Beiträge geliked, geteilt, kommentiert oder veröffentlicht haben, ergibt sich ein noch ernüchterndes Bild. Von über 180 Versicherungsvorständen waren in einem Testzeitraum kaum 7 Prozent aktiv. Über 93 Prozent besitzen entweder kein Profil, ein veraltetes Profil oder sind nicht aktiv.

 

So viele (oder wenige) Top-Versicherungsmanager sind online vertreten
So viele (oder wenige) Top-Versicherungsmanager sind online vertretenQuelle: Digitalscounting

Immerhin anwesend

 

Von den präsenten Vorständen zählt niemand zu denjenigen, welche die internationale Debatte oder den Austausch von Ideen und Best Practices prägen. Kein deutscher Vorstand ist auf der Top 50 Influencer Liste oder bei den Analysen von Onalytica oder der Social Media Foundation präsent.

 

Es gibt viele große Häusern, bei denen vereinzelte Vorstände teils veraltete Profile besitzen und der Großteil des Vorstandes nicht präsent ist - wie etwa bei der Signal Iduna. Interessanterweise korrespondiert häufig die Abwesenheit einer Großzahl von Vorständen auf Social Media mit digitalen Defiziten des Gesamtunternehmens. Das manifestiert sich etwa in schlecht designten und veralteten Webseiten, in fehlenden Online- Abschlussstrecken oder dem Fehlen von Kunden-Apps – ganz zu schweigen von Ökosystemen oder Plattformen.

 

Warum wären auf Social Media aktive Vorstände so wichtig, was kann gewonnen werden? Neue Trends, vor allem in der Entwicklung digitaler Produkte und Services sowie verändertes Kundenverhaltens können heute vor allem in sozialen Netzwerken, wie Linkedin, Twitter und Xing beobachtet werden - häufig lange bevor sie sich auf die eigene Industrie auswirken. Wer dort präsent und aktiv ist, kann früher reagieren als andere und einen First-Mover-Bonus sichern. Auch kommen ganz konkret Partnerschaften zustande.

 

Wenn die "Pfefferminzia" aufgrund der Präsenz und Aktivität des Vorstandes auf Linkedin als “einer der modernen Versicherer” aus Deutschland gilt, werden Technologiefirmen mit neuen Algorithmen, Produkten und Services zuerst in deren Zentrale klingeln bzw. den CXO einfach eine Linkedin-Nachricht schreiben. Dann könnte die Pfefferminzia noch vor Mitbewerbern vorteilhafte Technologie ausprobieren oder Kooperationen vereinbaren. Wer auf Social Media nicht aktiv ist, existiert im Jahr 2019 schlichtweg nicht.

 

Die Vorbilder

 

Eine Handvoll Vorstände scheint dies auch so zu sehen und nutzt Social Media: Bei der Axa, HDI/Talanx oder Munich Re verfügen fast alle Vorstände zumindest über ein Profil auf Linkedin, Xing oder Twitter. Wir fanden auch positive Beispiele von Versicherungsvorständen, die ihre Häuser erfolgreich führen und die Möglichkeiten von Social Media zur Information und zum Austausch nutzen  - allen voran:

 

 

Aber auch Vorstände kleinerer Versicherer- wie etwa Martin Gräfer (Vorstand die Bayerische) und Hermann Schrögenauer (CSO LV1871) sind präsent, veröffentlichen eigene Perspektiven oder tauschen sich mit der internationalen Community aus. Hierbei handelt es sich um vorbildliches Verhalten, das leider eine Ausnahmeerscheinung bleibt.

 

Gigantisches Wachstumspotenzial in der digital Era überlässt die Versicherungswirtschaft anderen 

 

Zwar verzeichnen Versicherer Rekordjahre und es ist möglich, sein Haus oder Ressort vorbildlich zu führen, ohne minütlich seinen Linkedin-Stream oder Twitter-Feed zu checken. Allerdings konnte weder die Industrie als Ganzes noch einzelne Versicherer von den ungeheuren Wachstumsmöglichkeiten der digitalen Ära profitieren und ähnliches Wachstum generieren, wie etwa Technologieunternehmen. Im Gegensatz von Wachstumsraten von Apple, Amazon, Netflix und Uber können die meisten Versicherer heutzutage nur träumen.

 

Nur wenige in der Branche haben bisher die Chancen der starken Änderungen im Konsumverhaltens zu ihrem Vorteil nutzen können. Es ist allerdings auch nichts anderes zu erwarten, wenn viele Verantwortliche sich diesen Veränderungen entziehen. Wer nicht selbst internationale Debatten der Versicherungswirtschaft und Technologieindustrien verfolgt, Trendscouting betreibt oder sich mit den wenigen Dutzend relevanten Thought Leadern über Best Practices und Lessons Learned austauscht, der kann diese Ansätze und Ideen auch nicht frühzeitig in das eigene Haus bringen.

 

Einstellungs- oder Generationenwechsel notwendig

 

In Anbetracht der häufig verspäteten Reaktion auf massive technologische und kulturelle Veränderungen und damit der ausgelassenen Chance, die Unternehmen überproportional wachsen zu lassen, scheint es nicht unberechtigt zu formulieren, dass eines der größten Probleme bei der Digitalisierung nicht renitente Belegschaften oder widerborstige IT Legacy Systeme sind, sondern das Problem häufig in den Vorstandsetagen sitzt.

 

Wie sollen Manager an denen aktuelle Informationen, neue Geschäftsmodelle und digitale Produkte vorbeigehen, ihre Gesellschaften fit für das Überleben im digitalen Zeitalter machen? Wie können sie ihre Belegschaften zu Veränderungen treiben, wenn sie diese nicht mitbekommen, da sie nicht dort sind, wo diese Trends mit als erstes sichtbar werden?

 

Müssten - falls nicht schnellstens nachgeholt wird - nicht Experten Vorstandsverantwortung übernehmen, die nicht nur auf Auftaktveranstaltungen Digitalisierung von anderen fordern, sondern die selbst Teil des digitalen Zeitalters sind und dies durch eine entsprechende Präsenz und Einfluss in der digitalen Welt beweisen?

 

Um die Häuser fit für die Zukunft zu machen oder gar Wachstumspotentiale zu heben, brauchen wir hierzu nicht entweder einen grundlegenden Geisteswandel? Ist digitales Aufholen oder gar ein Generationenwechsel nötig - allen voran in den Vorstandsetagen der deutschen Versicherer?

 

Dabei könnten Verantwortliche so schnell so viel durch eigene Social Media Arbeit und Personal Branding gewinnen. Vorstände wären für Wissenstransfer nicht mehr so sehr von externen Beratern (bei denen selbst Partner häufig sehr präsent auf Social Media sind) abhängig und könnten auch besser einschätzen, welche Mitarbeiter im Unternehmen wirklich digitale Kompetenzen besitzen und welche dies nur vortäuschen. Außerdem könnten sie Ihre strategischen Vorgaben ganz anders in die Breite tragen.

 

Martin Gräfer (Vorstand Die Bayerische) beispielsweise veröffentlichte jüngst auf Linkedin seine Bescheinigung über die jährliche Weiterbildung für vertrieblich Tätige. Anstatt dies nur von anderen - Mitarbeitern wie Partnern - zu fordern, geht er mit gutem Beispiel voran - und kommuniziert dies offen. Chapeau.

 

Letztlich könnten Verantwortlich aller Generationen mit ein wenig Hilfe über die Fallstricke professioneller Social Media Arbeit und Personal Brandings enorm viel gewinnen. Die positiven Beispiele der aktiven Vorstandskollegen zeigen wie es geht.

 

Den Autor Robin Kiera, Gründer von Digitalscouting und Insurtech Experte, finden Sie ihn auch auf Linkedin, Xing und YouTube

Robin Kiera · Social Media · Digitalscouting · Zukunft
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