Zweibrücker Symposium der Finanzdienstleistungen
Zweibrücker Symposium der FinanzdienstleistungenQuelle: Yannick Weber
Politik & Regulierung

"Wenn Gesetzgeber helfen wollen, dann ist das oft schwierig"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Bereits zum zwanzigsten Mal widmete sich das "Zweibrücker Symposium der Finanzdienstleistungen", initiiert von Prof. Dr. Gunter Kürble, aktuellen Fragen zwischen Theorie und Praxis. In diesem Jahr lautete das Motto "10 Jahre nach Ausbruch der Finanzmarktkrise – Erfahrungen und Konsequenzen".

Nach einer Einführung und Begrüßungsworten stellte Niklas Bartelt, Geschäftsführer der Paydirekt GmbH, das besondere Umfeld vor, in dem sein Unternehmen operiert. Nachdem bei Zahlungsdienstleistern das Bewusstsein dafür gewachsen war, einen für Verkäufer/Händler wie für Käufer/Kunden möglichst einfachen Zahlungsweg eröffnen zu müssen, baute Paydirekt sein Zahlungsmodell als Alternative zu PayPal, GiroPay & Co. auf.

 

Der eigene Anspruch: Das "Mantra der Zahlungsdienstleister" zu durchbrechen. Zahlungslösungen seien nur entweder bequem oder sicher möglich, aber nicht beides. Nach einer Phase des Aufbaus, in der möglichst viele Nutzer überzeugt werden sollten, sei nun die kritische Masse für eine zweite Phase erreicht.

 

Ab Anfang 2019 sollen nun als zweite Phase die Nutzer dafür begeistert werden, das Zahlverfahren auch für ihre Zahlungen im Alltag möglichst häufig zu verwenden. Bartelt kündigte an, die Plattform mit Abo-Zahlungen und der Möglichkeit gesicherter Vorbestellungen weiter auszubauen, um weitere Käufer als Kunden zu gewinnen. Als neuer Kooperationspartner stehe ab dem Fahrplanwechsel im Dezember auch die Deutsche Bahn bereit.

 

Regulierung von Finanzkrisen

 

André Hoffmann von der Finanzmarktaufsicht (FMA) Liechtenstein legte im zweiten Referat des Vormittags dar, wie die Finanzmarktkrise 2008 aus Sicht einer Versicherungsaufsichtsbehörde bewältigt wurde. Er erläuterte den Hergang der Finanzkrise "von der Hypothek zum Wertpapier" und das Versagen der Finanzmarktaufsicht. Er verwies auf die "schwarzen Schafe", die Regulierung nötig machen: "Wir können gerne darüber diskutieren, an welchen Stellen es Überregulierung gibt (…), aber wir können nicht diskutieren über das ‚Ob‘ der Versicherungsaufsicht und deren Notwendigkeit".

 

Andererseits gestand er auf Nachfrage zu, dass 99 Prozent der Akteure "weiße Schafe" seien. Die FMA Liechtenstein sei sehr zufrieden mit den gemachten Erfolgen. Finanzdienstleister, die unter zu viel Regulierung ächzen, sollten sich mit Ärzten oder Anwälten vergleichen: Diese seien auch in Bezug auf deutlich weniger existenzielle Interessen als die Prämien eines Versicherungsnehmers noch viel größeren Aufklärungs- und Dokumentationspflichten unterworfen als Finanzberater.

 

Aber sind die Finanzdienstleister durch die seit 2008 geschaffene Regulatorik zwischen ESFS und Solvency II nun krisensicher, wenn der "große Crash" kommt? Hoffmanns Zuversichtlichkeit wich auf Nachfrage einem etwas weniger optimistischen Geständnis: "Für ein Szenario, in dem wirklich reihenweise Unternehmen Insolvenz anmelden müssen", habe auch die Finanzaufsicht keine Lösung, "da helfen auch die Sicherungsfonds nicht mehr". Und: "Bei einem großen Crash, der alle Versicherer betrifft, kann ich leider keine große Hoffnung machen."

 

Ist die Zukunft DIN-konform?

 

Maßnahmen gegen das geschwundene Vertrauen in die Branche ging Dr. Klaus Möller nach, Gesellschafter-Geschäftsführer der Defino. Möller, der selbst an der Entwicklung der DIN 77230 maßgeblich beteiligt war, schilderte in einem engagierten Vortrag die Entstehung der "Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte", die am 23. November endgültig verabschiedet wurde und im Januar 2019 veröffentlicht wird. Werde in Zukunft z.B. vor Gericht ein Finanzdienstleister danach beurteilt, ob ihm ein Beratungsfehler unterlaufen sein, so werde er gefragt werden, ob er die Beratungsstandards gemäß der DIN 77230 eingehalten habe. Wenn ja, dann werde eine Beweislastumkehr gelten. Weil die digitale Welt standardisierte Abläufe brauche, komme die Branche um eine Standardisierung ohnehin nicht herum. Das habe nicht nur Vorteile für den Berater (mehr Vergütung durch mehr Effizienz) und das Versicherungsunternehmen, sondern auch für den Kunden, denn eine ganzheitliche Beratung, die bisher nur den Besserverdienenden zugutegekommen sei, könne nun auch für Normalverdiener profitabel sei.

 

Da sieben Software-Häuser bereits die Vorbereitungen getroffen haben, um in wenigen Wochen zertifizierte Programme für die normkonforme Beratung anzubieten, wird schon sehr bald die DIN-77230-Beratung die Branche unter einen starken Anpassungsdruck setzen. Schon haben erste Vermögenschadenhaftpflichtversicherer spürbare Vergünstigungen bei Haftpflichtversicherungen für Berater (Reduzierung der Prämie) ab Veröffentlichung der Norm in Aussicht gestellt.

 

Prof. Dr. Daniel Stenger (Heilbronn) stellte unter dem Motto "Think different" neue Geschäftsmodelle für Finanzdienstleister vor, mit denen diese einen Weg aus der Vertrauenskrise finden können. Die Statistik zeige, dass die Ertragskrise der Banken noch nicht vorbei sei. Dass Provisionserträge den Einbruch bei den Zinserträgen seit 2008 kompensieren könnten, widerlegte Stenger mit Zahlen, die zeigen, dass die deutschen Banken 2008–2017 einen Saldo von –274 Mrd. Euro aufweisen. Gleichzeitig vertrauen die Kunden den scheinbar so gut in der Stammkundschaft verankerten Filialbanken Umfragen zufolge (noch) weniger als Online-Banken und "Non-Banks" wie PayPal.

 

Innovative Finanzleistungen seien bei deutschen Banken noch eine Seltenheit. Als Ausweg aus dieser grundlegenden, nicht nur vorübergehenden Krise stellte Stenger drei Auswege vor: die Bereitstellung eines vollständigen digitalen Ökosystems (was nur große Spieler leisten können), den digitalen Spezialisten (nur eine maßgeschneiderte Dienstleistung von höchster Güte) und den digitalen Zulieferer (der dem eigentlichen Anbieter nur zuarbeitet).

 

Den Teilnehmern gab Stenger drei Ratschläge mit, im Wandel zu bestehen: 1. konsequent digitalisieren, 2. das eigene Geschäftsmodell weiterentwickeln, 3. Kooperation statt Konfrontation.

Frank Breiting, Leiter des Vertriebs der privaten Altersvorsorge- und der Versicherungsprodukte in Deutschland bei DWS, stellte in einem launigen und bewusst überspitzt gehaltenen Vortrag die "Hyperregulierung" in der Branche vor und kritisierte allfällige Fehlentwicklungen, ohne einseitig schwarz zu malen. Er zeigte sich aber grundsätzlich skeptisch gegenüber allzu großem Vertrauen in Regulierung: "Wenn Gesetzgeber helfen wollen, dann ist das oft schwierig." Anhang einiger plakativer und teils grotesker Negativbeispiele wie "Informationspapieren" im Umfang eines Buches zeigte er die Überforderung von Kunden und Marktteilnehmern. "Regulierung kann dazu führen, dass wir den Kunden über etwas aufklären, das ihm noch viel weniger hilft als das, war wir ihm früher aufgetischt haben", so Breiting. Die Inkubationskammer der EU-Regulierung in Brüssel präsentierte er aus seiner eigenen Berufserfahrung als eigene Welt mit eigenen Regeln, in der Argumente und der Verweis auf die Lebenswirklichkeit der Bürger nicht immer durchdrängen.

 

Den Abschluss des Symposiums bildete eine Podiumsdiskussion mit Studenten über das aktuelle Thema „Erfahrungen mit der Niedrigzinsphase – pro und contra“, moderiert von Robert Baresel.

Regulierungstheorie · Finanzdienstleistungen · Finanzdienstleistungsbranche
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