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Vermittler veralbern Tenhagens fragwürdige Finanztips im TV

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Dieser Mann weiß, wie man spart. Deshalb kommt er zu Fuß", wird Herrmann-Josef Tenhagen angekündigt als er eine Familie besucht und Spartipps gibt. Dabei steht er mit seinem "gemeinnützigen Verbraucher-Ratgebers" Finanztip schon lange unter Verdacht; nicht so unabhängig bei seinen Empfehlungen zu sein, wie er vorgibt. Mit seinem Auftritt bei Stern TV hat er das noch untermauert. In den Fachforen überschlugen sich die Kommentare der Vermittler. Einer davon hat ein Video angefertigt, wo er Tenhagens Finanztips verspottet.

Das Portal Finanztip hat in der Versicherungsbranche nicht den besten Ruf. Vor allem, weil sich das Portal über Bezahl-Links, so genannte "Affiliated Links" finanziert. Welche Gelder wann und wie genau fließen, möchte der Informationsdienstleister aber nicht verraten. Verbraucherschützer sagen, es sei nicht klar, ob das als gemeinnützig anerkannte Portal von den Kunden, die es empfiehlt, vollkommen unabhängig ist.

 

Dennoch hat Tenhagen immer wieder große TV-Auftritte zur besten Sendezeit. Pünktlich zum Jahresende hatte die Stern TV-Redaktion die Kfz-Versicherung herausgekramt. Wie man beim Wechsel einer neuen Police, viel Geld spart, sollte Herrmann-Josef Tenhagen erklären. Denn "dieser Mann weiß, wie man spart. Deshalb kommt er zu Fuß", wird Tenhagen angekündigt als er eine Familie besucht und Spartipps gibt.

 

Diese sind jedoch sehr zu hinterfragen. Einer alleinerziehenden Mutter rät er statt monatlicher Zahlweise lieber jährlich zu löhnen. Das ist in der Tat günstiger, aber die Frau hat dabei ein mulmiges Gefühl und will nicht auf einmal 700 Euro überweisen. Aber Tenhagen will den Jahres-Rabatt unbedingt mitnehmen und rät der Frau sogar dafür auch mal „ins Dispo“ zu gehen. Es folgen viele weitere Ratschläge, bei denen man zwar spart, aber dafür auf sehr viele Zusatzleistungen verzichten muss. Wo er Tenhagen als sein Spartipps hat? Er vergleicht. "Das Einfachste ist, mehrere Vergleichsportale, also Check24 und Verivox, zu nutzen. Die testen wir bei Finanztip jedes Jahr, das sind dieses Jahr die besten Portale." Allerdings machen nicht alle Kfz-Versicherer bei den Portalen mit, fügt Tenhagen hinzu. Einen Versicherungsmakler zu beauftragen, der den ganzen Markt abdeckt, das wird in der Sendung nicht geraten. Darauf macht jedoch der Versicherungsvermittler Stephan Peters aufmerksam. In seinem zwölfminutigen Youtube-Video fasst er Tenhagens Auftritt humorvoll zusammen.

Kassiert Tenhagen Provision von den Versicherern?

Als Tenhagen die Huk24 als besonders preiswert lobt, sagt Peters: "Also Huk24, ihr müsst jetzt schon 100.000 aus eurem Werbebudget dem Tenhagen rüberschieben." Tenhagen macht nicht zum ersten Mal Werbung für einen bestimmten Versicherer oder ein Produkt. Dafür wurde er auch schon von den Verbraucherschützern kritisiert. 2015 hatte BdV-Chef Axel Kleinlein in seiner Kolumne das Informationsportal scharf angegriffen. Unter der Überschrift "Wenn ein Verbraucherschützer für einen Internetmakler Werbung macht ..." hatte er die Finanzierung des Portals über "Affiliated Links“ kritisiert, weil das "eine verbrämte Art von Werbung" sei. So werde beispielsweise auf den Internetmakler Check24 etwa 400-mal hingewiesen. "Das lässt einem schon ein ganz übles Gschmäckle hochkommen“, befand Kleinlein und forderte eine klare Unabhängigkeit von demjenigen, für den man wirbt.

 

Diese Kritik ließ Finanztip nicht auf sich sitzen. Immerhin hatte der BdV-Chef damit den Kern des Geschäftsmodells angegriffen. Finanztip hat die Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH (gGmbH). Der Gesellschaftszweck ist die Förderung der Finanzbildung. Der BdV-Chef wurde daher nach eigenen Angaben juristisch gezwungen, gleich mehrere Fußnoten in seinem Blog-Beitrag zu veröffentlichen. Dabei ging es unter anderem um die von Kleinlein ermittelten 400 Verweise auf den Internetmakler Check24. Heute heißt es in einer Fußnote zum BdV-Blog-Beitrag: "Verweise auf Finanztip sind nicht automatisch Empfehlungen. Finanztip empfiehlt auf seinen Seiten rund 270 Produkte in mehr als 80 Kategorien; nur elf der Empfehlungen beziehen sich auf Check24. Solche Verweise ergeben sich auch, wo über einen bedeutenden Anbieter geschrieben werden sollte oder weil der zu kritisieren ist."

 

Ende März 2017 konnte man allerdings über die interne Suchfunktion von Finanztip 521 Verweise auf Check24 finden. In wie vielen Fällen das Vergleichsportal per Affiliate-Link "empfohlen" oder nur einfach "erwähnt" oder gar "kritisiert" wird, teilte der Anbieter auf Anfrage nicht mit. In einer solchen „Detailtiefe“ würden Informationen über Kunden nicht erhoben, hatte Pressesprecher Marcus Drost der Versicherungswirtschaft bereits 2017 erklärt. Finanztip verteidigt stets sein Finanzierungssystem mit dem Hinweis, dass es eine Art chinesische Mauer zwischen den Journalisten gibt, die Beiträge verfassen, und den Mitarbeitern, die die Bezahllinks akquirieren.

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