Vertrauen im Sinkflug
Vertrauen im SinkflugQuelle: fotoART by Thommy Weiss / www.pixelio.de / PIXELIO
Schlaglicht

Niemand glaubt mehr an die Altersvorsorge?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das Vertrauen der Deutschen in die Altersvorsorge schwindet (erneut). Nachdem sich im Jahr 2017 das Stimmungsbild deutlich aufgehellt hatte, trat im vergangenen Jahr neuerlich ein auffälliger Vertrauensschwund ein, wie eine Erhebung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge zeigt. Die Vertrauensprobleme sind hausgemacht. Ein Kommentar.

Mit der Befragung ermittelt das DIA einmal jährlich das Vertrauen in die drei Säulen der Alterssicherung, die Erwartungen an den Lebensstandard im Alter und die Vorsorgeplanungen. Im vergangenen Jahr fiel das Vertrauen der Deutschen in die gesetzliche Rentenversicherung wieder auf einen ähnlich tiefen Wert wie im Jahr 2016. Auch die Zuversicht gegenüber der betrieblichen Altersversorgung (bAV) und der privaten Vorsorge schwand erneut, wenn auch schwächer.

 

Am besten schneidet im Bereich der Altersvorsorge noch die bAV ab. Auf einer Skala von 0, was "völlig unsicher" entspricht, bis zum Topwert 10 (ganz sicher) ergab die Befragung im Durchschnitt einen Wert von 5,0. Im Vorjahr betrug der Wert 5,7.

 

Die gesetzliche Rente erhielt 4,2 (Vorjahr 5,7). Das Vertrauen in die private Altersvorsorge verschlechterte sich von 5,9 auf 4,8. Diese Zahlen sollten den Verantwortlichen in Politik und Finanzbranche die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen.

Das ist nicht das Umfeld, in dem das Thema Vorsorge fröhlich und unbekümmert angegangen werden kann, weder von Kunden- noch von Anbieterseite.

 

Vertrauen als Kitt der Gesellschaft

 

Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), weist zurecht darauf hin, dass eine Gesellschaft ohne Vertrauen nicht funktionieren kann – selbstredend gilt  das auch für die Altersvorsorge.

 

Das bedeutet nicht, dass ein Kunde gut beraten ist, wenn er blauäugig dem ersten Dahergelaufenen hinterherglaubt, der ihm eine risikolose Wunderrendite verspricht. Wenn er allerdings davon ausgeht, dass sein Anbieter ihn sowieso über den Tisch ziehen wird, dann ist der Griff zum Sparstrumpf zwar immer noch falsch, aber sehr menschlich.

Der so genannte kleiner Mann nimmt die die x-te Razzia bei der Deutschen Bank ebenso wahr wie den Container-Anlageskandal bei P&R oder damals die Lehmann-Pleite. Dass die wenigsten dabei alle Details verstehen und die Mehrzahl der Akteure seriös handelt, ist nicht wichtig. Es bleibt das Gefühl, das Finanzinstitute unsauber arbeiten.

 

Eine Argumentation, die vielen Versicherern vertraut vorkommen dürfte, sei es bei der Run-Off- Diskussion oder der Debatte über angeblich Wucherbeiträge in der PKV.

 

Politik ist ebenfalls betroffen

 

Während in der DIA-Befragung im Jahr 2017 alle drei Säulen der Altersvorsorge ähnlich eingeschätzt wurden, lässt sich 2018 eine stärkere Differenzierung beobachten. Vor allem die Politik hat Federn gelassen. Die politische Diskussion über die Zukunft der gesetzlichen Rente hat Verunsicherung ausgelöst.

 

Endlose Koalitionsgespräche, politische Streitereien und eine breiter werdende Kluft zwischen arm und reich haben den Glauben in die Politik stagnieren oder sinken lassen, wovon Randparteien profitieren, die in manchen Bundesländern auf dem Weg zur Volkspartei sind.

 

Deutsche verlieren das Vertrauen in die Politik
Deutsche verlieren das Vertrauen in die PolitikQuelle: Statista

Die Unsicherheit der Bevölkerung sind auch in der Dia-Umfrage abzulesen. Bei den Erwartungen zum Lebensstandard im Alter rechnen rund zwei Drittel der Befragten damit, dass sie ihren Lebensstandard künftig senken müssen. Die Hälfte davon geht von einer "deutlichen Absenkung" aus. Diese letztgenannte Gruppe hat sich gegenüber dem Vorjahr um neun Prozentpunkte vergrößert.

 

Bei den Parteien gilt dasselbe wie bei den Finanzinstituten, ein gewisses Maß an Zutrauen ist notwendig, ansonsten funktioniert die Zusammenarbeit nicht. "Demokratie braucht Vertrauen", fasste der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert einmal treffend zusammen.

 

Die Lösung?

 

Vertrauen kann aber nicht eingefordert, es muss verdient werden. Das gilt für Politiker wie Finanzakteure. Geschichten wie der Cum-Ex-Skandal, bei dem Finanzunternehmen sich durch Ausnutzung einer Gesetzeslücke Milliarden ergaunern und der Bund weder willens noch in der Lage ist, dem Einhalt zu gebieten, schwächen das Vertrauen der Menschen in beide Institutionen völlig zurecht. Die Finanzindustrie muss aus sich heraus seriös arbeiten, nicht erst, wenn die Staatsanwaltschaft im Haus bereits Festplatten einsammelt.

Bei aller Kritik über  angebliche LV-Abzocke, Schwindeleien und zu geringe Verzinsung, die deutschen Versicherer arbeiten ohne (große) Skandale, wenn auch nicht makellos.

 

Das lässt sich an den Zahlen der Verträge und der Beitragssumme im Bereich Lebensversicherung, Pensionskassen und Pensionsfonds aufzeigen. Zwar sind im Fünfjahresvergleich Rückgänge zu verzeichnen, doch kein allgemeiner Vertrauensverlust.

Auf viele ihr Geschäft betreffende Faktoren, Zinsen, Regulatorik, gesetzliche Rente, hat die Branche wenig Einfluss, doch ihr eigenes Verhalten kann sie kontrollieren. "Es liegt im eigenen, vitalen Interesse der Versicherer, bei ihren Kunden für Vertrauen zu werben", besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

Altersvorsorgekonzept · Vertrauen · Deutsches Institut für Altersvorsorge
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