Rentenversicherung
RentenversicherungQuelle: Uwe Schlick / PIXELIO (www.pixelio.de)
Märkte & Vertrieb

Wann schaffen Lebens- und Rentenversicherungsprodukte den Sprung in das digitale Zeitalter?

Von Julia Binder und Thomas Fühser und Gregor PovhTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Rückläufige Abschlussquoten, stagnierende Bestandsvolumina und sinkende Erträge stellen die deutschen Lebensversicherungen vor große Herausforderungen. Als zentrale Gründe werden zumeist die anhaltende Niedrigzinsphase sowie höhere Eigenkapitalanforderungen nach Solvency II angeführt, die die wirtschaftliche Verwaltung der Bestände erschweren und attraktive Garantiezinsangebote für neue Kunden verhindern.

Der Blick auf die demographische Entwicklung zeichnet dagegen ein positiveres Bild. So ist die Bevölkerung in Deutschland seit den 80er Jahren auf aktuell über 81 Millionen Einwohner gewachsen. Durch die aktuell niedrige Arbeitslosenquote ist die Zahl der Beschäftigten so hoch wie nie. Die Zielgruppe für Vorsorgeprodukte ist trotz der alternden Bevölkerung also nicht kleiner geworden. Gleichzeitig rückt die Wichtigkeit einer zusätzlichen Absicherung umso mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft. Für die rückläufige Nachfrage nach Altersvorsorgeprodukten gibt es sicherlich viele Ursachen. Nicht zu unterschätzen ist der wirtschaftliche und kulturelle Wandel der Gesellschaft, der durch die immer schnelleren Innovationszyklen seit dem Übergang in die Informationsgesellschaft angetrieben wird.

Während der industriellen Revolution vergingen von Erfindung bis zur ersten kommerziellen Nutzung oft Jahrzehnte. Heute erleben wir teilweise vollständige Innovationszyklen in weniger als zehn Jahren. Tonträger, beispielsweise, durchliefen seit der Schallplatte über Tonbänder/ Cassetten, Audio-CDs, MiniDisk und MP3-Player bis zu den heutigen Streamingdiensten innerhalb von 50 Jahren mindestens vier vollständige und immer kürzere werdende Innovationszyklen.

Die technischen Neuerungen haben die Gesellschaft in nahezu allen Bereichen rasant und radikal verändert. Inzwischen sind unzählige technische Innovationen aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Allen voran das Smartphone, welches eine Vielzahl von Geräten ersetzt. Durch die digitale Vernetzung können selbst Apps neue Innovationszyklen einläuten. Fest installierte Navigationssysteme in Autos wurden erst durch mobile Navigationsgeräte, heute von Google Maps abgelöst. Klassische Einkaufsstraßen mit starkem Einzelhandel werden zunehmend von Shopping Malls mit Einkaufsmöglichkeiten für jedweden Bedarf verdrängt. Die Vernetzung nimmt rapide zu und macht auch vor Roboter-Staubsaugern, intelligenten Kühlschränken und ähnlichem nicht Halt.

Dagegen haben die jederzeitige Verfügbarkeit von Informationen und die globale Vernetzung dazu geführt, dass Kunden bei der Bewertung von Angeboten auf zwei Kriterien besonders achten. Das sind zum einen die Transparenz eines Angebots und zum anderen die Möglichkeit, ihre individuelle Persönlichkeit mit dem Produkt auszudrücken. Für Versicherungen wäre es mit den heutigen technischen Möglichkeiten leicht möglich, diese Ansprüche zu erfüllen. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Kunden bei dem heutigen Stand der Technologie erwarten, dass die Kapitalanlage eines Altersvorsorgeproduktes wenigstens den spezifischen Renteneintrittszeitpunkt berücksichtigt. Die technischen Voraussetzungen dafür sind heute bereits gegeben. Die aktuell auf europäischer Ebene diskutierten Richtlinien zu mehr Transparenz bezüglich nachhaltiger Anlagen werden zu ähnlichen Anforderungen führen. Denn Kunden könnten zukünftig auch in Bezug auf nachhaltige Anlagen genaue Vorgaben machen. Gleichermaßen kann natürlich auch jede beliebige andere Restriktion und Präferenz des Kunden als Vorgabe für eine Altersvorsorge einfließen. Im Ergebnis entstehen so viele alternative Szenarien, dass jede Altersvorsorge vollständig individuell wird.

Automobilhersteller haben gezeigt, wie man die dadurch entstehende Komplexität für sich nutzen kann. Bei der Bestellung eines Neuwagens machen es Konfiguratoren für den Verkäufer im Autohaus ebenso wie für den Kunden zuhause kinderleicht, aus Milliarden von Möglichkeiten das völlig individuell zugeschnittene Auto zusammenzustellen. Ein wichtiger Aspekt für den Vertrieb ist dabei: die Bestellung erfolgt trotzdem in über 90 Prozent der Fälle im Autohaus, zusammen mit einem Berater. Wären Renten- oder Lebensversicherungen wie Automobile, dann stünde ein Interessent allerdings vor dem Problem, sich heute für ein bestimmtes Modell entscheiden zu müssen, das er Jahrzehnte behalten wird. Das ist natürlich unrealistisch, da ein Käufer je nach Alter und Lebensphase einen Sportwagen, einen familientauglichen Minivan, ein Cabrio oder ein SUV präferieren würde.

Bei der Altersvorsorge verhält es sich ähnlich. Menschen, die verstanden haben, dass sie bis zum Renteneintritt möglicherweise mehrfach den Arbeitsplatz und den Wohnort wechseln werden oder ein späterer Immobilienkauf die finanzielle Situation auf den Kopf stellen kann, suchen nach einem Produkt, das sie auf neue Lebenssituationen oder veränderte Ansichten anpassen können. Zu Recht. Denn im Gegensatz zu Autos ist es technisch problemlos möglich, Versicherungen jederzeit anzupassen. Die Technologie, die es braucht um ein solches Altersvorsorgeprodukt an den Markt zu bringen, liegt vor. Die Möglichkeit zur vollständigen Individualisierung und Automatisierung der Altersvorsorge eines jeden Kunden rückt die Kundenbedürfnisse in den Vordergrund. Damit lässt sich auch die Komplexität im Vertrieb von Altersvorsorgeprodukten, insbesondere bei fondsgebundenen Tarifen mit teilweise riesiger Fondsauswahl, deutlich reduzieren.

Last but not least: Die Vernetzung von Kunde, Vertrieb und Versicherungsunternehmen bietet allen Beteiligten Chancen und wird zugleich der Zielvorstellung des Regulators besser gerecht als aktuelle Tarife. Der Versicherer, der sich traut, eine komplett neu gedachte Altersvorsorge an den Markt zu bringen, den erwartet ein enormes Potential und echte Innovationsführerschaft.

Lebensversicherungen · Rentenversicherung
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