Michael Klüttgens, Leiter der Versicherungsberatung bei Willis Towers Watson
Michael Klüttgens, Leiter der Versicherungsberatung bei Willis Towers WatsonQuelle: Willis Towers Watson
Märkte & Vertrieb

Klüttgens: "Wir werden im kommenden Jahr mehr Übernahmen erleben als 2018"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Firmenübernahmen erfreuen sich derzeit immer größerer Beliebtheit. Vor allem die großen Versicherungskonzerne sind dabei national wie international besonders aktiv. Michael Klüttgens, Versicherungsexperte bei Willis Tower Watson, geht indes davon aus, dass die entsprechenden Aktivitäten eher noch zunehmen werden: "Wir werden in Europa - und auch in Deutschland - stärkere Transaktionsaktivitäten sehen", sagte er jüngst gegenüber einer großen Wirtschaftszeitung. VWheute hat beim Experten nachgefragt.

Was sind die Treiber der M&A-Aktivitäten und warum ist der Markt gerade jetzt so in Wallung?

Zu den Treibern der M&A-Aktivitäten zählen vor allem angestrebte Skaleneffekte, das heißt insbesondere Kosten- und Effizienzgewinne. Aber auch die zunehmende Konkurrenz durch die Insurtechs wird immer bedeutender. Ein weiterer Faktor ist das Streben nach Spezialisierung. Im Markt ist zu beobachten, dass sich einige Firmen verstärkt auf ihr Kerngeschäft fokussieren, während sie gleichzeitig Randbereiche abstoßen. Die genannten Treiber sind meiner Einschätzung nach ein Grund dafür, dass der Markt gerade jetzt so in Wallung ist. Sie sorgen auch dafür, dass wir in den nächsten Jahren viel Aktivitäten sehen werden.

In ihrem Bericht heißt es: "Deals are taking longer to get to the finish line”. Warum ist das so und welche Auswirkungen hat das?

Der Bericht hebt eine Reihe von Faktoren hervor, die Druck auf den Markt ausüben und somit die Verhandlungen in die Länge ziehen. Zum einen schließen sich Private Equity und andere spezialisierte Investoren zunehmend zu Konsortien zusammen, um größere Unternehmen zu übernehmen und aufzuspalten. Solche komplexen Akquisitionen dauern in der Regel länger als üblich. Auch globale Themen können den Prozess verlangsamen. Es gibt zum Beispiel politische und wirtschaftliche Spannungen – insbesondere zwischen China und den USA – die einer Übernahme möglicherweise im Weg stehen. Das lässt die Beteiligten vorsichtiger werden.

Welchen Einfluss hat der Brexit auf die M&A-Aktivitäten?

Nach dem Brexit verlieren in Großbritannien registrierte Versicherungsunternehmen die Möglichkeit, Versicherungsprodukte in jedem EU-Mitgliedstaat zulassungsfrei anbieten zu können. Jene britischen Versicherer, die diese Option bereits in der Vergangenheit genutzt haben, müssen die daraus entstandenen Versicherungsverträge nun auf einen in der EU zugelassenen Versicherer übertragen. Diesen Versicherer haben die britischen Anbieter entweder schon, oder er muss eigens dafür in einem EU-Mitgliedstaat gegründet werden.

 

Haben britische Versicherer bereits Versicherungsprodukte in mindestens einem EU-Mitgliedstaat angeboten, oder möchten dies künftig tun, dann geht dies somit nur über ein Tochterunternehmen in einem EU-Mitgliedstaat, welches dann wieder von der EU-Dienstleistungsfreiheit profitiert. Die meisten britischen Häuser haben bereits reagiert und viele nutzen bestehende oder gründen neue Tochterunternehmen in Irland oder Luxemburg.

Wie bewerten Sie den Markt in Deutschland, wer könnte ein Übernahmekandidat sein, vielleicht ein schwächelnder Lebensversicherer?

Wir beobachten gerade eine weitere Konsolidierung im öffentlichen Sektor, sowie zunehmende Run-Off-Transaktionen – sprich die Veräußerung einzelner geschlossener Lebensversicherungsbestände. Es gibt jedoch in Deutschland viele Versicherungsvereine, die eine andere Gesellschaft nicht einfach übernehmen kann. Dafür müssten die Vereine erst einmal demutualisieren, also in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden.

 

Konsolidierung findet allerdings auf vielen weiteren Ebenen statt, zum Beispiel in Form von Kooperationen: Bei der Nahles-Rente haben sich viele Versicherer über Konsortien zusammengetan, einige Krankenversicherer kooperieren beim Leistungsmanagement und andere streben die Verwaltung von Lebensversicherungsbeständen für Dritte an. Ebenso in der Diskussion stehen RV-Lösungen, die im großen Stil diverse Risiken aus den Büchern der Lebensversicherer nehmen und in einer Rückversicherungsgesellschaft konsolidieren. Es muss also nicht immer eine klassische Übernahme oder Fusion sein, die eine Branche in ihrem Bestand festigt.

Oft sind Übernahmen im Nachhinein für das Unternehmen schädlich, weil gewünschte Skaleneffekte nicht erzielt werden können oder die Anpassung der Software auf ein Niveau teuer wird. Warum dennoch die Lust am Kauf, ist Wachstum ansonsten nicht mehr möglich?

Mir sind keine Analysen bekannt, die belegen, dass M&A in der Versicherungsbranche Wert vernichtet anstatt ihn zu schaffen. Ich denke, es ist normal, dass nicht alle Transaktionen schlussendlich das Ergebnis liefern können, das man sich vorher erhofft hat. Allerdings sehe ich hier kein systematisches Problem. Es gibt viele Versicherer, die ohne Übernahmen wachsen.

Ihre Prognose: Mehr oder weniger Übernahmen 2019 als 2018 auf dem Versicherungsmarkt?

Meiner Einschätzung nach werden wir im kommenden Jahr mehr Übernahmen auf dem Versicherungsmarkt sehen als noch 2018.

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