Plenum des Euroforum Internationale Versicherungsprogramme in München
Plenum des Euroforum Internationale Versicherungsprogramme in MünchenQuelle: Martin Winkel
Märkte & Vertrieb

Warum Australien, Russland und die Türkei für Versicherer besonders schwierig sind

Von Martin WinkelTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Internationale Versicherungsprogramme gelten aufgrund einer Vielzahl zu berücksichtigender Aufsichtsregeln, Gesetze und Verordnungen als komplex. Noch schwieriger wird es, wenn wirtschaftliche Verwerfungen, Sanktionen, Schließungswellen oder besonders strenge Aufsichtsbehörden hinzukommen, wie im Fall von drei wirtschaftlich wichtigen Ländern.

Russland, Türkei und Australien waren Thema der Euroforum-Konferenz zu Internationalen Versicherungsprogrammen in München. Alle drei Länder haben Maklern Versicherern und Versicherungsnehmern in den letzten Jahren einiges Kopfzerbrechen bereitet – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Während die Türkei unter einer Wirtschaftskrise zu leiden hatte, waren es im Fall von Russland politische Sanktionen und Einschränkungen beim Kapitalverkehr, die Versicherern das Leben schwer machen. Australische Versicherer fürchten ihre Aufsichtsbehörde, die nach zwei Pleiten in der Versicherungsbranche und Fehlverhalten einzelner Markteilnehmer zu harten Maßnahmen greift.

Türkei attraktiver Konsumentenmarkt ohne Einschränkungen für internationale Programme

Kerim Tarman, Head of Sales Region South East Europe bei XL Catlin, AXA XL Division, wies dennoch auf das Wachstumspotenzial der lokalen Versicherungswirtschaft hin. Die türkische Wirtschaft habe in den letzten zwei Jahren zwar Phasen hoher Inflation und Wechselkursschwankungen erlebt. „Aber aus meiner Sicht bleibt die Türkei ein wichtiger Markt in Europa, der aufgrund des großen Anteils junger Menschen an der Gesamtbevölkerung hohes gesamtwirtschaftliches Potenzial aufweist. Die Türkei bleibt damit auch für internationale Unternehmen ein attraktiver und dynamischer Absatzmarkt, insbesondere im Bereich Retail,“ sagte Tarman. 2017 rangierte die türkische Wirtschaft global auf Platz 17, während das Prämienvolumen nur Platz 39 erreichte. 7.250 deutsche Unternehmen hatten 2017 in der Türkei investiert, mehr als doppelt so viel wie der Zweitplatzierte Großbritannien (3.143). Deutschland ist zudem bei Exporten und Importen (knapp hinter China) einer der führenden Wirtschaftspartner des Landes. 2016 wurde der Versicherungsmarkt umfassend reformiert. Möglich sind seither Takaful-Versicherungen nach islamischem Recht, die vorher im laizistischen Rechtssystem nicht vorgesehen waren.

In MTPL wurden Höchstprämien eingeführt, was auf die Marge im Kfz-Versicherungsmarkt drückt. Nach dem neuen Präsidialsystem ist auch die Versicherungsaufsicht dem Präsidenten unterstellt. Weitere Änderungen betrafen private Rentenversicherungen. Erdbebendeckung ist Pflicht in der Sachversicherung für private Haushalte, da die Türkei in einer seismisch stark aktiven Zone liegt. Zu den Pflichtversicherungen gehört auch eine Unfallversicherung für den Bergbau. In der Vergangenheit kam es in der Türkei unter Tage immer wieder zu Einstürzen und Explosionen. In der Türkei belegene Risiken dürfen ausschließlich von Erstversicherern mit lokaler Lizenz gezeichnet werden. Die Rückversicherung lokaler Policen ist im Rahmen internationaler Versicherungsprogramme aber gängige Praxis, Pflichtzessionen oder Eigenbehalte gibt es nicht.

Russischer Lebensversicherungsmarkt im Aufwind

Der russische Versicherungsmarkt hat in den letzten sieben Jahren eine massive Konsolidierungswelle erlebt. Von über 800 fiel die Zahl der Versicherer auf 220. Größter Versicherer im zersplitterten Markt ist Sogaz mit 15 Prozent Marktanteil. Hauptsorge der Aufsicht ist die Solvenz der verbliebenen Versicherer und hohe Schäden in der Kfz-Haftpflicht. Andrei Denissov, Managing Director, Russia & CIS bei Marsh Insurance Brokers AG, blickt dennoch optimistisch in die Zukunft. "2022 werden Kapitalbeschränkungen für ausländische Versicherer in Russland aufgehoben". Wachstumstreiber im Versicherungsgeschäft sei aktuell die Lebensversicherung, die häufig in Zusammenhang mit Immobilienkrediten abgeschlossen werde, erklärt Denissov. Vom Arbeitgeber finanzierte private Krankenversicherungen gelten ebenfalls als   attraktiver Markt mit positiven Zuwachsraten, während das Prämienvolumen im Non-Life Markt 2017 um zwei Prozent gegenüber Vorjahr abgenommen hat.

Die russische Wirtschaft hat sich von den 2014 im Zuge der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen erholt. Seit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 3,9 Prozent und Inflationsraten über zehn Prozent 2014 hat sich die Wirtschaftslage stabilisiert. Das Industrieversicherungs-Geschäft ist allerdings immer noch von Wechselkursrisiken betroffen. Prämien sind in Rubel fixiert, importierte Industrieanlagen müssen aber oft in US-Dollar oder Euro bezahlt werden. Die Staatseinnahmen hängen stark vom Öl- und Gaspreis ab. Zur besseren Kontrolle und Risikovorsorge wurde 2016 ein staatlicher Rückversicherer gegründet, an den zehn Prozent aller Abgaben zediert werden müssen. Auch deckt die Gesellschaft Sanktionsrisiken ab.

Harte Hand von Aufsichtsbehörden in Australien

Politisch unkritisch, aber als regulatorisch schwieriges Terrain gilt der Versicherungsmarkt in Australien. Bereits mehrmals ermittelte die Aufsichtsbehörde gegen Allianz Australien, eine der größten Landesgesellschaften des Konzerns. Die Untersuchungen galten verbraucherunfreundlichen Klauseln und überzogene Werbeversprechen. Der Durchgriff der Aufsichtsbehörden wurde mitverursacht von zwei Versichererpleiten, New Cap Re 1999 und HIH 2001. Der Kollaps der HIH gilt bis heute als größte Unternehmenspleite down under. Eine Untersuchung des Finanzsystems 2014 führte zu weiteren Verschärfungen. Aktuell untersucht die sogenannte Hayne-Kommission erneut Fehlverhalten von Versicherern im Markt, im Fokus stehen Restschuldversicherungen. André Kyburz, Kadermitglied bei Kessler & Co AG, der Schweizer Einheit von Marsh und Experte für Australien, erwartet für die Zukunft weitere Verschärfungen. Hinzu kommen komplizierte Regelungen zur Versicherungssteuer. Rückversicherungsprämien sind zwar außer Landes exportierbar, doch eine Steuer von drei Prozent auf Abgaben wirkt prohibitiv. Ein besonderes Auge wirft die australische Aufsicht APRA auf Ausfallrisiken bei Rückversicherern. Die Aufsichtsbehörde fordert von beaufsichtigten Unternehmen umfangreiche Berichte zum Rückversicherer-Inkasso. Rückversicherer wie z.B. Captives ohne qualifiziertes Rating werden mit einem Aufschlag von 100% auf das Risikokapital belegt.

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