Detektiv auf Spurensuche?
Detektiv auf Spurensuche?Quelle: Günter Havlena / PIXELIO (www.pixelio.de)
Schlaglicht

Lassen die Versicherer ihre Kunden bespitzeln?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Mit den "Versicherungsdetektiven" setzte der privaten TV-Sender RTL bereits vor einigen Jahren auf ein neues Sendekonzept frei nach dem Motto: "Versicherer stellen böse Kunden an den Pranger". Ob die dort erzählten Fälle nun echt oder falsch sind, sei dahingestellt. Ein wirklich realer Fall sorgt jedenfalls in Berlin für mediales Aufsehen. So berichtete das Nachrichtenmagazin Frontal21 darüber, dass private Krankenversicherer - angeblich - zunehmend Detektive einsetzen, um Patienten auszuspionieren. Dabei würden zunehmend Persönlichkeitsrechte und Datenschutzbestimmungen missachtet, lautet der Vorwurf. Der betroffene Versicherer indes widerspricht.
Worum geht es konkret? Nach Recherchen des Nachrichtenmagazins Frontal21 soll die Gothaer Krankenversicherung eine Privatdetektei mit der Beschattung eines Berliner Imbiss-Besitzers beauftragt haben, der wegen seiner Krankschreibung entsprechend Krankentagegeld bezog. Auf der Grundlage der Ermittlungsergebnisse hatte die Gothaer schließlich dem Mann den Versicherungsschutz gekündigt. Der vorgebliche Grund: Er habe in seinem Bistro Kunden bedient, Tische abgewischt, Kaffee eingeschenkt. Als Beweis soll der Versicherer dabei einen Papierstoß über 55 Seiten vorgelegt haben - angefühlt mit Überwachungsprotokollen, Bewegungsprofilen, Handyfotos, sowie Bildern seoner Wohnung, seines Bistros und seiner Bekannten. Selbst ein Termin beim Vertrauensarzt sei darin fotografisch dokumentiert.

Ermittler wird zum Fall für die Ermittler

Dabei beschäftigen die Ermittlungsmethoden des Detektivs nun die Staatsanwaltschaft. Der Grund: Nachdem der betroffene Mann bei einer Werkstatt-Inspektion einen GPS-Sender an seinem Wagen gefunden hatte, stellte dieser Strafanzeige gegen den Detektiv. Der Vorwurf lautet im Kern: Die beauftragte Detektei sei bei ihren Ermittlungen zu weit gegangen und habe die Grenzen des rechtlich zulässigen überschritten, indem sie die Privatsphäre des Mannes sowie die geltenden Datenschutzbestimmungen verletzt habe. Kein Einzelfall, wie Medienanwälte laut TV-Bericht bestätigen. "Unsere Erfahrung ist, dass die Fälle leider immer mehr werden und vor allen Dingen die Versicherungen und die eingeschalteten Detekteien in eklatanter Weise gegen Persönlichkeitsrechte unserer Mandanten verstoßen. Niemand darf ohne begründeten Anfangsverdacht Versicherungsnehmer bespitzeln", wird der Kölner Rechtsanwalt Martin Reinboth zitiert. Dabei stößt selbst die Bundespsychotherapeutenkammer ins gleiche Horn, indem sie wiederholt wieder auf unzulässige Kontrollanrufe seitens der Versicherer bei ihren krankgeschriebenen Versicherungsnehmern aufmerksam gemacht haben will. Zudem würden immer mehr Versicherte rund um die Uhr überwacht.
Auch Tamer Bakiner, Inhaber der Wirtschaftsdetektei Bakiner Consulting, klagt im Beitrag über die Zunahme unseriöser Ermittlungsmethoden. " Die Versicherungen zahlen hier für die Rund-um-die-Uhr-Bewachung Tagessätze von rund 1.000 Euro. Das aber ist für eine seriöse Detektivarbeit viel zu wenig. Deshalb wird da nicht nur getrickst, sondern im Einsatz sind oft Billigermittler, die auch ihre juristischen Grenzen gar nicht kennen. Das Problem ist, dass die Krankenkassen nicht nur am Patienten sparen wollen, sondern dass sie auch sehr schlechte Honorare bezahlen für Detektive, die sie beauftragen. Daher arbeiten die mit Online-Überwachung vom Büro oder von zu Hause aus", lautet seine Kritik. 

Gothaer: Arbeiten "nur äußerst selten mit Detekteien zusammen"

Die Gothaer sieht dies indes anders. In einer Stellungnahme gegenüber VWheute betonte der Versicherer: "Die Gothaer Krankenversicherung AG arbeitet nur äußerst selten mit Detekteien zusammen und nur dann, wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass ein Versicherungsnehmer unberechtigt Leistungen beansprucht. Bei ca. 2,8 Millionen Leistungsfällen pro Jahr wurde in den letzten zehn Jahren nur in 0,00011 Prozent der Fälle eine Detektei beauftragt, im letzten Jahr zum Beispiel gar nicht. Dies geschieht zum Schutz unserer Versichertengemeinschaft, um zu vermeiden, dass unsere ehrlichen Kunden für derartige unberechtigte Ansprüche aufkommen müssen. In dem von Ihnen angesprochenen Fall hatte das Landgericht Berlin entschieden, dass kein Anspruch auf Krankentagegeld bestand. Bei Beauftragung einer Detektei verpflichten wir  diese selbstverständlich auf alle geltenden gesetzlichen Bestimmungen. Dies ist auch in diesem Fall geschehen. Dem Einsatz von Peilsendern oder einer Verletzung von anderen Datenschutzbestimmungen hat die Gothaer in keiner Weise zugestimmt. Zudem liegt uns die schriftliche Bestätigung der Detektei vor, dass keine GPS Sender eingesetzt wurden". Mit Blick auf die geäußerten Vorwürfe heißt es bei der Gothaer weiter: "Zu weiteren Details zum Verhalten der in der Berichterstattung genannten Detektei können wir nicht weiter Stellung nehmen, da wir keine Kenntnisse zum Stand und Inhalt des laufenden Ermittlungsverfahrens haben und uns trotz mehrfachem Ersuchen seit April 2018 keine Akteneinsicht gewährt wurde."
Das Landgericht Berlin hat in der vorliegenden Sache jedenfalls zwischenzeitlich ein Urteil gesprochen. So stehe dem betroffenen Imbiss-Besitzer aufgrund seiner Bistro-Tätigkeit zwar kein Krankentagegeld zu. Die Kündigung des Versicherungsschutzes sei indes unwirksam: "Ein solcher Einsatz von Detektiven, der veranlasst wird, ohne dass konkrete tatsächliche Anhaltspunkte für eine Berufsausübung des Versicherungsnehmers (während der Krankschreibung) vorliegen, stellt sich als unredliches Verhalten der Versicherung dar."

"Kavaliersdelikt Versicherungsbetrug"

Das sich Versicherungsbetrug allerdings in den letzten Jahren zu einer Art Volkssport entwickelt hat, ist nicht unbedingt neu. So schätzte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft den jährlichen Schaden durch entsprechende Tricksereien auf bis zu fünf Mrd. Euro jährlich. Laut einer Sonderauswertung des Branchenverbandes im Jahre 2017 wiesen neun Prozent der gemeldeten Schäden in der Kraftfahrt-, Haftpflicht- und Sachversicherung Ungereimtheiten auf. Dabei lag der Anteil so genannter "Dubiosschäden" in der Haftpflichtversicherung bei knapp 16 Prozent, in der Sachversicherung bei etwa neun Prozent und in der Kraftfahrtversicherung bei rund sieben Prozent. Selbst beim Krankentagegeld scheint die Versuchung zumindest vorhanden zu sein. Nach Angaben des PKV-Verbandes beliefen sich die Versicherungsleistungen für Krankentagegeld allein im Jahr 2017 auf etwa 863,5 Mio. Euro (2016: 865,8 Mio. Euro).
Das entsprechende Betrügereien schon mafiaähnliche Strukturen annehmen können, zeigt auch das Beispiel der "russisch-ukrainischen Pflegemafia". Dabei hatten mehrere Pflegedienste zwischen 2013 und 2016 die Krankenkassen und Sozialämter um 8,5 Mio. Euro geschädigt haben. Dabei soll die Düsseldorfer Bande Medienberichten zufolge Teil eines kriminellen Netzwerks aus 230 ambulanten Pflegediensten sein, welches bundesweit aktiv ist. Dadurch soll den Sozialkassen nach Schätzungen des Bundeskriminalamts ein Schaden von mindestens einer Milliarde Euro pro Jahr entstanden sein. Allein beim Haupttäter habe man ein Schweizer Nummernkonto und zwei Kilo Gold entdeckt, mit dem die angeblich arme Verwandschaft in der Ukraine unter die Arme gegriffen werden sollte.
Darüber hinaus hatte eine Studie der Creditreform Boniversum GmbH im vergangenen Jahr ergeben, dass etwa 2,4 Millionen Versicherungsnehmer (neun Prozent) nach eigener Aussage schon mal bewusst Falschangaben bei einem Versicherungsfall gemacht. Was den Versicheren allerdings noch eher zu denken geben sollte: 78 Prozent der Verbraucher sind der Meinung, dass bewusste Falschangaben bei Schadensfällen reduziert oder verhindert werden könnten, wenn die Versicherungen die Schadensfreiheit der Verbraucher belohnen würden. Stolze 78 Prozent erwarten dadurch eine Verringerung an Schadensfällen. Lediglich sechs Prozent messen einem Belohnungssystem keinerlei Bedeutung bei. Gängigste Betrugspraxis ist gemäß der Umfrage die Angabe einer erhöhten Schadenssumme. 51 Prozent der Befragten, die angeben, bei Schadensmeldungen nicht ehrlich gewesen zu sein, haben diesen Weg gewählt. 39 Prozent der Verbraucher haben einen Schaden sogar selbst herbeigeführt und 30 Prozent einen solchen vorgetäuscht. Aber: "Der Großteil besitzt auch ein Rechtsempfinden. Dennoch entsteht den Versicherungen ein immenser Schaden durch Betrug. Entsprechende Belohnungssysteme könnten die Problematik deutlich eindämmen", betonte Nils Gebel, Sales Consultant Insurance der Creditreform Boniversum GmbH.
Selbst die italienische Mafia hat den Versicherungsbetrug mittlerweile als lukrative Einnahmequelle entdeckt. "Versicherungsbetrug gehört mittlerweile zum Instrumentenkasten des organisierten Verbrechens", konstatierte Kurt Werling, Fachanwalt für Versicherungsrecht aus Ludwigshafen im Dezember vergangenen Jahres. Anlass war eine groß angelegte Razzia der Ermittlungsbehörden in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Belgien gegen Mitglieder der italienischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta. "Bereits in den 80er-Jahren haben sich Kriminelle aus den Mafia-Hochburgen in Kalabrien und Sizilien auch bei Versicherungsgesellschaften eine Geldeinnahmequelle von erheblicher Bedeutung verschafft", betont Wolfgang Rahm, Mafia-Experte beim Landeskriminalamt in Stuttgart. Meist gehe es um vorgetäuschte Autodiebstähle, fingierte Verkehrsunfälle oder selbst verursachte Brandschäden, die vom Versicherer reguliert werden sollen.
PKV · Gothaer Kranken · Versicherungsbetrug · Versicherungsdetektiv
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