Konzernsitz der Hannover Rück
Konzernsitz der Hannover RückQuelle: Hannover Rück
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Hannover Rück: Kommt bald der Kurswechsel?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Mit Beginn der Herbstzeit geben die Versicherungskonzerne bekanntlich einen wieder einen Einblick in die aktuelle Geschäftsentwicklung und einen entsprechenden Ausblick auf die zu erwartenden Bilanzzahlen des Gesamtjahres. Wenn heute die Hannover Rück ihre Ergebnisse für die ersten neun Monate des Jahres vorlegen, dürfte der geneigte Beobachter zwar nur wenige Überraschungen erwarten. Allerdings gibt es zumindest erste leise Anzeichen für einen - zumindest kleinen Kurswechsel - im kommenden Jahr.
Glaubt man den aktuellen Einschätzungen der Analysten, dürfte die deutsche Nummer zwei unter den Rückversicherern die Aktionäre heute wieder mit positiven Zahlen beglücken. So rechnen die Markbeobachter aktuell mit einem Umsatz von 4,77 Mrd. Euro. Gegenüber dem Vorjahresquartal (4,49 Mrd.) dürfte dies einem deutlichen Plus von 6,36 Prozent entsprechen. Beim Jahresumsatz prognostizieren die Analysten einen Wert von etwa 19,21 Mrd. Euro - nach 17,79 Mrd. im Geschäftsjahr 2017. Dabei dürfte sich der durchschnittliche Gewinn je Aktie für das laufende Fiskaljahr auf etwa 8,49 Euro je Aktie belaufen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag dieser noch bei 7,95 Euro.
Dies dürfte sich immerhin auch auf die Dividenden für die Anteilseigner auswirken. Bereits im Juni gab der Rückversicherer bekannt, die Aktionäre stärker am Gewinn zu beteiligen. So hat der Rückversicherer für 2018 erneut eine Dividende von fünf Euro je Aktie in Aussicht gestellt. Zudem könne man sich eine Ausweitung des aktuellen Ausschüttungskorridors von 35 bis 40 Prozent des IFRS-Konzernergebnisses vorstellen. Bereits für 2017 gewährte der Konzern eine Dividende von fünf Euro. "Unsere Profitabilität hat sich in den vergangenen Jahren so positiv entwickelt, dass es durchaus sinnvoll sein könnte, die reguläre Dividendenausschüttung nach oben anzupassen. Schließlich haben wir die obere Grenze von 40 Prozent seit 2011 immer erreicht oder übertroffen. Wir bleiben dabei: Wenn negative Ereignisse am Kapitalmarkt sowie Naturkatastrophen wie im vergangenen Jahr ausbleiben, sollten wir inklusive Sonderdividende bei einer Ausschüttung von fünf Euro pro Aktie bleiben können", betonte  Finanzvorstand Roland Vogel in einem Zeitungsinterview.

Rückversicherer schlägt die Großen aus dem Feld

Sonderlich überraschend kommt die Entwicklung indes nicht, ist die Hannover Rück im Vergleich zur großen Konkurrenz doch überraschend positiv ins Geschäftsjahr 2018 gestartet. So verbuchte die Talanx-Tochter in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres ein Plus bei den Bruttoprämien um elf Prozent auf zehn Mrd. Euro. Der Halbjahresgewinn stieg ebenfalls deutlich um 3,8 Prozent auf 555,3 Mio. Euro, die Schaden-Kostenquote sank im gleichen Zeitraum auf 95,7 Prozent."Angesichts der bisherigen Geschäftsentwicklung gehen wir davon aus, dass wir 2018 ein Konzernergebnis von mehr als einer Milliarde Euro erreichen werden, obwohl wir im zweiten Halbjahr im Rahmen des Bestandsmanagements unseres US-Mortalitätsgeschäftes Belastungen haben werden", konstatierte damals der scheidende Vorstandschef Ulrich Wallin.
Inwieweit die jüngsten Naturkatastrophen dem Konzern noch einen Strich durch die Rechnung machen können, wird die Hannover Rück zwar erst heute bekannt geben. Zu erwarten ist allerdings, dass "Florence" & Co. sich auch bei den Hannoveranern in der Bilanz niederschlagen werden. Zum Vergleich: Allein die Swiss Re verzeichnete in den ersten neun Monaten des Jahres eine Schadenlast von rund 1,6 Mrd. Euro. Nicht viel besser dürfte es auch bei der Konkurrenz aus der bayerischen Landeshauptstadt München aussehen. Demnach summierten sich die Belastungen aus Naturkatastrophen seit Jahresbeginn auf immerhin 559 Mio. Euro. Insgesamt war die Hannover Rück bislang aber nur von wenigen Großschäden wie zum Beispiel durch den Wintersturm "Friederike" sowie ein Erdbeben und ein Großfeuer. Der Bauschaden an einem Wasserkraftwerk in Kolumbien, der den Konkurrenten Munich Re stark belastet, traf die Hannover Rück laut Vogel hingegen nur mit einem sehr niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Vom Großschadenbudget in Höhe von 825 Mio. Euro waren um August weniger als 100 Mio. Euro in Anspruch genommen worden. Auch der Dürre in Deutschland wird die Hannover Rück kaum belastet, da die deutschen Bauern im Gegensatz zu ihren Kollegen in den USA kaum gegen Dürreschäden versichert sind.

Ein weiterer Pluspunkt: Anders als die Konkurrenz konnte die Hannover Rück "im laufenden Jahr insgesamt steigende Preise durchsetzen, wenn auch nicht in einem Maße, wie es von vielen Marktteilnehmern und auch von uns erwartet wurde. In den Erneuerungen zum 1. Juni und 1. Juli konnten wir das Prämienvolumen des erneuerten Portefeuilles um 16 Prozent steigern", so Vorstand Michael Pickel jüngst im Exklusiv-Interview mit der Versicherungswirtschaft. "Bei der Erneuerung der teils durch erhebliche Vorjahresschäden belasteten Rückversicherungsverträge in Florida, die Naturkatastrophenrisiken insbesondere aus Stürmen decken, haben wir unsere gewinnorientierte Zeichnungspolitik fortgesetzt. Damit bewegt sich unsere Exponierung aus Naturkatastrophenrisiken komfortabel innerhalb unseres zum Vorjahr unveränderten Risikoappetits. Zudem konnten wir bei einigen größeren Kundenbeziehungen, insbesondere in Nordamerika und Europa, unsere Position deutlich verbessern", konstatierte der Versicherungsmanager.

Auf dem deutschen Markt rechnet die für das Deutschland-Geschäft zuständige E*S Rück daher auch im kommenden Jahr mit einer positiven Prämienentwicklung - wenn auch leicht abgeschwächt. "Vor dem Hintergrund einer höheren Anzahl von kleinen und mittleren Schäden sehen wir keinen Raum für Zugeständnisse. Bei einzelnen Verträgen besteht Anpassungsbedarf, etwa nach Reserveerhöhungen. Daher gehen wir für die Vertragserneuerung zum 1. Januar 2019 von leicht steigenden Rückversicherungsraten aus", prognostizierte Pickel auf dem Rückversicherungstreffen in Baden-Baden. Und dennoch: Anlass für ein "Weiter so" wird es indes auch in den Managementetagen der Hannover Rück indes nicht geben. Spätestens mit der Berufung von Jean-Jacques Henchoz zum neuen Vorstandschef und Wallin-Nachfolger verspricht sich die Talanx-Tochter neue Impulse für die Zukunft.
So kommt der Führungswechsel immerhin einer Art "Palastrevolution" gleich, war der bisherige Vorstand bislang doch weitgehend aus altgedienten Eigengewächsen besetzt. Allein dessen Vorgänger war mehr als 35 Jahre in verschiedenen Fuunktionen bei der Hannover Rück, der E+S sowie der HDI tätig. Dabei erwarb er sich durchaus den Ruf als ruhiger und erfahrener Manager, der sein Unternehmen auch in schwierigen Zeiten sicher führt. Während auf einem turbulenten Rückversicherungsmarkt die namhaften Konkurrenten Munich- und Swiss Re Schwächen zeigen, präsentieren sich die Hannoveraner solide bis ins Mark. Wallin lieferte ohne Show Ergebnisse, was nicht zuletzt sein Obermatt-Ranking zeigt, das einem Medaillenschrank gleicht. Das Unprätentiöse Wallins ist eine Tugend, die in der Versicherungswirtschaft von einem Manager vielleicht nicht (mehr) zwingend verlangt, aber nach wie vor sehr geschätzt wird. Und dennoch wird Henchoz mutmaßlich wohl ab dem kommenden Jahr vor allem die Themen angehen, bei denen die Hannover Rück Insidern zufolge noch Nachholbedarf hat - allen voran bei der Digitalisierung und einer stärkeren Kooperation mit Insurtechs sowie bei einer verstärkten Expansion in die Wachstumsmärkte der Schwellenländer.
Einem Trend hat sich die Hannover Rück hingegen angeschlossen: Mitte des Jahres verpasste sich der Rückversicherer einen grünen Anstrich und steigt - zumindest teilweise - aus dem Geschäft mit der Kohle aus. Der Rückversicherer will nach eigenen Angaben aus Kohle-Investments aussteigen und die dazugehörigen Kapitalanlagebestände abbauen. Aber ganz wird das Geschäft nicht aufgegeben. Konkret sieht das neue Modell vor, das die Hannoveraner nicht mehr in Unternehmen investieren, die mehr als 25 Prozent ihrer jährlichen Umsätze mit Kohlegewinnung und thermischer Stromerzeugung erwirtschaften. Die Einzelversicherung von Kohlekraftwerken und Kohleabbau bleibt allerdings im Portfolio. Bei Umweltschützern sorgt diese Entscheidung - wenig verwunderlich - indes für Kritik: "Der drittgrößte Rückversicherer der Welt versucht sich bei der Versicherung von Kohleprojekten seiner Verantwortung zu entziehen. Seine größten Konkurrenten, die Rückversicherer Swiss Re und Munich Re haben ihre Kohleversicherung massiv eingeschränkt, ebenso die Allianz. Nur Hannover Re hält verbissen an der Kohleindustrie fest. Es ist unklar, ob der Konzern damit hofft, fallen gelassene Geschäfte der Konkurrenz abzugreifen, oder ob das Unternehmen der Meinung ist, sein Agieren habe keinen Einfluss auf den Klimawandel. In jedem Fall ist das Verhalten unverantwortlich. Es ist höchste Zeit, dass Hannover Re sich ein Beispiel an der Allianz und Munich Re nimmt und aufhört, letzter Rettungsanker der Kohleindustrie zu sein", moniert Regine Richter von urgewald e.V.
Rückversicherer · Hannover Rück · Ulrich Wallin
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