Konzernsitz von Google in Kalifornien
Konzernsitz von Google in KalifornienQuelle: dpa
Schlaglicht

Hilferuf der Versicherer: Wo bitte geht es ins Silicon Valley?

Von Sascha SchulzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Ergo gehört zu den Versicherern, die von sich selbst behaupten, hoch agil zu sein. Doch ist das wirklich wahr? Dafür spricht, dass bei den Düsseldorfern auch nach außen das Team zu Wort kommen darf, und nicht nur der Chef. Agilität einer Organisation ist elementar, um reaktionsfähig zu sein, heißt es aus Expertenkreisen. Und ohne die richtige Mentalität droht die Digitalisierung zu verpuffen. 
Diese Freiräume zu eröffnen, hält die Berlinerin für den wichtigsten Faktor. Agilität der Organisation ist elementar, um reaktionsfähig zu sein. Bei Agilität geht es aber nicht nur um Methoden, wie sie heute vielfach im Vordergrund stehen, sondern es geht auch um ein agiles Mindset, um eine agile Führung und um die Agilität der gesamten Organisation. Die Herausforderung besteht darin, diese Dimensionen gleichzeitig zu bearbeiten. Denn agile Arbeitsweisen können nur wirksam werden, wenn es eine Führung gibt, die die Zusammenarbeit unterstützt. "Viele CEOs sind zerrissen zwischen der Sicherung des Kerngeschäfts und dem Aufbau des Neuen", sagt Lieckweg, Partnerin bei OSB Systemic Consulting. Beides müsse heute in den meisten Unternehmen gleichzeitig stattfinden, finde aber in komplett verschiedenen Modi statt. "Diesen Widerspruch muss man wirksam machen und darf sich nicht auf eine Seite schlagen. Im Alltag ist das aber für viele Führungskräfte eine echte Herausforderung." Hier könne es helfen, sich auch im Management-Team dieser Zerrissenheit zu stellen.
"Als Versicherer sind wir sicherlich noch lange nicht da, wo Google ist. Aber wir haben genau die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen", stellt Judith Storm, Ergo Digital Ventures, fest. "Mit Digital Ventures haben wir eine in der Branche einzigartige Aufstellung, um die digitale Transformation aus dem Geschäft heraus zu betreiben, nicht als Add-on, sondern als Aktivität vom und im Kern des Unternehmens. Hier befähigen wir das Business, digital zu werden. Hier setzen wir die Kundenorientierung in der gesamten Wertschöpfungskette um: Mit frischen Geschäftsideen und Perspektiven, wie Nexible, mit Themen wie Technologieeinsatz (AI, Robotics) und mit agilem Arbeiten - z.B. bei Ergo Direkt oder in der Digital IT." Bei der Entwicklung der ersten Sprachanwendungen hat der Versicherer mit einem großen Projektteam in Berlin vollständig nach der Scrum-Methode gearbeitet.
Diese Zusammenarbeit des agilen Projektmanagements setzt seitens des Managements großes Vertrauen voraus, da komplett eigenverantwortlich und mit Selbstführung gearbeitet wurde. Es gab also keine Hierarchien im Team, nur Rollen. „Ich habe das als unheimlichen Beschleuniger erlebt - alle waren hoch motiviert und wir konnten schnelle Entscheidungen treffen“, erklärt Storm. Die Achillesferse jedes Versicherers indes ist die reibungslose Kooperation mit Vertriebspartnern. Effizienz und technische Schnittstellen zum Datenaustausch spielen im komplexen strukturierten Vertriebsnetzwerk die Hauptrolle. Hier stehen die Top-Player in der Versicherungswirtschaft sehr unterschiedlich da. Makler, die täglich große Datenmengen verarbeiten, beklagen schon lange Zeit die Unbeweglichkeit der Branche. Denn kommen Daten nicht standardisiert an, gibt es ein Problem: Informationen müssen kompliziert aufbereitet werden, Prozesse werden extrem verlangsamt und aufwendig. "Die Situation ist doch die: GDV-Standard und Bipro sind aktuell als Basis der elektronischen Kommunikation nur eine geringe Hilfe und von einem wirklichen und hilfreichen Standard weit entfernt", stellt Bernward Maasjost, Vorstand PMA Finanz- und Versicherungsmakler, ernüchtert fest. Die elektronische Kommunikation zwischen Versicherer und Berater stecke auch über 20 Jahre nach der Einführung des Internet immer noch in den Kinderschuhen. "Für die schnelle Verbesserung dieses Missstandes bietet die Entwicklung der Vergangenheit nur wenig Hoffnung für eine effektive Lösung", berichtet Maasost. 

Gleichzeitig würden zu wenige bei den Versicherern ansässige Fachexperten bedingt durch die Organisationsstruktur tatsächlich die Marktoberfläche berühren. Dies führe zu Informationsverlust und damit auch zu Geschwindigkeitseinbußen in der Entwicklung. Schmidtbleicher sieht sogar Gefahren, die aus dem Wandel entstehen können: "Man darf nicht vergessen auf welche Werte sich eine Gesellschaft im Kontakt mit Versicherern eingestellt hat, hier kann es zu richtiggehenden Identitätskrisen kommen, nicht nur Mitarbeiterseitig, sondern auch aus Sicht des Kunden." Ob die Gefahren real sind, wird die Zukunft zeigen. Der gesellschaftliche Wandel und der technische Fortschritt sind nicht aufzuhalten.

 

Lesen Sie den ausführlichen Beitrag dazu in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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