Daniel Bahr, Vorstand der Allianz Private Krankenversicherung und ehemaliger Bundesgesundheitsminister.
Daniel Bahr, Vorstand der Allianz Private Krankenversicherung und ehemaliger Bundesgesundheitsminister.Quelle: Martin Winkel
Politik & Regulierung

Daniel Bahr: Krankenversicherer müssen sich von "Inkassounternehmen" zu digitalen Servicepartnern wandeln

Von Martin WinkelTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Vertriebserfolg in der privaten Krankenversicherung stelle sich ein, wenn Versicherer sich beim Kundenerlebnis an digitalen Marktführern wie Amazon, Uber, Airbnb und booking.com orientierten – und nicht an anderen Krankenversicherern. So die These von Daniel Bahr, ehemaliger Gesundheitsminister und Vorstandsmitglied der Allianz Private Krankenversicherungs-AG in München, auf der Fachkreistagung für Krankenversicherung in Ismaning bei München, organisiert von der Vereinigung der Versicherungs-Betriebswirte.

"Diese Player haben vorgeführt, wie etablierte Branchen durch individualisierte Massenansprache und mit wenig Branchenerfahrung aus 'Big Data' geschneiderten Produkten erfolgreich angegriffen werden können", stellte Bahr fest. Krankenversicherer müssten sich daher von "Inkassounternehmen" zu digitalen Servicepartnern wandeln, fordert Bahr. 80 Prozent der PKV-Kunden würden sich mittlerweile vorab über das Internet informieren, so Bahr. Antworten innerhalb von 24 Stunden, Zusatzdienstleistungen wie Telekonsultationen und einfache Abschlussprozesse seien entscheidend für zufriedene Kunden im für Krankenversicherer relevanten Segment der 14- bis 29-Jährigen, erklärte Bahr.

Was bringt "Vivy"?

Als gelungenes Beispiel für eine digitales Angebot stellte der frühere FDP-Politiker die App "Vivy – die digitale Gesundheitsassistentin" vor. Vivy wird seit September 2017 angeboten und auf der Versichererseite aktuell von Allianz, Barmenia, DAK und Gothaer aktiv unterstützt. Daneben sind auch Betriebskrankenkassen, Kliniken und andere Gesundheits-Dienstleister angeschlossen. Neben einer elektronischen Patientenakte mit Inhalten wie Röntgenbildern, Befunden, Rezepten und Notfalldaten biete Vivy Wellness- und Fitnessangebote, Impfpass, Beratung und Information zu einzelnen Krankheitsbildern wie z.B. Diabetes oder Schlafberatung, erklärt Bahr. Medikamente können auf Wechselwirkungen geprüft werden und auch die Nutzung für elektronische Rezepte, Onlineterminierung, Impferinnerung, Schwangerenberatung und Telekonsultation sei möglich, erklärt Bahr.

Persönliche Gesundheitsdaten seien durch eine "End-To-End" Verschlüsselung geschützt. Eine Verknüpfung von Leistungsdaten des Versicherers und Erkenntnisse aus der Nutzung von Zusatzfunktionen finde nicht statt, sagt Bahr. Konkrete Nutzerzahlen der App wollte Bahr auf Nachfrage nicht nennen. Er rechne aber damit, dass in zwei Jahren mindestens 10% der PKV-Kunden Vivy verwendeten. Konkurrenzlos ist Vivy indes nicht. Auch die Techniker Krankenkasse bietet mit TK-Safe ein ähnliches Portal, dem sich bisher auf ärztlicher Seite die Ageplesios-Kliniken angeschlossen haben. Im Moment läuft ein Beta-Test, an dem TK-Versicherte teilnehmen können.

Roland Weber, Vorstandsmitglied der Debeka Versicherungen in Koblenz und dort Dezernent für die Bereiche Vertrag (KV und Pensionen), Lebensversicherung, Betriebsorganisation und IT, zeigte sich skeptisch über die Konkurrenz zahlreicher Plattformen, Apps und Standards verschiedener Marktteilnehmer. Weber glaubt, dass ein solch normiertes System ein Startpunkt für eine notwendige Branchen-weite Plattform sein könne. "Es ist falsch, dass sich Versicherer mit Apps untereinander Konkurrenz machen, und der Kunde gar noch mehrere Apps bedienen muss, um zum Beispiel noch eine Beihilfe zu erhalten."

Direktversicherer unter dem Joch der digitalen Versicherungsvermittler

Weber sieht immer noch eine zentrale Rolle für den Vermittler bei Abschluss einer PKV, vor allem wenn der Kunde aus der gesetzlichen KV wechsle. Auch in der digitalen Welt sei der Bedarf für Vermittler hoch. Diese präsentierten sich online vermehrt als "Vergleichsportale" wie z.B. Check24 oder Verivox. Diese hätten es geschafft fast sämtliche Direktversicherer auf ihrer Plattform zu vereinigen. Weber ist skeptisch, was die Gefahr des Markteintritts eines großen Players wie Google, Amazon, oder Facebook angehe. "Versicherung bindet bei Technologieunternehmen zu viel Kapital, ist zu stark reguliert und margenschwach". Bahr warnt Krankenversicherer indes davor, sich auf den Schutz durch Regulierungsbehörden und den Gesetzgeber vor neuer Konkurrenz zu verlassen. Uber beispielsweise habe erfolgreich dem stark regulierten Taxigewerbe Marktanteile abgenommen.

Wandel zu digitalen Servicepartnern

Versicherer stünden vor einem Dilemma. Neben modernisierungsbedürftige Altsystemen, rasant steigenden regulatorischen Anforderungen müssten sie auch noch sich wandelnden Kundenerwartungen gerecht werden, so Weber. Die Verbreitung digitaler Zugangs- und Behandlungswege stünde aber noch am Anfang, rät Weber zur Vorsicht. Von 44,000 gezielt angeschriebenen Versicherungsnehmern in Baden-Württemberg hätten nur ein Prozent eine Telekonsultation angefordert. Cloud-basierte Portale sind ein wichtiger Baustein in der fortschreitenden Digitalisierung der gesamten Gesundheitsbranche. Der Gesetzgeber legte den Grundstein 2015 mit dem "Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen sowie zur Änderung weiterer Gesetze", kurz E-Health Gesetz. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Gesundheitskarte, auf der Informationen zu Medikationsplänen, Arztbriefe und Notfalldaten wie Blutgruppen gespeichert werden können. Die Erweiterung mit den Daten der Europäischen Krankenversicherungskarte erlaubt grenzüberschreitende Konsultationen. Auch Videokonsultationen sind einigen Berufsgruppen nun erlaubt.

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