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Politik & Regulierung

Wie sich Unternehmen vor den politischen Risiken 2019 absichern sollten

Von Mathias PahlTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Der G20-Gipfel ist vorbei. Selten gab es soviel Zündstoff wie in Buenos Aires. Es bleibt die Erkenntnis, dass Handelskonflikte, Währungskrisen und politische Unruhen auch im  kommenden Jahr den Unternehmen wirtschaftlich enorme Verluste einbringen werden. Versicherern bietet sich die Chance für gute Geschäfte.
Nach dem „Political Risk Survey 2018“ – einer Studie von Willis Towers Watson in Zusammenarbeit mit Oxford Analytica – hatten gut ein Drittel (35 Prozent) der befragten Unternehmen in den letzten Jahren Verluste aufgrund von politischen Risiken zu verzeichnen. Unter den Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als einer Mrd. US-Dollar hatten sogar mehr als die Hälfte (55 Prozent) der befragten Unternehmen Verluste durch politische Risiken zu verzeichnen. Dabei mussten 43 Prozent der befragten Unternehmen sogar Ausfälle von mehr als 100 Mio. US-Dollar verkraften. Der am häufigsten genannte Grund für Einbußen war dabei der Wechselkurstransfer (60 Prozent), gefolgt von Verlusten durch politische Gewalt (48 Prozent) und Import-/ Exportembargos (40 Prozent). Während Studienteilnehmer in Russland und Vietnam die meisten Schadenfälle meldeten, gab es ebenso Verluste in ganz Europa, Lateinamerika, dem Wirtschaftsraum Asien-Pazifik, Afrika und dem Nahen Osten zu verzeichnen.

Brandhede hängen alle zusammen

Um zu verstehen, mit welchen geopolitischen Bedrohungen sich Versicherer und Unternehmen 2019 auseinanderzusetzen haben, hilft zunächst ein kurzer Rückblick auf die Ereignisse 2018. Das erste Halbjahr war geprägt durch das Auftreten von mehr oder weniger gleichzeitig auftretenden Ereignissen:

  • Anstieg des Preises für Brent Öl auf mehr als 80 USDollar pro Barrel
  • Anstieg der Verzinsung für zehnjährige US-Anleihen auf drei Prozent
  • US-Sanktionen und Handelskriege
  • Populistische und nationalistische Tendenzen in Europa
  • Zunehmende politische Unsicherheiten im Mittleren Osten 

Diese Ereignisse werden ihre volle Wirkung erst in 2019 entfalten und zu folgenden Konsequenzen führen:  Bedingungen für rohstoffimportierende Länder: Während erdölexportierende Länder von einem Preisanstieg zunächst profitieren, sind Länder, die von der Einfuhr von Erdöl (beziehungsweise von Rohstoffen) abhängen, wie z.B. Indien, Japan, China oder die Türkei mit einer Verschlechterung ihrer Handelsbilanzen sowie mit einem Rückgang der Profitabilität des Unternehmenssektors konfrontiert.  

Verschlechterte Investitionsbedingungen: Hinzu kommt, dass gerade rohstoffimportierende Schwellenländer seit Anfang 2018 auch unter dem verminderten Appetit internationaler Investoren leiden. Bisher hatte eine lockere Geldpolitik der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) die Kapitalströme in Schwellenländer unterstützt. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) sind 260 Mrd. US-Dollar an Portfolioinvestitionen in Schwellenländern auf die unkonventionelle Geldpolitik der Fed zurückzuführen.

 

Viele Schwellenländer haben diese sehr günstigen externen Finanzierungsbedingungen zum Schuldenabbau und / oder zur Ansammlung von Devisenreserven genutzt, um ihre Anfälligkeit zu reduzieren. Allerdings sind andere Länder, deren Außenhandels- ungleichgewichte sich weiter vergrößert haben, durch die derzeitige Verschärfung der monetären Bedingungen anfälliger für eine Verringerung der Kapitalzuflüsse. Für die am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Unternehmen erschwert dies die Refinanzierung auf den Kapitalmärkten und benachteiligt produktive Investitionen. Dies hat insbesondere Unternehmen in Argentinien und der Türkei getroffen. So hat die Türkische Lira 2018 mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Wenn die Geldzuflüsse weiter stocken, kommt die Türkei in ernsthafte Schwierigkeiten. Indien und Sri Lanka könnten folgen: Ihre Handelsbilanzen werden durch eine robuste Binnennachfrage und höhere Energiepreise belastet.

 

Erhöhte soziale Risiken – politischer Wandel: Lenkt man den Blick noch auf Länder mit erhöhten sozialen Risiken, welche den Grad der Frustration einer Bevölkerung bemessen und somit einen Indikator für einen politischen Wandel bilden, so sind hier an erster Stelle Länder wie Iran, SaudiArabien, Russland, Ägypten, Algerien, Mexiko und Brasilien zu nennen. Dabei steht insbesondere Brasilien nach der Präsidentschaftswahl im Oktober im Rampenlicht. Last but not least werden wachsende politische Unsicherheiten die Lage weiter verschärfen.

 

Druck auf globale Lieferketten im Automobilsektor: Wenn die USA beschließen, die Zölle auf alle Importe zu erhöhen, um das Handelsdefizit einzudämmen, werden nicht nur Japan, Kanada, Mexiko, Deutschland, Südkorea und Großbritannien besonders betroffen sein. Denn der Automobilsektor ist stärker als jede andere Branche in die globale Wertschöpfungskette integriert. Wenn also deutsche Exporteure von US-Zöllen betroffen sind, werden ihre Zulieferer mit Sitz in der Tschechischen Republik, der Türkei oder Spanien ebenfalls betroffen sein.  

 

Innereuropäische Spannungen: Europa droht die Fragmentierung intern mit dem Aufkommen populistischer Parteien, aber auch von außen. Die Euroskeptiker rund um die Koalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega in Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft in der Eurozone, sorgten mit ihrem Vorstoß zur Erhöhung der Staatsschulden für Aufruhr. Präsident Trump, der sich aufgrund seines Handelsüberschusses explizit auf Deutschland konzentriert, wird Ländern wie Frankreich, die sich für mehr Umverteilung innerhalb Europas einsetzen, mehr Verhandlungsmacht geben. Die Ziele derer, die sich für mehr Integration einsetzen (Frankreich), der Befürworter des Status Quo wegen politischer Blockaden (Deutschland und Spanien) und derjenigen, die sich zurückziehen wollen (Italien), werden sich deutlich unterscheiden, was zu weiteren innereuropäischen Spannungen führen wird.  

 

„Bilateralisierung von Handelsbeziehungen“: Mittel- und langfristig werden ein uneiniges Europa und die „Bilateralisierung” von Handelsbeziehungen (China, USA und Russland gegen den Rest der Welt) die politischen Risiken weiter nähren. Und nicht zuletzt Zinserhöhungen (außer in Europa) werden zu größeren Risiken führen.
 

Vermeidungsstrategie statt Absicherung?

Risikomanager von weltweit tätigen Unternehmen sind beinahe täglich mit neuen Bedrohungen konfrontiert. Dabei muss ihnen der Spagat gelingen, einerseits die sich bietenden Chancen in aufstrebenden Märkten zu wahren, neue Absatzmärkte zu erschließen oder im Ausland zu investieren und andererseits vorhersehbare Risiken zu vermeiden. Die richtige Einschätzung von Risiken gehört zum Handwerkszeug eines jeden Risikomanagers. Die vielfältigen, z.T. sogar die Existenz des Unternehmens bedrohenden politischen Risiken sind dabei die am schwersten einzuschätzenden. Der Einkauf von Versicherungen gegen politische Risiken kann hierfür einen Ausweg bieten. Entsprechende Deckungen stehen aber immer dann zur Verfügung, wenn die langfristige Risikoeinschätzung der Versicherer im Einklang mit den zu vereinnahmenden Prämien steht. Jedoch bieten Versicherungsmärkte nicht immer einen adäquaten Versicherungsschutz an. Für Länder wie beispielweise Iran, Russland, Nigeria oder Venezuela bieten Versicherer momentan entweder überhaupt keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Versicherungsschutz an. Für die Türkei beginnen sich die Märkte bereits zu verhärten.

 

Die betroffenen Unternehmen müssen dann entscheiden, ob sie sich aus unsicheren Ländern zurückziehen, während ihre Wettbewerber die Chance nutzen und ihre Handelsbeziehungen mit Unternehmen, Banken und Staaten fortführen. Der Political Risk Survey von Willis Towers Watson zeigt, dass Unternehmen besonders in den vorgenannten Ländern häufig auf Vermeidungsstrategien setzen. So gaben größere Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar an, mit solchen Vermeidungsstrategien zu arbeiten – 68 Prozent aller Befragten (und sogar 82 Prozent der Großunternehmen) verringerten ihre Investitionen, 75 Prozent (86 Prozent der Großunternehmen) vermeiden zukünftige Investitionen komplett.  Für Versicherer, die keine adäquaten Deckungen für solche Risiken anbieten, bedeutet dies wiederum, dass ihre Wachstumschancen in diesem Bereich begrenzt sind, weil Unternehmen stärker auf Risikovermeidungsinstrumente als auf Risikoabsicherung setzen.
 

Verluste durch Politik nicht dem Zufall überlassen

Der Anstieg der politischen Risiken bedeutet für international agierende Konzerne eine wiederkehrende monetäre Aufwendung. Wenn diese Werte weiterhin steigen, stehen die Unternehmen unter dem zunehmenden Druck der Aktionäre, mehr Transparenz über die tatsächlich entstandenen Verluste zu schaffen. Unternehmen müssen also in der Lage sein, diese Risiken zu erfassen, zu quantifizieren und zu steuern. Versicherern, die hierfür passende Angebote erarbeiten, bieten sich entsprechende Wachstumschancen. Konzerne setzen sich typischerweise mit dem Management von konjunkturellen – nicht politischen – Risiken auseinander. Mit der steigenden Verlustgefahr können diese jedoch nicht mehr von der exekutiven Entscheidungsfindung ausgeschlossen werden. Die Maßnahmen zur politischen Risikominimierung müssen Teil der exekutiven Entscheidungsfindung werden und sollten nicht mehr nur als unvermeidliche operative Kosten in einem herausfordernden Umfeld angesehen werden.

 

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Dezember-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.