Dürre
DürreQuelle: Fotolia / Gina Sanders
Politik & Regulierung

Mega-Dürre hält an: Wie sich Bauern jetzt absichern können

Von Dr. Alexander Jäger und Ulrich Hess und Robert Fischle und Sebastian MahlerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Indexbasierte Versicherungen haben seit dem letzten Jahrzehnt international mächtig an Bedeutung gewonnen. Statt des Eintritts eines Schadens löst der Eintritt eines durch eine Kennzahl definierten Ereignisses den Versicherungsfall aus. Der Vorteil besteht darin, Naturphänome besser in Risikoprofile einzupreisen. Doch es gibt auch Herausforderungen.

Die Hitzewelle im Sommer 2018 führte zu bisher nicht gekannten Schäden für deutsche Landwirte in Milliardenhöhe. Auch wenn man bisher nicht von einem Trend reden kann, so ist anzunehmen, dass man aufgrund des Klimawandels mit einer weiteren Zunahme an Extremwetterereignissen wie Dürren rechnen muss. Vor diesem Hintergrund scheint es angemessen, dass die öffentliche Diskussion um ein systematisches – staatliches oder privates - Management dieses neuen Szenarios auch hierzulande zunimmt. Eine Option für einen proaktiven Umgang, die international Aufmerksamkeit findet und von der deutschen Regierung unterstützt wird, sind neue Formen der Dürreversicherung für Landwirte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Im Folgenden wird in Kürze auf die aktuellen technischen und technologischen Grundlagen der Dürreversicherung eingegangen. Dann werden Erfahrungswerte in Indien und Sambia, im Rahmen von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützten Programmen, skizziert. Abschließend wird ein Beispielprodukt ("die Wetterversicherung", gvf VersicherungsMakler AG) für Deutschland wiedergegeben und insbesondere auf die Frage der Effektivität und Kosteneffizienz für Versicherungsnehmer eingegangen.

Aktuelle Grundlagen der Dürreversicherung

In den letzten Jahren haben technologische Neuerungen und deren Einsatz in der Versicherungsindustrie die Möglichkeiten für Dürreversicherung grundlegend verändert. Zu den wichtigsten hierbei zu nennenden Technologien und deren Anwendungen zählen der Einsatz von Satelliten für die Wetterbeobachtung und Schadensschätzung, Drohnen und Tablets für die Schadensbewertung und Mobilfunktelefone für eine grundlegend veränderte Kommunikation mit den Versicherungsnehmern. Die veränderten technologischen Grundlagen hatten weltweit Auswirkungen auf die Ausgestaltung von Versicherungsmodellen für die Landwirtschaft. Das in Deutschland bis heute dominierende Modell der Schadensversicherung basiert auf der Definition von Schadensereignissen, welche in den Versicherungsbedingungen festgehalten und im Versicherungsfall von qualifizierten Schadensbewertern festgestellt werden. In der Regel werden dabei im Rahmen von Mehrgefahrenversicherungen verschiedene Extremwetterrisiken zusammengelegt. International haben im letzten Jahrzehnt hingegen Index-basierte Versicherungen an Bedeutung gewonnen, bei denen statt des Eintritts eines Schadens, der Eintritt eines durch eine Kennzahl (Index) definierten Ereignisses den Versicherungsfall auslöst. Typische Indices beziehen sich auf Wetterdaten (Regenmengen, Windgeschwindigkeiten oder Bodenbewuchs gemessen anhand von Satellitendaten) oder Ertragsdaten (Regionalertrag pro Hektar). Gegenüber schadensbasierten Modellen haben Indexversicherungen eine Reihe von Vorteilen, aber auch Herausforderungen, die bei der Ausgestaltung der Produkte zu beachten sind. Die wichtigsten Vorteile sind, dass die Probleme des Moral Hazard und der Adverse Selection und damit die Gründe für Selbstbehalte sich stark reduzieren, da der Versicherte im Normalfall keinen Einfluss auf das Eintreten des Ereignisses nehmen kann. Zudem entstehen deutlich geringere Kosten bei der Feststellung des Versicherungsereignisses, weil keine Schadensbewertung notwendig ist. Damit verbunden kann eine deutlich schnellere Abwicklung der Versicherungszahlung erfolgen. Darüber hinaus ist die Verwendung von Indices nicht auf Erstversicherungsmärkte beschränkt, wodurch andere potentielle Formen des Risikotransfers möglich werden, beispielsweise Wetterderivate und Rückversicherungen für bis zu 100 Prozent des Risikos, da die Risikoteilung Selbstbehalt des Erstversicherers nicht mehr notwendig ist, ausschließlich die Datenintegrität determiniert die Rückversicherbarkeit des Risikos. Zu den größten Herausforderungen der Indexversicherung zählen die exakte Modellierung des Indexes und das Basisrisiko, also die mögliche Abweichung des gemessenen Indexwertes von dem vom Versicherten festgestellten Schaden. Besonders letzteres hat in den Anfängen der Indexversicherung häufig zu Problemen geführt. Mit der kontinuierlichen Verbesserung von Messsystemen und Datenverarbeitung kommt es hier jedoch stetig zu besseren Ergebnissen und ein besseres Verständnis der Indexnatur der Versicherung und damit ein angepasstes Verständnis für diese Art von Versicherung als pure Wetterversicherung und nicht mehr als einen Ersatz für Ernteversicherung. Die positiven wie negativen Folgen der genannten Merkmale von Schadens- und Indexversicherungen hängen stark von ihren Einsatzfeldern und -märkten ab, was in den folgenden Beispielen aus Sambia und Indien deutlich wird.

Internationale Märkte für Indexversicherung

Während die Vulnerabilität der deutschen Landwirtschaft gegenüber Dürren in der Vergangenheit selten in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, leiden Landwirte in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern schon seit Längerem an häufigen und intensiven Trockenperioden. Deutschland hat im November 2017 die Gründung der InsuResilience Globalen Partnerschaft für Finanzierungs- und Versicherungslösungen für Klima- und Katastrophenrisiken mit initiiert. Über den Zusammenschluss internationaler Akteure und finanzielle Unterstützung sollen arme Länder dabei unterstützt werden, sich besser auf Klimawandel und Naturkatastrophen vorzubereiten. Zwei durch das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützte Projektbeispiele hierfür befinden sich in Indien und Sambia, wo 43 Prozent bzw. 53 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt sind. Ein Großteil der Landwirte in diesen Ländern sind Kleinbauern mit weniger als fünf Hektar, die oft wenig Mittel haben, um sich vor Produktionsrisiken zu schützen. Dürreperioden können daher zu enormen Ernteverlusten führen.

 

In Indien bieten Versicherer rund 40 Millionen Landwirten Ernteertragsindex- und Wetterindexversicherungen an. Dabei subventionieren die indische Zentralregierung und die jeweiligen Bundesstaaten die Bruttoprämien (insgesamt 2,9 Milliarden Euro) mit bis zu 90 Prozent, um die Beiträge für den Landwirt bei fünf Prozent für kommerzielle Kulturen und zwei Prozent bzw. 1,5 Prozent für alle anderen Haupt- und Nebensaisonkulturen zu deckeln. Die Agrarversicherung ist meist an Agrarkredite gekoppelt und Erstversicherer konkurrieren in Ausschreibungen um den Zugang zu diesen Subventionen pro Distrikt (Landkreis). Auszahlungen basieren auf den relevanten durchschnittlichen Ernteerträgen der entsprechenden Gemeinden oder auf Wetterdaten der nächst gelegenen staatlichen oder privaten Wetterstationen. Herausforderungen sind Ungenauigkeit, verzögerte Datenverfügbarkeit und Manipulierbarkeit der Ernteertragsdaten auf Gemeindeebene sowie die in Teilen große Distanz zwischen den versicherten Landwirten und den Wetterstationen. Hier unterstützt die GIZ, in Partnerschaft mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR), mit der Entwicklung von potenziell genaueren und zuverlässigeren Satellitendaten.

 

In Sambia bietet das Unternehmen NWK Agri-Services (NWK) Kleinbauern seit 2013/14 indexbasierte Wetterversicherungen an. Auf der Grundlage von Satellitendaten zu Niederschlägen werden Risiken abgesichert, die durch Trockenperioden, Dürren und Starkniederschläge verursacht werden. Im Rahmen eines Baumwollproduktionsvertrages finanziert NWK 100% der Versicherungsprämie vor, zusammen mit anderen landwirtschaftlichen Betriebsmitteln wie Saatgut und Düngemittel. Die Wetterversicherung wird beim lokalen Erstversicherer Mayfair Insurance versichert sowie von der Schweizer Rück rückversichert. Während der Saison 2015/2016 entschieden sich 52.000 der 70.000 Vertragslandwirte von NWK für das Versicherungsproduktbündel, wovon mehr als 23.000 Kleinbauern aufgrund einer Dürre eine Auszahlung erhielten. Bereits zwei Jahre nach Einführung erhöhte sich  die Rückzahlungsquote der Vertragslandwirtschaftskredite in den jeweiligen Ankaufstationen um bis zu 20 Prozent. Das NWK-Versicherungsmodell beweist damit, dass Wetterindexversicherungen nachhaltige Geschäftsmodelle für Agrarunternehmen, Versicherer und Rückversicherer darstellen können, sowie einen Beitrag zur Einkommensstabilisierung von Kleinbauern und landwirtschaftlichen Betrieben leisten.

Indexbasierte Ernteversicherungen sind nur bedingt am Markt angekommen

Auch in Deutschland ist es für Landwirte heute möglich Indexversicherungen abzuschließen, im diesjährigen Hitzesommer wurden dadurch die Dürreschäden bei einzelnen Versicherungsnehmern entschädigt. Anhand eines Beispiels erläutern wir deshalb abschließend die Wirkungsweise einer agrarischen Indexversicherung in Deutschland. Das Referenzbeispiel wurde von der gvf VersicherungsMakler AG entwickelt. Das primäre Produktionsrisiko deutscher Landwirte, das von Wetterereignissen beeinflusst wird, ist die Schwankung der Erntemenge. Die Wetterversicherung der gvf setzt hier an und zielt darauf ab, die Erntemengenschwankungen so genau wie möglich in einem von konkreten Wettergefahren abhängigen Erntemengenindex abzubilden. Dieser wird durch ein Analyseverfahren (Smartphone App "CYA") erstellt. Der Landwirt liefert dafür historische Erntedaten, die mit Wetterdaten verglichen werden. Per Regression lässt sich feststellen, welche Wettergefahren in welchen Zeiträumen des Jahres in welcher Ausprägung die Erntemenge reduzieren. Das Indexergebnis ist eine wetterabhängige, zu erwartende Erntemenge in dt/ha. Liegt diese unter dem trendbereinigten Ertragsdurchschnitt der versicherten Kultur, wird das entsprechende Delta abzüglich eines Selbstbehaltes entschädigt. Den Erntewert in EUR bestimmt der Landwirt vor Vertragsschluss. Die Wirkungsweise wird nachfolgend an einem anonymisierten Beispiel dargestellt. Der Landwirt nutzt die Wetterversicherung der gvf seit fünf Jahren. In der Tabelle werden Versicherungsumfang, Prämien und Entschädigungsleistungen aus zwei Jahren dargestellt. Insgesamt sind in fünf Versicherungsjahren 18.345,40 Euro netto Prämie und 36.053,88 Euro Entschädigungsleistungen geflossen. Trockenheitsdeckungen in Deutschland profitieren nicht vom Versicherungssteuerprivileg der Mehrgefahrenversicherung. Dennoch, so lässt sich feststellen, sind indexbasierte Ernteversicherungen in geringem Umfang bereits im Markt angekommen und schaffen für den Versicherten einen Mehrwert.

 

Diese drei Beispiele für funktionierende Dürreversicherung auf Indexbasis illustrieren vor allem, dass diese Art von Versicherungsprodukt marktfähig ist und einen Teil der Produktionsrisiken der Landwirte solide abbilden kann. Die indexbasierte Wetterversicherung hat darüber hinaus den entscheidenden Vorteil, dass sie vollständig außerhalb des Einflussbereichs des Landwirts und Erstversicherers liegen, denn keiner der Beteiligten kann Wetterdaten manipulieren. Damit können Phänomene wie Klimawandel besser in das Risikoprofil eingepreist werden. Durch die Indexnatur wird das Timing der Versicherungsauszahlung potenziell erheblich besser an die betriebswirtschaftlichen Bedürfnisse der Landwirte angepasst, denn der Versicherer muss nicht mehr auf Ernteschäden und Inspektionen warten, sondern kann unmittelbar nach Eintritt eines Wetterphänomens auszahlen. Die indexbasierte Dürreversicherung könnte damit, komplementär zur Mehrgefahrenversicherung, erhebliches Potenzial für ein effektiveres Risikomanagement auch für Landwirte in Deutschland aufweisen.