Quelle: Tefaf 2018 - Natascha Libbert
Märkte & Vertrieb

Kunstversicherer am Scheideweg: Immer weniger Original-Ausstellungen vermiesen das Geschäft

Von Philipp ThomasTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Auf der 11th Art & Finance Conference ging es unter Einsatz der üblichen Consulting- Schlagwörter um Banksys Schredder-Aktion und um den Kunstversicherungsmarkt und die sich darum rankenden Financiers und Versicherer bedrohende und gleichzeitig Chancen bietende Digitalisierung und Virtualisierung. Luxemburg ist inzwischen nicht nur EU-Sitz vieler Versicherer wie Hiscox geworden, sondern entwickelt sich zunehmend zu einer Fine Art Cluster.

Die 350 Teilnehmer rekrutierten sich aus den Gruppen Banker, Family Offices, Versicherer und spezialisierte Anwaltssozietäten. Diesjähriger Partner war Lhoft, ein Incubator für High-Tech-Unternehmen. In Luxemburg existieren mittlerweile nicht zuletzt dank gro?zügiger Unterstützung des Staats 60 ArtTec-Unternehmen. Es scheint als entstünde in Luxemburg tatsächlich ein Fine Art Cluster, zu dessen Polen u.a. Hiscox und der Freeport (ein Zollfreilager in unmittelbarer Flughafennähe) gehören.

Luxemburg ist nun der Sitz des EU-27-Hauptquartiers von Hiscox. Die neugegründete Hiscox S.A. steht unter Leitung des französischen CEO Stéphane Flaquet, der bislang bei Hiscox für Operations und IT zuständig war. In Luxemburg werden lediglich einige key functions bekleidet, das backoffice der Gesellschaft befindet sich in Lissabon. Zwischen Luxemburg (dessen Bevölkerung zu vielleicht 20% portugiesisch-stämmig ist) und Portugal eine enge Verbindung. Die Quotenabgabe geht an eine bermudianische Hiscox-Gesellschaft und erscheint angesichts der von der EU konzedierten regulatorischen Äquivalenz gänzlich unproblematisch, dies im Gegensatz zu der von Lloyd’s Bruxelles geplanten fast 99%igen Abgabe an Lloyd’s of London, für die im schlimmsten Fall sowohl die Dienstleistungsfreiheit als auch die Äquivalenz fehlen könnten.

Die Trends am Kunstmarkt bedrohen das Versicherungsgeschäft

Die bislang allzu sehr im verborgenenen agierenden Akteure des Kunstmarkts sehen sich genötigt ihr Vorgehen in mancher Hinsicht zu überdenken:

  • Staaten und Öffentlichkeit fordern einen bislang unbekannten Grad an Transparenz. Cash-Transaktionen sind gänzlich verpönt und der Soupçon besteht Kunst un collectibles könnten zu Geldwäschezwecken eingesetzt werden. (KYC, AML).
  • Kunst von ungeklärter Provenienz (Verbleib während der Zeit des deutschen Faschismus, illegale Exporte) wird künftig nicht mehr handelbar sein, es sei denn es fände sich ein Provenienz-Versicherer, der bereit ist dieses Risiko zu übernehmen. Möglicherweise behindert die EU-Datenschutzdirektive GDPR von wegen „right to be forgotten“ jedoch das Bewahren von Provenienzketten, insbesondere auch bei Verwendung einer  blockchain.
  • An die Stelle Sentiment geleiteter Pseudo-Expertisen emeritierter Professoren treten wissenschaftlich fundierte condition reports mit gesicherter Datierung und Zuschreibung.
  • Auch die für die Feststellung von Versicherungsschäden kritischen condition reports werden automatisiert. Die in Vancouver ansässige Arius bietet das 3D-Scanning von Objekten. Zwei zu unterschiedlichen Zeiten zustandegekommene Scans desselben Objekts können dann automatisch verglichen werden, was auch kleine, vom menschlichen Auge bisher übersehene Veränderungen bemerkt (etwa das Rosten von durch Monet verwendeten Farbpigmenten).
  • Werke werden durch RFID-Chips oder synthetische DNA markiert werden. Immer häufiger dürften an die Stelle allzu wertvoll gewordener und fragiler Originale deren 3D-Kopien treten. Etwa der Picasso an Bord einer Oligarchen Megayacht oder auch ein über 100 Mio. Dollar teurer Leonardo da Vinci. Ein allmähliches Ende des Ausstellungsgeschäfts würde die Kunstversicherer empfindlich treffen.
  • Martkakteure müssen ihren Platz auf marktübergreifenden Platformen finden, die Zeit der Einzelkämpfers im Markt ist vorbei.
  • Kunst wird zunehmend denaturalisiert und durch Tokens repräsentiert gehandelt werden. Qua fractional ownership und tokenisation sowie unter Einsatz von Blockchain-Technologie werden einzelne Kunstwerke in börsenhandelbaren Anteilsbesitz zerlegt. Der Kunstberater Maecenas veräußerte 2018 im Wege eines ICO 31 Prozent des 1980 entstandenen mit knapp sechs Mio. Dollar bewerteten Andy Warhol Siebdrucks 14 Small Electric Chairs. Zwar existieren derzeit noch viele parallele Blockchain-Ansätze, aber es dürfte allmählich zur Herauskristallisierung weniger Champions und zur Konvergenz kommen.
  • Fine Art gilt mittlerweile als Teil eines diversifizierten Vermögensmixes, etwa im Kontext von Private Banking oder Family Offices. Stark nachgefragt werden auf verpfändeter Kunst basierende Realkredite an etwas klamme Sammler aber auch an Galerien. Die Kreditgeber schätzen ein weitgehendes de-risking durch umfassende Versicherung, die idealerweise auch die Risiken legal title und fakes & forgeries mit abdecken sollte.
  • Die Rolle von Galerien könnte durch social media wie Instagram infrage gestellt werden, ihnen droht eine disintermediation.

Begonnnen hat eine Phase der radikalen Umstrukturierung von Geschäftsprozessen. Überleben werden diese radikale Transformation nur solche bisherigen Marktteilnehmer, die einen Überblick hinsichtlich der verfügbaren und kommenden Tools bzw. Bausteine besitzen und die bereit sind ein kalkuliertes diesbezügliches Risiko einzugehen. Sie werden gleichzeitige auf viele verschiedene potentiell erfolgversprechende Technologien setzen müssen. Dabei werden die Grenzen zum IT Department eingerissen, Marketing und Product Development müssen bei den neuen Technologien voll involviert werden. Es wird innerhalb eines dreijährigen Transformationsprozess eine drastische Freisetzung von nicht mehr einsetzbarem und unflexiblem Personal, vielleicht 30 Prozent aller Mitarbeiter. Zunehmend werden sich Unternehmensdaten in der Cloud finden, was allein schon einen erheblichen Teil von IT-Abteilungen arbeitslos machen wird.

Die eigentliche Gefahr am derzeitigen Horizont: Jüngere Generationen streben nicht mehr nach Besitz; sondern nach Erleben. Möglich dass sie sich weigern werden den Kunstmarkt mit ihrem Ersparten zu alimentieren. Mit Sicherheit werden sie nicht bereit sein; die bislang den Kunstmarkt charakterisierende und diesem allzu hohe Margen bescherende Informationsasymetrie weiter zu akzeptieren. Fordern werden sie komplette Transparenz einschließlich von Details wie provenance und condition reports, elektronisch frei Haus zu liefern.

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