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Märkte & Vertrieb

Zahl der Captives sinkt auf Druck von Eiopa und Steuerbehörden

Von Philipp ThomasTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Im Zweijahresturnus treffen sich die Vertreter des eurpäischen Captive-Industrie in Luxembourg, dem Standort von 240 in diese Kategorie fallenden Rückversicherern. Wie sieht derzeit die Marktstruktur aus und die neu zu übernehmenden Exponierungen? VWheute war vor Ort.

Ende 2017 zählte man weltweit über 59 in Betracht kommende Sitzländer für 6.482 aktive Captives. Ihre Zahl ist per Saldo rückläufig: 2017 wurden 498 neue gegründet, aber 562 gaben ihre Lizenz zurück. Von den auf diese Captives übernommenen Bruttoprämien entfielen 55 Mrd. Dollar auf von Marsh verwaltet (davon 37,2 Mrd. Dollar auf Basis Sitz der Muttergesellschaft Nord Amerika zuzurechnen, 5,5 Mrd. Europa), 30 Mrd. Dollar  auf solcher unter der Obhut von Aon. In Sachen Captive-Verwaltung besteht also ein effektives Duopol. Fälle von selbst verwalteten Captives (wie etwa die Hochtief Töchter Builders‘ Risk) sind eher selten.

 

Es herrscht eine große Auswahl von in Betracht kommenden Domizilen, jeweils mit unterschiedlichen spezifischen Vorteilen (rechtliche Struktur, Steuersätze, Solvency II unterlegen?, Reputationsrisiko). Die Liste der möglichen Locations weist neben Luxemburg, Irland (nun eher bürokratisch) und Malta (sehr offen und kommerziell) die Bermudas, Caymans, Singapore, Hong Kong und sogar Vanuatu auf. Großer Beliebtheit erfreuen sich mittlerweile protected cell captives, die innerhalb der EU lediglich Malta ermöglicht. In Nordamerika finden sich 1731 Cells, verteilt über die Bundesstaaten Vermont, Delaware, Hawaii, aber auch Tennesse und North Carolina. Generell erscheinen die USA wesentlich aufgeschlossener gegenüber Captives zu sein als Europa. Group Captives (kleinere Versicherungsnehmer mit ähnlich gelagerten, homogenen Risiken gründen gemeinsam einen Risikoträge) sind in den USA üblich, der Gedanke ist in Europa jedoch noch nicht angekommen. Für sie sprechen die verbesserte Risikodurchmischung und die volumenbedingt niedrigeren Kostensätze.

 

Zu einer Sonderentwicklung scheint es in Asien zu kommen: Chinesische state owned enterprises (SOEs) könnten sich demnächste eine Captive in Hongkong zulegen. Die dortigen Aufsichtsgesetze werden i.S. einer effektiven Konkurrenz zum etablierten Standort Singapur überarbeitet, der Körperschaftssteuersatz für extraterritoriale Gewnne ist auf acht Prozent halbiert. Das malaysische Labuan dürfte in Kürze den eigenen noch dazu absolut gedeckelten Steuersatz von drei Prozent erheblich anheben müssen.

Kostensätze sind um 50 Prozent gestiegen

Captive-Verwalter reden einer Propagierung des Captive-Gedanken in Richtung middle market das Wort, d.h. abzielend auf Firmengruppen mit Umsätzen ab je nach Land und Branche zwischen 250 und 750 Mio. Dollar. Das Potential in Deutschland (etablierte und profitable Mittelständler) etwa wäre enorm. Aber in den letzten Jahren sind die regulatorischen Kosten dank Solvency II etc. um 50 Prozent gestiegen, auch die Eigenkapitalanforderungen sind gewachsen. Im Hinblick auf 2018 sehen sich viele Captive-Eigner aufgrund geänderter Rahmenbedingungen genötigt, ihre Strategien zu überprüfen. Es geht um das finden von neuen Aufgaben für vorhandene Captives (und nur als ultima ratio die Veräußerung oder Liquidation) und die herzustellende Unangreifbarkeit was Infragestellungen durch Steuerbehörden angeht. Ältere Captives werden gelegentlich überflüssig, insbesondere bei Fusionen von Muttergesellschaften.

Eine Sonderentwicklung betrifft die USA: Änderungen zu Section 831b des US tax code führen zur Einstellung von kleinen, hauptsächlich steuerlich motivierten Captives. Run-off-Unternehmen wie R&Q (mit eigenem Stand präsent) beginnen sich für den Erwerb von Run-off-Captives zu interessieren. Allerdings wären hierfür erhebliche Mittel (Eigenkapital plus Schwankungsrückstellungen) zu binden und die Run-off-Dauer ist schwer einzuschätzen. Die derzeitigen Markt-Rahmenbedingungen sind für den Einsatz von Captives nicht optimal, doch überlegt sich mancher Eigner, dass es sich lohne eine Captive im Hinblick auf Änderungen des Umfelds auf standby bereitstehen zu haben:

  • Der in vielleicht zwei Jahren kommende Anstieg der Marktzinsen ist ein Argument den technischen cash flow via Captive-Struktur im eigenen Konzern zu behalten
  • Irgendwann dürfte es auch wieder eine Verhärtung der derzeitig nicht auskömmlichen Prämienraten geben
  •  

Nachdem die einzelnen Captives nun ihre Solvency-II-Anforderungen halbwegs in den Griff bekommen haben, schoben sich für 2018 neue Herausforderungen in den Vordergrund:

  • Die Brexit Auswirkungen auf den bedeutenden noch-EU Captive-Standort Gibraltar sind unklar. Es hat wohl bereits eine Migration nach Malta eingesetzt. Jedoch bleibt Gibraltar als Standort mit Ausstrahlung nach UK auch auf Erstversicherungsbasis attraktiv (was nicht für Guernsey und Isle of Man gilt).
  • Kommende Digitalisierung der Geschäftsabläufe, auch unter Einsatz von markteinheitlichen Blockchain-Lösungen
  • Mögliche Notwendigkeit Prämien und Schäden in bitcoin oder anderren Crypto-Currencies zu verbuchen

Neuartige zu übernehmende Exponierungen

An durchaus für die Risikotragung innerhalb von Captive sind in Betracht kommende Exponierungen:

  • Cyber und Blockchain: Aon und Marsh berichteten von 250 Prozent Anstieg der relevanten Prämie, Deckung für malware und ransomware attacks. Ein Drittel der Eigner laufen das Risiko voll im Selbstbehalt, auch gerade kleinere Unternehmen exponiert, Betriebsunterbruch, Rechtsverteidigungskosten. 20 Prozent der Captives dürften jedenfalls in fünf Jahren auch Cyber-Exponierungen im Portefeuille haben und hierfür zunehmend auch technische Rückstellungen bilden müssen.
  • Umwelt- und Reputationsrisiken. In Spanien gilt die neue gesetzliche Anforderung für Produktionsunternehmen was eine Umwelthaftpflichtpolice mit einer Deckungssumme von 20 Mio. Euro angeht.
  • Als „unversicherbar“ geltende Risiken, etwa
    • Operational risk (supply chain, Kosten overrun, Vertragsstrafen)
    • Langfristige Garantien im Rahmen von Bankfinanzierungen für Kunden, etwa für Batterien
    • Problematische Produkthaftpflicht: der Gipshersteller Knauf trägt sich nach den China Drywall Schäden wohl mit dem Gedanken seine Riisken in einer eigenen Captive zu laufen.
    • Verkehrsaufkommen für zu finanzierende Projekte (loss of revenue)
  • Terror

Employee Benefits und die Gleichschaltung durch Eiopa

Zunehmend landen EB-Risiken, also Kranken, Risikoleben und Arbeiterunfall letztlich in der eigenen Captive. Ziel ist, insofern nicht die Gewinnertzielung, sondern die paternalistische Verbesserung der Lebensumstände der Beschäftigten. EB-Portfolios sind meist homogene, kaum Solva-Bedarf auslösende Bestände. Sonderaspekte sind mittlerweile Trans-Gender und mental health. Die Übernahme geschieht stets auf Basis Rückversicherung, der Fronter muss sich nicht mit den administrativen lokalen Problemen herumschlagen. Häufig wird dann auch noch versucht, den Schadenverlauf durch externe statistische Profis analysieren zu lassen und durch das Angebot von Corporate-Wellness-Programmen zu verbessern. Die dadurch entstehende Datenschutzproblematik ist zu beachten. Die seit mehr als zehn Jahren aktive Allianz GlobalBenefits hat bereits 25 EB-Captives in Verwaltung, Solvaycare strebt weltweit für alle Mitarbeiter Minimalstandard an und  Arcelor Mittal Stahl wird diese Sparten ab 1.1.2019 in die eigene Captive nehmen.

Als Keynote-Speakter trat Fausto Parente, Executive Director, der EU-Aufsichtsbehörde Eiopa auf. Zwar lobte er in seinen Erwägungen zu Captives aus aufsichtsrechtlicher Perspektive die dank Solvency II eingetretenen Verbesserungen in Sachen Risk Managent, Corporate Governance, korrekte Kalibrierung zwischen Eigenkapitalanforderungen und exponiertem Risikokapital und Transparenz, doch hielt er weitere Anpassungen für erforderlich. Seit der 2008er Finankrise bedürfe es stärkerer Reglementierung der Finanzmärkte um das Vertrauen der Bevölkerung in die Stabilität der Finanzysteme zu stärken. Der evolutionärer Prozess dauere an, der nächste Review komme 2020, insbesondere was die Messung von Longtail-Exponierungen angeht.  Ziel sei auch die Komplexität zu reduzieren. Sustainable-Finance-Betrachtungen werden einfliessen, die Entscheidung liegt bei Kommission, Rat und Parliament. Auch wenn Captives kein Konsumentengeschäft übernehmen und daher keine Konsumentengefährdung durch Captives vorstellbar ist und das meiste Geschäft von short tail Nature ist, scheint die EU auch über das Erfordernis von living wills für den Fall des Run-offs nachzudenken, d.h. die jederzeit im Auge zu behaltende unkomplizierte Liquidation eines Unternehmens. 

Feindlich gesonnene Steuerbehörden

Nationale Steuerbehörden (sowohl am Sitzland der Muttergesellschaft einer Captive als auch in den Ländern, aus denen Konzerntöchter Prämien an eine Captive zedieren) sind von großem Erfindungsreichtum, was Einwände hinsichtlich der realen Existenz einer Captive sowie des adäquaten Preises angeht. Zunehmend ist die reale lokale Substanz einer Captive Kriterium. Gefordert werden eigene Räumlichkeiten, das nicht-outsourcen zentraler Funktionen wie Underwriting, Recht, Aktuariat und Compliance, vielleicht auch noch ein unabhängiges Verwaltungsratsmitglied. Mind & management der Gesellschaft müssen sich an deren Domizil befinden. Es sollte underwriting committees geben und für alle Beteiligte einen fit & proper test.

Der bei Aon Luxemburg tätige Aktuar Fabrice Frère berichtete vom seit 2012 von der OECD weltweit verfolgten BEPS (Base Erosion and Profit Shifting) Ansatz, der vorsieht, dass Gewinne dort zu versteuern, wo auch die Wertschöpfung erfolgt. Er trat an die Stelle von transfer pricing und ergänzt bestehende DTAs auch ohne deren Neuaushandlung i.S. von Interpretationsregeln. Arm’s length, reicht nicht mehr aus. Es bedarf also auch noch der kommerziellen Begründung für die Existenz der Captive. Es muss überzeugende Argumente für die Einschaltung einer spezifischen Captive geben. Im Fall von exotischen Gestaden ohne lokales Assekuranz-Cluster dürfte der Test meist negativ ausfallen.  Unverändert besteht das Erfordernis des signfikanten Risikotransfers i.S. von IFRS17. Die vereinbarten Konditionen müssen einem Fremdvergleich (arm’s length test) standhalten. Economic rationale im Einzelfall zu begründen und zu beweisen. Viele Staaten kennen den Begriff der Controlled foreign companies und rechnen im Fall der Ansiedlung in einem Niedrigsteuerland einfach den Gewinn der Tochter der Mutter zu. Praveen Sharma, Marsh, Insurance Regulatory and Tax Consulting Practice reit dringend das jeweilige Entgelt fair und transparent darzustellen. Die komplette Dokumentation sei zeitnah zu erstellen, nicht erst Jahre später wenn eine historische Transaktion von den Steuerbehörden angezweifelt wird.

Die Vorteile von Luxemburg als Captive-Standort

Annick Felten, beim Commissariat aux Assurances für Rückversicherer zuständig und Teresa Ready von der Central Bank of Ireland illustrierten die aufsichtsrechtlichen Ansätzen ihrer jeweiligen Regulatoren.

In Luxemburg finden sich reine Rückversicherungscaptives und keine Erstversicherer (Ausnahme: Builders Direct). Felten gestand ein, es habe einen Rückgang bei der Anzahl der Captives gegeben, möglicherweise auch wegen Solvency II, aber auch wegen soft market und Unternehmensfusionen bzw. Relokalisierungen. Kleine Captives hätten in Solvency II eine besondere Herausforderung erblickt und sich bereits im Vorfeld zur Schließung entschlossen. Die SchwaRü zählt (nach Abzug der deferred corporate tax von ca 26%) als tier 1 capital, was Solva-compliance vereinfacht. Probleme ergeben sich aber auch aus Solvency II Pillar 2 und 3 (Governance/reporting).

Felten führte aus: „Luxemburg, Irland und Malta sind als spezialisierte Captive Domizile in besonderer Weise sensibel, was die Erwartungen der Captive-Eigner in Sachen Proportionalität der Aufsicht angeht. Luxemburg hält sich zwar an den Grundsatz der Proportionalität, doch gilt dies eher nicht für große Captives mit stark schwankender Portefeuillestruktur. Bislang gibt es bei uns keinerlei interne Solva-Modelle für Captives, ursprüngliche dahingehende Absichten von Eignern wurden aufgrund der Anforderungen der Aufsicht an solche Modelle wieder fallengelassen. Ein solcher Ansatz wäre aber für grössere Captive durchaus vorstellbar.“ 

 

Zu hören war derzeit gäbe es über 30 Captives in Schweden, von denen früher manche  in Luxemburg ansässig war. Aufgrund strikter Solvency-II-Anwendungen durch die schwedische Aufsicht überlege mancher Eigner den reumütigen erneuten Umzug nach Luxemburg.

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