Finanzviertel von Schanghai
Finanzviertel von SchanghaiQuelle: hy
Schlaglicht

Axa, Allianz und Co. beißen sich an China die Zähne aus

Von Heng YanTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Finanzminister Olaf Scholz hat mit Peking mehrere Abkommen unterzeichnet, die zur Öffnung der chinesischen Finanzmärkte führen sollen. Vor allem für westliche Versicherer ist das Potenzial im Reich der Mitte unbegrenzt. Allerdings scheint der Durchbruch fraglich: die heimische Konkurrenz ist zu stark und die chinesischen Kunden erwarten hohe Renditen, die europäische Versicherer nicht im Angebot haben.

Während des China-Besuches des deutschen Bundesfinanzministers Olaf Scholz in den letzten Tagen wurden drei Abkommen über die gegenseitige Öffnung der Finanzmärkte und Förderung von Investitionen abgeschlossen. Die Medien in Deutschland haben viel darüber berichtet. Im Gegensatz dazu haben die chinesischen Medien kaum Notiz davon genommen. Die Deutung von Marktbeobachtern ist unterschiedlich. Manche haben Skepsis, die hauptsächlich die zwei Fragen betrifft, ob die chinesische Regierung es mit der Öffnung der Finanzmärkte ernst meint und ob ausländische Unternehmen wegen des dort herrschenden harten Wettbewerbs wirklich Chancen haben.

 

Besonders ist die erste Frage zumindest aufgrund der historischen Betrachtung nicht unbegründet. Allerdings kann man zur Kenntnis nehmen, dass sich die Zeiten geändert hat. Inzwischen hat sich in China weitgehend die Meinung durchgesetzt, dass Konkurrenz, besonders aus dem westlichen Ausland, gar nicht schlecht ist und dadurch das Entwicklungsniveau des Unternehmertums insgesamt erhöht werden kann. In der Gesetzgebung hat China immerhin angefangen, dementsprechend zu handeln. Ende Dezember vergangenen Jahres hat der Rechtsausschuss des Volkskongresses einen Entwurf des Gesetzes für Investitionen aus dem Ausland vorgelegt. Der Gesetzesentwurf scheint Wert darauf zu legen, die bisherige Willkür von Lokalregierungen einzudämmen. Darin heißt es zum Beispiel, dass die Lokalregierungen keine Bedingungen gegenüber ausländischen Investoren für einen Markteintritt und -austritt aufstellen dürfen. Ebenfalls steht im Gesetzentwurf, dass die Lokalregierungen nicht ins Alltagsgeschäft von ausländischen Unternehmen eingreifen dürfen. Dieser Gesetzesentwurf wird bis Ende Februar des laufenden Jahres öffentlich angehört.

 

Im vergangenen April hat die chinesische Zentralbank bereits den Zeitplan für Marktöffnung bekanntgegeben. Demnach soll sofort die Einrichtung eines repräsentativen Büros für ausländische Unternehmen als Markteintrittsbedingung abgeschafft werden. Ebenfalls wurde verkündet, dass ab 2022 ausländische Investoren Versicherungsgesellschaften in alleinigem Besitz ohne Beteiligung eines chinesischen Partners gründen dürfen. Axa und Allianz werden bald ihre selbständigen Tochterunternehmen im Reich der Mitte aufbauen können.

 

Joint Ventures der westlichen Versicherer bislang nicht erfolgreich trotz vieler Potenziale

Dass das westliche Ausland auf weitere Marktöffnung drängt und den dortigen Markt beackern will, ist in der Tat eine Folge des wahrgenommenen hohen Marktpotenzials. Das wirkliche Entwicklungspotenzial liegt in der Bevölkerungsanzahl, der niedrigen Versicherungsdichte und der Dynamik der Wirtschaftsentwicklung. Die niedrige Versicherungsdichte in China mit 384 US-Dollar pro Einwohner (2017) im Vergleich mit der Hongkongs (8.313 Dollar), den USA (4.216 Dollar) und Deutschlands (2.687 Dollar) ist immens und zugleich vielversprechend. 

 

Die administrative Öffnung des Marktes ist eine Seite, während die Marktfähigkeit eine völlig andere Seite ist. Dass man in den chinesischen Markt eintreten darf, heißt in der Tat bei weitem nicht, dass man am dortigen Markt erfolgreich sein kann. Der chinesische Versicherungsmarkt gilt für ausländische Investoren bisher als besonders schwierig. Im harten Wettbewerb haben die einheimischen Versicherungsunternehmen seit jeher eindeutig die Oberhand. Zurzeit haben die ausländischen Versicherer tatsächlichen einen geringen Marktanteil, der seit Jahren unverändert ist. Laut Statistien der CBRC liegt er bei sechs Prozent. Bei Lebensversicherungen beträgt der Marktanteil 5,9  Prozent, bei Sachversicherungen lediglich 1,79 Prozent. Selbst diejenigen, die schon lange dabei sind, haben kaum Erfolge erzielt: 2004 hatte die AIG-Lebensversicherung China einen Marktanteil von 1,26 Prozent. Das bedeutet, dass eine echte Wachstumsdynamik bei den Versicherungsgesellschaften mit ausländischen Kapital in den letzten 14 Jahren weitgehend ausgeblieben ist.

 

Vertriebsmannschaft fehlt

Die Erklärungen der Ursachen für das Phänomen sind vielfältig. Jedoch sind zwei wesentliche Erklärungen seit Jahren immer die gleichen. Die ausländischen Versicherer legen Wert auf eine klassische Risikoabsicherung, während die chinesischen den Kunden hohe Renditen anpreist. Man fühlt sich von einheimischen Unternehmen angezogen, die meisterhaft in der Lage sind, hohe Renditen zu propagieren. Um den Verkauf zu fördern, gaben nicht wenige Gesellschaften vor einiger Zeit die Rendite von einigen Lebensversicherungsprodukten mit mindestens sieben Prozent an, natürlich unverbindlich.Zweitens: Die großen Vertriebsmannschaften der chenisichen Versicherer. China Life hat derzeit einen Vertriebstrupp von 1,44 Mio. Mann, die Ping An von 1,39 Mio. Mann. Solche Zahlen können westliche Player nicht aufbringen. Dementsprechend hört im Zuge der angekündigten Marktöffnung kein Geschrei wie etwa "Der Wolf kommt". Das passt zu der herrschenden gelassenen Ruhe in den chinesischen Medien. In der chinesischen Geschäftswelt meint man mit dieser Redewendung einen zu fürchtenden Konkurrenten.

 

Lesen Sie den ausführlichen Titelreport über den chinesischen Versicherungsmarkt in der kommenden Februar-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.