Quelle: Ebay
Schlaglicht

Mär von der Disruption: Fehlt Versicherern die Fantasie für neue Produkte?

Von Univ.-Prof. Dr. oec. publ. Thomas HartungTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Schnell wird der Terminus "Disruption" bemüht, wenn es gilt, die Notwendigkeit des Einsatzes modernster Technologie zu untermauern. Doch wo stehen weite Teile des Versicherungsmarktes heute? An der Schwelle zur Disruption? Beobachtet man die Produktpolitik etablierter Versicherer, erscheint dies zweifelhaft. Zu sehr wird nach wie vor an der Feinjustierung bestehender Produkte gefeilt. Anstatt einer Kultur der  Innovation herrscht eine Kultur der Nachahmung. Langanhaltende Vorteile resultieren daraus nicht.

Kurz zum Hintergrund: Das Konzept der "disruptiven Innovation" geht zurück auf Clayton M. Christensen von der Harvard Business School. Er grenzt damit revolutionäre bzw. eben disruptive von evolutionären bzw. inkrementellen Innovationen ab, also von auf bestehenden Technologien oder Produkten basierenden Neuerungen, die häppchenweise eingeführt werden. Disruptive Innovationen hingegen ändern die Spielregeln bestehender Märkte erheblich oder schaffen neue, bisher noch nichtexistierende Märkte - häufig anfangs einhergehend mit niedrigeren Qualitätsstandards als die etablierten Produkte. Gefahren durch disruptive Innovationen drohen grundsätzlich denjenigen Angeboten, die zu wenig den Bedarf der Kunden treffen, dafür aber durch zahlreiche Merkmale „aufgeladen“ sind, die kaum erkennbaren Nutzen stiften.

 

Versicherern fehlt echte Innovation

 

Wo stehen weite Teile des Versicherungsmarktes heute? An der Schwelle zur Disruption? Beobachtet man die Produktpolitik etablierter Versicherer, erscheint dies zweifelhaft. Zu sehr wird nach wie vor an der Feinjustierung bestehender Produkte gefeilt. So werden als Beispiel fondsgebundene Altersvorsorgeprodukte dadurch „innoviert“, dass noch ein paar Fondsanbieter exklusiv hinzugenommen werden, bei biometrischen Produkten ein paar zusätzliche Krankheitsbilder mit aufgenommen werden, bei anderen Produkten dafür die maximale Vertragslaufzeit etwas reduziert wird, die Liste der Tarifmerkmale kleinteiliger wird und so weiter. Das sind Paradebeispiele für inkrementelle Innovationen, soweit man überhaupt von Innovationen sprechen kann. Nebenbei bemerkt: Inkrementelle Innovationen eignen sich hervorragend für Nachahmung. Langanhaltende Wettbewerbsvorteile resultieren daraus nicht.

 

Woher droht aber nun disruptives Potenzial in der Versicherungswirtschaft? Sind es die immer wieder genannten Verdächtigen Amazon, Google oder Facebook? Und wenn ja, wann kommt der entscheidende Schritt? Oder ist den genannten Technologie-Unternehmen das Versicherungsgeschäft viel zu langweilig, mühsam, reguliert und margenarm? Oder sind es die neugegründeten, agilen Versicherungsunternehmen mit taufrischer Lizenz und volldigitaler Antragstrecke?

 

"Von disruptivem Potenzial zu sprechen, scheint aus heutiger Sicht definitiv übertrieben"

 

Sicherlich werden sie manche verstaubte Geschäftsusance aufbrechen und damit traditionelle Anbieter vor sich hertreiben, aber von disruptivem Potenzial zu sprechen, scheint aus heutiger Sicht definitiv übertrieben. Zu sehr sind deren Produkte noch den alteingesessenen Produkten ähnlich, zu sehr entstammen sie noch demselben bislang üblichen Einteilungs- und Abgrenzungsschema von Versicherungsprodukten. Zu sehr wird die Erwartung auf die Technikaffinität der jüngeren Generationen gerichtet und die Produktgestaltung darauf ausgelegt, ohne wirklich genau zu wissen, welche Erwartungshaltung "Digital Natives" gegenüber Versicherungsprodukten aufweisen.

 

Nicht verwunderlich ist also, dass sich viele alteingesessene Versicherer mit Insurtechs beschäftigen, kooperieren, diese aufkaufen oder selbst welche gründen. Zu diffus erscheint noch die Gemengelage aus neuen Technologien, (vermeintlich) verändertem Kundenverhalten, der Angst vor eigener Schwerfälligkeit, dem Nichtwissen um das wirkliche Bedrohungspotenzial und forschen Statements aus dem Lager der Insurtech-Start-ups. Zu sehr treibt die Sorge, wesentliche Entwicklungen zu verpassen und damit den Anschluss zu verlieren.

 

Zeitlich limitierte Zweckgemeinschaft zwischen Insurtechs und Versicherern

 

So lässt sich auch erklären, warum sich Innovation Hubs in der Versicherungswirtschaft zunehmender Beliebtheit erfreuen. Auf der Suche nach dem Heiligen Gral – oder in diesem Fall dem disruptiven Ansatz -  schließt man sich besser zusammen und sucht gemeinsam unter Schaffung attraktiver Rahmenbedingungen, die die Wahrscheinlichkeit steigen lassen, dass sich die kreativsten Köpfe ins eigene "Ökosystem" locken lassen.

 

Bedacht werden muss dabei nur, immer wenn letztlich revolutionäre Innovationen umgesetzt wurden und zu entsprechenden Erfolgen führten, profitierten einzelne, höchstens wenige Akteure, aber nie alle bisherigen Anbieter und schon gleich gar nicht eine gesamte Branche. Es wird also spannend werden zu beobachten, wie lange die gemeinsame Suche anhält und ab wann sich Weggefährten trennen werden, um alleine Disruption – in welchem Gewand auch immer sie sich zeigen wird – zu erzeugen.

Disruption · Insurtechs
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