Quelle: RWE
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Schicht im Schacht: Wieso sich große Versicherer wirklich von der Kohle abwenden

Von Susanne Görsdorf-KegelTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission empfiehlt massive Investitionen in die vom Kohleausstieg betroffenen Regionen. Gleichzeitig warnen Experten vor den Gefahren für die Demokratie durch den Ausstieg. Bei den größten deutschen Versicherern indes ist der Groschen gefallen. Sie verabschieden sich aus dem Kohlegeschäft und stärken ihre Rolle als ehrgeizige Klimaschützer. Auch aus Eigennutz. Doch das Unterfangen ist nicht so einfach, wie es scheint.

Anfang August 2018 erregte Joachim Wenning, CEO der Munich Re, mit seinem Statement auf der Medientelefonkonferenz bei der Vorlage des Halbjahresfinanzberichts und einem zeitgleich erscheinenden Zeitungsartikel Aufsehen. Er beginnt mit dem Satz: „Der Klimawandel ist eine Tatsache“ und fährt fort, es werde zu wenig beachtet „in welchem Umfang dafür neuen klimafreundlichen Technologien zum Durchbruch verholfen werden muss“. Der Schlüssel sei: „Wir brauchen neue Technologien – bei Stromgewinnung, Transport, Energiespeicherung, industrieller Produktion. Ohne sie bliebe nur der Wohlstandsverzicht, um die Erderwärmung zu begrenzen.“

 

Ihnen will die Munich Re explizit zum Durchbruch verhelfen, so Wenning. Die bisherigen Engagements, beispielsweise bei der Versicherung von Photovoltaikanlagen, reichten nicht aus, für schnellere Fortschritte sei nötig, sich „branchenübergreifend und von Anfang an konzertiert für neue Technologien zur Energieerzeugung engagieren.“ Der Grund dafür sei, dass die Folgen des Klimawandels auch bei Begrenzung der Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius teuer und Wetterkatastrophen immer häufiger und extremer werden würden. „Noch viel teurer und gesellschaftlich einschneidender würden die Folgen einer Verfehlung des Zwei-Grad-Ziels sein“, warnt er.

 

Da die Verbrennung von Kohle dabei eine entscheidende Rolle spielt, werde die Munich Re ab sofort „weder in Aktien noch Anleihen von Unternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erzielen.“ Allerdings werde es Ausnahmen mit Einzelfallprüfungen geben, etwa bei bestehenden Kunden oder in Schwellenländern.

 

Buberl prescht nach vorne

Bereits 2015 kündigte die Axa als erster großer Investor und Versicherer an, rund 500 Mio. Euro Kohleexposures von Firmen, die mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle machten, abzugeben, 20 Prozent davon entfielen auf Axa Deutschland, hebt Karsten Becker, Leiter Kapitalanlagen Monitoring bei Axa Deutschland, hervor. Auch hier sei die Motivation gewesen, definitiv etwas gegen den Klimawandel zu tun – „eine Welt mit vier Grad Erwärmung ist nicht mehr versicherbar“, betont Becker.

 

Unter diesem Aspekt seien Kohleinvestments sehr riskante Investments, die für Versicherer als langfristig orientierte Anleger nicht mehr in Frage kämen. Parallel dazu hätte die Axa ihre Eigentümerrechte als Kapitalanleger aktiv wahrgenommen, um sich beispielsweise gegen Ölbohrungen in der Arktis zu engagieren. 2017 sei dieses Engagement dann deutlich auf Divestments von 2,4 Mrd. Euro ausgebaut wurden, indem die Schwelle beim Umsatz der Unternehmen, in die investiert wird, auf 30 Prozent gesenkt wurde.

 

Zudem verzichtet die Axa darauf, neue Kohlekraftwerke zu versichern. Kundennamen nennt das Unternehmen nicht. Im Juli 2018 gab es aber Meldungen, dass die beiden französischen Versicherer Macif und AG2R  sich u.a. von Investments in den Energieversorger RWE trennen wollen, der aktuell mit der Rodung des Hambacher Forsts zur Erweiterung des Braunkohle-Tagebaus Schlagzeilen macht. Grund für das verstärkte Engagement sei es, so Becker, das Klimaschutzabkommen von Paris zu unterstützen, bei dem die Mehrheit der Staatengemeinschaft im Dezember 2015 beschlossen hat, die Erderwärmung auf möglichst unter zwei Prozent, im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, zu begrenzen. Die Axa wolle dabei auch explizit eine Vorreiterfunktion übernehmen und hoffe auf Nachahmer.

 

 

Dem raschen Umstieg bei den Investitionen von fossilen auf nicht-fossile Energieträger sind allerdings Grenzen gesetzt,  wie Urs Bitterling, Senior ESG-Experte der Allianz SE, und Christopher Bonnet, Leiter ESG bei der Allianz Global Corporate & Specialty, betonen. Die erneuerbaren Energien seien zwar ein wachsender Markt, der aber „Stück für Stück“ wachsen müsse – käme heute ein Investor, der auf einen Schlag 50 Mio. Euro investieren wolle, hätte er Probleme, überhaupt so viele Anlagemöglichkeiten zu finden und würde eher die Preise nach oben treiben. Von dem Investitionsvolumen der Allianz-Gruppe in Höhe von 650 Mrd. Euro entfallen fünf Mrd. auf Investments in erneuerbare Energien.

 

Während es für die großen Versicherer alleine durch ihre Marktmacht als Investoren relativ leicht ist, Flagge zu zeigen und Veränderungsprozesse anzustoßen, tun sich die kleineren Unternehmen schwerer damit. Für die Hanse Merkur ist das Thema Nachhaltigkeit ein wichtiger Punkt, mit dem sich die Unternehmensgruppe intensiv auseinandersetzt, wie der aktuelle Geschäftsbericht zeigt.

 

Allerdings muss sie auch darum kämpfen, mit ordentlichen Renditen gegen die Konkurrenz der Schwergewichte auf dem Markt bestehen zu können, räumt Carsten Lang, Vorstandsmitglied der Hanse Merkur Trust AG, ein. Bei der Kapitalanlage setzt die Unternehmensgruppe deshalb vor allem auf die Beratung durch auf Nachhaltigkeitsaspekte spezialisierte Ratingagenturen. Man sei mit ökologisch orientierten Investments noch in der Anfangsphase, so Lang – „aber es wächst“.

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