Tim Kunde
Tim KundeQuelle: Friendsurance
Politik & Regulierung

Friendsurance-Gründer Tim Kunde warnt Versicherer vor Langsamkeit

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Wer sich nicht ändert, hat nicht gelebt", lautet ein chinesisches Sprichwort. Doch wie schnell ist man zu einer Veränderung bereit und in welchem Umfang? "In der Versicherungsindustrie baut sich der Veränderungsdruck langsamer auf als in anderen Industrien", glaubt Friendsurance-Gründer Tim Kunde im Interview mit VWheute. Und dennoch lautet seine Prognose: "In fünf Jahren aber wird der Druck auch bei Versicherungen so stark zugenommen haben, dass die Veränderungen disruptiver sein werden."

Wo stehen wir jetzt?

Die etablierten Versicherungskonzerne haben die Dringlichkeit der Digitalisierung inzwischen erkannt und einige machen die Vorteile der Digitalisierung nun auch ihren Kunden zugänglich – häufig durch Kooperationen mit Insurtechs. Dennoch gibt es ständig neue Entwicklungen, die das Potenzial haben Versicherungen noch einfacher zu machen. Wir stehen also noch immer am Anfang.

Welche digitalen Aspekte werden das Versicherungsgeschäft der Zukunft am stärksten betreffen und warum?

Bislang wird Digitalisierung, besonders die Automatisierung bestehender Prozesse, innerhalb der Versicherer mit dem Ziel betrieben Effizienz zu steigern oder Kosten zu senken. Das kann sinnvoll sein, schöpft aber bei weitem noch nicht die Potenziale aus, die durch Digitalisierung im Hinblick auf Kundenerlebnis, -zufriedenheit und letztlich -bindung erreichbar sind. Die breitere Erhebung und Analyse von Daten (zum Beispiel von Bankkonten durch PSD2, die intelligente Erkennung des Versicherungsbedarfs durch künstliche Intelligenz und die individuellere Betreuung durch neue Kommunikationskanäle können grundlegend verändern, wie Versicherungsleistungen genutzt und wahrgenommen werden. Das sind nur ein paar Beispiele, hier wird sich noch viel tun. Dies wird aber in Iterationen, bei denen auch manche Ideen wieder aufgegeben werden müssen, andere hingegen weiter ausgebaut werden.

Welche Entwicklungen sehen Sie beim ML in den nächsten fünf Jahren?

Die Versicherungsindustrie kann dank Machine Learning mit einer Reduktion zeitaufwändiger Aufgaben rechnen. Dadurch wird künftig mehr Zeit für den Kunden seine Bedürfnisse bleiben. Auch die vollautomatische Erkennung, wann ein Versicherungsschutz benötigt wird, ist realistisch. Sicher ist auch die vermehrte Nutzung von Chatbots über alle Branchen hinweg. Aber auch in der Medizin und der Autoindustrie, wird Machine Learning bereits in fünf Jahren zu großen Fortschritten führen. Unser Machine Learning Engineer, Boris Shiryayev, hat dazu jüngst einen Artikel auf LinkedIn veröffentlicht, der sich damit beschäftigt.

Welche Risiken sehen Sie?

Ich sehe das Risiko, dass die deutsche Versicherungswirtschaft nicht schnell genug agiert. Wer sich nicht früh auf die Digitalisierung einstellt und für sich eine klare Strategie entwickelt, wird langfristig Schwierigkeiten bekommen Kundenbedürfnisse zu erfüllen, effizient zu agieren, sowie sich zu differenzieren.

Eine Vorstellung der Zukunft der Versicherung ist, dass sich Plattform-Ökosystem entwickeln werden und mehrere Partner bei der Leistungserstellung zusammenarbeiten, auch über Branchengrenzen hinweg. Sehen Sie das auch?

Definitiv. Die Verschmelzung verschiedener Anbieter, Services und Technologien ist besonders für den Kunden gut: Statt für verschiedene Dienstleistungen verschiedene Plattformen aufzusuchen, kann er alles an einem Ort erledigen. Für Versicherungen bietet sich hier beispielsweise das Online-Banking von Bankinstituten an. Auch aus diesem Grund hat die Deutsche Bank sich dazu entschieden gemeinsam mit uns einen VersicherungsManager in deren Online Banking zu integrieren. In anderen Bereichen kooperiert die Bank mit anderen Partnern. Das ist ein klassisches Ökosystem im Kundensinn. Durch solche Plattform-Ökosysteme können sehr spannende, neue Kundenerlebnisse geschaffen werden. Es verschwimmen dabei aber auch die Leistungsbeziehungen, so dass oft neue Ansätze und Modelle notwendig sind, um die eigene Position und die Wertschöpfung in diesen Ökosystemen richtig zu verorten.

Ihr Geschäftsfeld sieht ja die Prüfung von Versicherungen und Empfehlungen vor, wie kann KI und MI dabei helfen, jetzt und künftig?

Wir nutzen künstliche Intelligenz bereits. Machine Learning hilft uns bei der automatischen Erkennung von Tarifen in Kundenverträgen. So müssen unsere Mitarbeiter nicht weiter manuell die einzelnen Vertragsdetails heraussuchen. Diese Prozessautomatisierung gibt uns die Möglichkeit uns mehr auf den Kunden zu fokussieren. Ein weiterer Punkt, den wir heute bereits anwenden und weiter ausbauen werden, ist der Einsatz von Machine Learning um Kundenpräferenzen dynamischer und entlang einer größeren Anzahl an Datenpunkten zu analysieren, um auf dieser das Angebot an Produkten und Services für den Kunden noch passgenauer zu gestalten.

Wird die technische Entwicklung eines Unternehmens in der Branche der entscheidende Faktor sein, wer am Markt bestehen kann?

Natürlich ist die Digitalisierung für nahezu jedes Unternehmen in der Branche heute bereits enorm wichtig und wir auch an Bedeutung weiter zunehmen. Digitalisierung ist aber kein Selbstzweck und auch kein Selbstläufer. Damit sie sinnvoll eingesetzt werden kann, braucht es zwei Dinge: Eine digitale Strategie, und eine innovationsfreudige, kundenzentriere Organisationskultur, die diese Strategie mitträgt. An beiden Enden gibt es noch viel zu tun.

Werden die genannten Entwicklungen auch den Vertrieb von Versicherungen betreffen und wenn ja, wie?

Das ist bereits der Fall. Bei unserer Kooperation mit der Deutschen Bank handelt es sich um eine digitale Bancassurance Plattform. Diese wird es Deutsche Bank Kunden künftig ermöglichen Versicherungen online zu verwalten und zu optimieren. Inklusive Tarifvergleich und -wechsel. Auch hier kommt unsere hauseigene Machine Learning Technologie zum Einsatz. Während heute digitale Distribution vor allem bei privaten Sachversicherungen zur Anwendung kommt, wird sie Schritt für Schritt ausgeweitet. Sowohl im Endkundenbereich als auch im gewerblichen Versicherungsbereich. Hier gibt es bereits spannende Ansätze, die aber sicherlich noch weiter zunehmen werden.

Ein Blick in die Kristallkugel: Wie wird die Versicherungswelt in fünf Jahren aussehen?

In der Versicherungsindustrie baut sich der Veränderungsdruck langsamer auf als in anderen Industrien. Gründe dafür sind hauptsächlich geringe Interaktionsfrequenz der Kunden, stabile ökonomische Ergebnisse und regulatorischer Einschränkungen. Deshalb sind die bisher beobachtbaren Entwicklungen eher inkrementell. In fünf Jahren aber wird der Druck auch bei Versicherungen so stark zugenommen haben, dass die Veränderungen disruptiver sein werden. Dabei wird es zu klareren Verschiebungen in der Marktstruktur kommen: Das bedeutet eine Konsolidierung der bestehenden Akteure, stärkerer Eintritt von Technologie-Unternehmen in den Markt und tiefere Integrationen zwischen etablierten und neuen Marktteilnehmern. Internet of Things und künstliche Intelligenz werden bei der Preissetzung eine größere Rolle spielen, aber auch bei Schadensprävention und -kalkulation. Bei den Vertriebskanälen wird es weitere Verschiebungen geben, vor allem aber eine stärkere Vernetzung zwischen den Kanälen dank digitaler Möglichkeiten. Es wird sich also viel getan haben. Dennoch wird die Industrie noch in mitten einer Transformation hin zu einem Ökosystem sein, in dem etablierte Wahrheiten eher alle paar Wochen als alle paar Jahre auf den Prüfstand gestellt werden - zum Wohle des Kunden.

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