Diskussionsrunde in beinahe historischem Ambiente
Diskussionsrunde in beinahe historischem AmbienteQuelle: Sascha Schulz
Märkte & Vertrieb

Die Wahrheit über die Digitalisierung in der Versicherungsbranche

Von Sascha SchulzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Versicherung, Makler und technologieorientiertes Jungunternehmen treffen sich in vertrauter Club-Atmosphäre zum "Lunch Talk" in Berlin. Die Mega-Buzzwords der Branche 2018 stehen mal wieder auf der Agenda: „Digitalisierung“ und „Start-up“. So geschehen am gestrigen Mittwoch, als pma:-Chef Bernward Maasjost als Gastgeber einer kleinen Runde dem charismatischen BWL-Professor und Branchenkenner Hans-Wilhelm Zeidler die Moderation überlässt.

Der Ton auf diesem Event ist ungewohnt vertraut und viel offener als auf vergleichbaren Veranstaltungen. Was ist bloß los mit der Versicherungsbranche? Angst, Unwissenheit, Euphorie, Technikglaube? Wo bleibt der Fokus auf den Kunden und dessen Motivation und Wünsche? Jede größere Gesellschaft hat ihren Investment-Arm und verteilt Geld an zum Teil kleine und fragile Neugründungen. Jeder Vorstand muss das Wort "Digitalisierung" aus Gruppenzwang irgendwann einmal verwenden; und sei es auch nur um aus Marketing-Gründen mit zwei- oder dreistelligen Millionenbeträgen zu prahlen, die sowieso in Reorganisations- und IT-Projekte geflossen wären, aber nur selten zum Abruf auf dem Konto "Wagnis Pur" bereitstehen. Das Etikett "Digitalisierung" klingt eben gut.

Die meisten Fehler seien gemacht worden, als es Versicherern blendend ging. Teppich, Privataufzug, Fahrer, Respekt vor den Bossen, fehlender Mut, Schwarmverhalten, große blackbox-artige Backends? Teildigitalisiert hat sich nahezu jeder Konzern schon seit über 20 Jahren – aber eben nicht lückenlos. Dann kam der Siegeszug des Smartphones, von sozialen Medien mal ganz zu schweigen. Und schließlich kam die Angst vor Amazon, Google und Co. Zeidler stellt kritische Fragen an sein Panel. Was ist Digitalisierung denn überhaupt? "Keine Bedrohung für den Mensch-zu-Mensch Vertrieb, sondern Kostenreduktion und bessere Zusammenarbeit mit Partnern", antwortet Tobias Warweg, HDI, und meint damit vorrangig die Automatisierung von Prozessen, die die Bearbeitungsgeschwindigkeit erhöhen. "Der Mitarbeiterbestand in der Branche ist häufig zu hoch und etwas überaltert", so der Vertriebsvorstand. Wer an der Kostenschraube drehen muss oder will, sucht hier zuerst nach Lösungen. Lohnt es sich da nicht, eher in Auszubildende und "Employer Branding" zur Anwerbung eigener IT-Fachkräfte zu investieren? "Das würde sich schon lohnen", so Warweg. "Aber wir können den Euro auch nur einmal ausgeben – und da wir zum Beispiel in Brasilien hochprofitabel und weniger stark reguliert sind, liegt unsere Priorität in Deutschland auf der Effizienzsteigerung.“ Was wolle man in einem Land, in dem eine Branche einen Provisionsdeckel vereinbart, auch anderes erwarten? Und warum sollte Amazon und Google hierzulande das Big Business erwarten, wo deren Stammgeschäft doch weit weniger reguliert, global umsetzbar und ein vielfaches ertragreicher ist?

Sebastian Herfurth ging vor achteinhalb selbst Jahren an den Start mit Friendsurance. Mit damals (nur) 135.000 Euro Kapital hat der Geschäftsführer sein Unternehmen gegründet, weitere Investmentrunden verliefen erfolgreich. Er weiß: "Digitalisierung ist kein Ziel! Ein Teil der Automatisierung ist im Kundeninteresse." Der Rest ist vor allem ein Update an den Front-Ends. Hier kommen nicht die großen Player wie IBM oder SAP an den Start, die sich um die Technik im Hintergrund gekümmert haben. Start-ups sind agiler, treiben die Geschwindigkeit. Den Startup-Boom, der heute allenthalben zu beobachten ist, kommentiert er: "Wir waren damals ein wenig zu früh dran, wenn ich so zurück denke." Die Summen, die heute in neue Ventures gesteckt werden, sind wesentlich größer – er hätte es also einfacher haben können. Dafür hat seine Friendsurance nun einen gewaltigen Know-how Vorsprung.

Den wichtigsten Grund für die "Digitalisierung" in der Branche scheint Bernward Maasjost, Geschäftsführer [pma:] zu kennen: „Der Kunde wünscht größere Interaktion und schnellere Lieferung von Fakten. Der wahre Treiber für Digitalisierung ist die Zurverfügungstellung von Infos im Web und auf Smartphones und der digitale Dialog. Doch wie bekomme ich die Daten als Vermittler von Produkten verschiedener Gesellschaften zusammen?“ Versicherer sind über Jahrzehnte bei der Umsetzung eines führenden Marktstandards für den Datenaustausch (GDV Datensatz, Bipro) gescheitert. "Zehn Vorstände am Tisch - acht rennen raus, und machen das Gegenteil", packt Warweg diesen Fakt in ein anschauliches Bild. Von über 100 Bipro-zugelassenen Unternehmen wenden erst 14 Gesellschaften den Standard an. "Wenn wir nicht Vertriebsdruck machen könnten auf Versicherer, wären bestimmte Produkte nicht verkaufsfähig, weil sie auf unseren Plattformen nicht abgebildet werden können," so Maasjost.

Zudem sieht er die Makler als Treiber der Branche: "Ohne uns wäre der ein oder andere Versicherer mausetot." pma: investiert rund zehn bis 15 Prozent seines Budgets in Personal, Lizenzen und Arbeitsplätze zur Systementwicklung. "In einem Markt, bei dem die Grenzrendite häufig nur 0,5 Prozent beträgt, kann das nicht jeder Wettbewerber." Da sei es hilfreich, mit starken und innovativen Partnern wie HDI zusammen zu arbeiten, die umfangreich analysiert haben, was Makler wirklich benötigen - und dementsprechend auch Produktlinien klarer und Policierung schneller gemacht haben. Auch Maasjost beklagt das hohe durchschnittliche Alter der Angestellten in der Branche. Es müssten bessere Wege gefunden werden, um talentierten Nachwuchs für die Branche zu gewinnen und bestehende motivierte Mitarbeitende in die Transformation aktiv einzubinden. Herfurth hat bei Friendsurance kein Problem mit motivierten Arbeitskräften: "Bei uns lernen unsere Leute Dinge, die man ein Leben lang überall anwenden kann. Wir beschäftigen ein Team, das aus 25 Nationalitäten besteht."

Digitalisierung
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