DIN-Norm "Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte"
DIN-Norm "Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte"Quelle: Jorma Bork / PIXELIO (www.pixelio.de)
Politik & Regulierung

Was bringt die neue DIN-Norm "Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte"?

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
DIN-Normen prägen den Alltag. Eine DIN-Norm steht nun mit der "Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte" bevor. Deshalb wird es auf der diesjährigen DKM einen Themenpark DIN-Norm geben. Ursprünglich begann die zukünftige Finanznorm mit einer "Segmentfindungs-Software" für die Finanzberatung. Hermann Weinmann war von Anfang an dabei und gibt im Exlusiv-Interview mit VWheute den Stand der Dinge und die Historie wieder.

Wie war die Entstehungsgeschichte der zukünftigen DIN-Norm "Basis-Finanzanalyse für den Privathaushalt"?

An einem Projekt der ganzheitlichen Finanzberatung für die damalige im Aufbau befindliche Formaxx als wissenschaftlicher Berater teilzunehmen, dieses Angebot erhielt ich von Professor Philipp Janetzke. Die Segmentfindungs-Software sollte als Ergebnis der Finanzberatung Produktempfehlungen in Form einer Produktklasse (z. B. Haftpflichtversicherung, Gebäudeversicherung, Basis-Rente) geben. Die Männer der ersten Stunde für die Etablierung einer "Deutschen Finanznorm" waren Eugen Bucher sowie der mittlerweile verstorbene Professor Klaus Jaeger von der Freien Universität Berlin. Später kamen Klaus Möller und Bernhard Termühlen hinzu.

Was soll die neue DIN-Norm können und was kann sie nicht?

Die "Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte" bietet dem Finanzberater Hilfe für die Erfüllung der gesetzlichen Beratungsnormen. Man muss wissen, dass die Finanzberatung im Wesentlichen dreigeteilt ist. Zum einen geht es um die Beratung bzw. Vermittlung von Bankprodukten. Regelungen trifft zum Beispiel das Wertpapierhandelsgesetz. Hinzu kommen die Vermittlung bzw. Beratung von Versicherungsprodukten nach dem Versicherungsvertragsgesetz sowie der graue Kapitalmarkt mit der Prüfung über das Vermögensanlagengesetz.

Die Basis-Finanzanalyse orientiert sich demgegenüber am branchenübergreifenden Kundenbedarf. Sie legt eine typisierende Betrachtungsweise zugrunde und kennzeichnet für den "typisierten Haushalt" eine Rangfolge der für notwendig erachteten und zu lösenden Finanzthemen. Als Resultat der Basis-Finanzanalyse erhält der Privathaushalt einen mit einer Rangfolge versehenen Soll-Ist-Abgleich in den Themenfeldern Absicherung, Vorsorge und Vermögensplanung.

Eine äußerst wichtige Erleichterung für eine mögliche spätere Finanzberatung ist auch, dass ein Überblick über die finanziellen Verhältnisse des Haushalts bzw. seiner Einzelpersonen bereits vorliegt und es in der Beratung "nur noch" um die finanziellen Bedürfnisse und Wünsche sowie die geeigneten Produkte geht. Die Vermögensbilanz und die Einnahmen-/Aus-gaben-Rechnung sind Pflichtbestandteile der Basis-Analyse. Dadurch lassen sich zunächst Problemstellungen der Überschuldung und der Illiquidität identifizieren.

Entgegen dem ursprünglichen Vorhaben, einen Beratungs-Standard zu etablieren, ist die Basis-Finanzanalyse als originäres und ausschließliches Analyseinstrument konzipiert. Beratung sollte darauf aufbauen und sich an der durch die Analyse vorgegebenen Rangfolge und den aufgezeigten Bedarfslücken orientieren. Diese explizite Rangfolge über alle identifizierten Finanzthemen hinweg, die vom Grundbedarf ausgeht und dann den Lebensstandard adressiert, ist einzigartig.

Die Finanzberatung, die vielfach Verkaufsberatung ist, ist davon strikt zu trennen. Auch garantiert die Basis-Finanzanalyse nicht automatisch eine gute Beratung. Der Lackmustest für die Qualität der Finanzberatung steht nach einer Analyse immer aus, denn aktuell vorhandene und potenziell neue Produkte sind nicht Prüf-Gegenstand der Basis-Finanzanalyse. Um es deutlich auszudrücken: Wenn Absicht dahinter steht, kann sich die Finanzberatung sehr weit bis zur Unkenntlichkeit von der Rangfolge der Basis-Finanzanalyse entfernen. Die Frage treibt mich um, wer wird die "Passgenauigkeit" zwischen Analyse und Beratung kontrollieren, wenn der Kunde dazu nicht in der Lage ist.  

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung?

Die erste große Bewährungsprobe der Basis-Finanzanalyse steht bevor. Sie muss Vertrauen gewinnen. Unerlässlich für den Finanzberater gleich welcher Couleur muss deshalb sein, dass er intensiv prüft und auch dokumentiert, in welchem Verhältnis die mit der Rangfolge der Finanzthemen ausgedrückte Priorisierung der Basis-Finanzanalyse zu den individuellen Kundeneinstellungen steht. Wenn man so will, geht es um die Abwägung zwischen objektivem Bedarf und subjektiver Einsicht in die Notwendigkeiten – auch für den Berater. Ich sehe die nicht geringe Gefahr, dass bestimmte Marktteilnehmer die DIN-Norm als Steigbügel für einen unseriösen und nur auf den Vertriebserfolg gerichteten Verkauf missbrauchen und sie dadurch in Verruf bringen.

Die Basis-Finanzanalyse hat sich im Laufe des Normierungsprozesses zu einem wertvollen nutzbringenden Analyse-Instrument entwickelt und deshalb ist nicht nachvollziehbar, warum sich die Verbraucherzentralen nach einer langen Phase der Mitarbeit zurückgezogen haben. Die Verbraucherzentralen sollten diese Norm unterstützen. Wenn man von ihrer eigenen Beratung absieht, hätten sie mit der standardisierten Basis-Analyse ein unbestechliches Kontrollinstrument, um nachfolgende Finanzberatungen auf Konsistenz zu überprüfen und insbesondere um die schriftlichen Begründungen für die Produktwahl mit dem Analyseergebnis abzugleichen. So stelle ich mir eine spezifische Ausprägung der Marktwächterfunktion vor, die ein neues „Geschäftsmodell“ für die Verbraucherzentralen begründen könnte.

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