Quelle: Hannover Messe
Märkte & Vertrieb

Wie Rückversicherer Roboter für sich arbeiten lassen

Von Philipp ThomasTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Ob beim Predictive Modelling, Accounting oder der Buchhaltung - auch Rückversicherer digitalisieren ihre Strukturen. Beim Reinsurance Administration Day 2018 gaben große Player und Dienstleister Einblick, welche Potenziale sich durch Blockchain und künstliche Intelligenz ergeben. 

In der Alte Kirche, dem Kapitelsaal und der Bibliothek des Bonner Hotels Colegium Leoninum, ließen sich knapp 100 Teilnehmer vom organisierenden Veranstalter Consurance (auf die Assekuranz fokussiertes und die Rückversicherung spezialisiertes Beratungsunternehmen) und seinen Partnern Convista (SAP-Implementierer) und  die Inveos GmbH (Software- und Beratungsunternehmen, das u.a. das Rückversicherungssystem ProRis anbietet) hinsichtlich des Cutting Edge von EDV-basierten Ansätzen für ihre Branche unterrichten. Bernd Zimmermann, Managing Partner der Consurance, führte als Gastgeber durch die Veranstaltung.

Customer Journey neu gedacht

Predictive Modelling ist ein auf Statistik und Artifiical Intelligence AI basierender Ansatz künftige Entwicklungen vorherzusagen. Seiner bedienen sich etwa lokale Polizeikräte zwecks Identifizierung von Verbrechensschwerpunkte, Betreiber technischer Anlagen versuchen den rechtzeitigen Austausch von Komponenten vor deren zu erwartendem Versagen zu optimieren. Auch im Bereich der Banken erfreut sich dieser Ansatz des Datamining zunehmender Beliebtheit. Dort geht es darum, Kunden nach der ihnen innewohnenden Margen-Haltigkeit zu unterscheiden, Versandhäuser wollen die zu erwartenden Kundenumsätze sowie deren Bestellungs-Stornoverhalten einschätzen. Die Assekuranz verfolgt das Ziel, den customer lifetime value und die Chance zu dessen Steigerung zu schätzen.

 

Dr. Björn Goerke, CEO der GPredictive GmbH, erläuterte seinen Ansatz einer standardisierten und somit wesentlich günstigeren Mustererkennung aus Datenbeständen in den Unternehmen. GPredictive liefert eine nur noch durch den Kunden upzuloadende Software zur Generierung von predictive models, welche unter Einsatz einer hohen, mittlerweile problemlos zur Verfügung stehenden Rechenleistung funktioniert. Sie bildet die historische „customer journey“ ab, d.h. einzelne einen Kunden betreffende Vorgänge, und leitet daraus Prognosen hinsichtlich des künftigen Kundenwerts ab. Dies ist dann die Baiss für

  • Massnahmen zur Kundenbindung  und somit Verringerung der churn-Wahrscheinlichkeit
  • Kulanzentscheidungen
  • Cross-selling (weitere Produkte) und  up-selling (höherwertiges Produkt)

Hannover Re robotisiert monotone Arbeiten

Markus Kaulartz von  Hannover Re unterstrich die Bedeutung von Robotics im Bereich der technischen Rückversicherungsbuchhaltung. Ziel ist dabei nicht nur die Kostensenkung, sondern auch die Freisetzung von Mitarbeitern von monotonoen Datenabschreibarbeiten. Verkürzte Reporting-Zeiten und Zahlungsziele (premium warranty) zwingen zu einer wesentlich zeitnäheren Verbuchung der Geschäftsvorfälle. Bis 2014 wurde noch die händische Datenübernahme und -prüfung praktiziert, nun aber sind dauerhaft wiederkehrende Arbeiten von gewisser Monotonie, insbesondere Abrechnungen und Schäden, roboterisiert.

 

Die via Fax oder als E-Mail-Attachment eingehenden Abrechnungen werden gescanned und einer Texterkennung unterzogen. Selbstprogrammierte Bots sowie die Standard-Messages von ACORD sorgen anschließend im Sinne eines data mapping für die automatische Zuordnung der Positionen im Accounting-System des Rückversicherers. Die Software erkennt einzelne Zeichnungsjahre und Währungen aus den keinem einheitlichen Schema folgenden Zedenten- und Maklerabrechnungen. Die mangels einheitlicher von den Zedenten verwendeten Datenstrukturen noch Rechnerleistungs-intensiven Prozesse laufen nachts und bedürfen angesichts einer Nachbearbeitungsquote von drei Prozent nur einer minimalen Überwachung. In dem Maß wie Zedenten allmählich gleich elektronisch strukturierte Daten liefern, bedarf es weder des vorangehenden Ausdrucks und des Einscannens.

 

Eine derartige fast ohne menschliche Intervention auskommende Datenübernahme bietet die Möglichkeit in der Datenerfassung immer granularer zu werden und könnte es schließlich gestatten Borderaux als Standard Info bei jeder Vertragsabrechnung vorzusehen. Dies hätte dann die Folge der Beendigung der Informations-Asymmetrie zwischen Zedent und Rückversicherer. Rückversicherer erhielten auch ein wesentlich besseres Bild ihrer Kumule und wären noch besser in der Lage die ihnen obliegenden Handelssanktionen einzuhalten.

Virtuelle Buchungswelt

ProRis ist eine seit 31 Jahren eingeführte Software für die Administrierung der aktiven und passiven Rückversicherung. Sie deckt alle Bereiche bis zur FiBu-Schnittstelle ab, verwaltet mittlerweile  auch Einzelrisiken Leben und fakultatives Geschäft sowie internationale Programme. Bislang wurde lediglich verbucht worüber die Vertragsparteien sowohl im übernommenen wie auch im selbstabgeschlossenen Geschäft auch abgerechnet hatten. Gefordert ist nun aber der Übergang etwa von um ein Jahr zeitlich versetzten Buchen der Technik zur zeitlichen Kongruenz via fast-close.

 

Dies bedeutet im zunehmenden Umfang, dass Schätzungen an die Stelle von noch fehlenden Zedentenabrechnungen treten müssen. Dabei gilt eine Granularität je Vertrag und Bilanzjahr. Der ProRis-Ansatz ist der der Schätzung des kompletten Bilanzjahres, von der anschliessend die bereits abgerechneten Quartale abgezogen werden. Es verbleibt eine Delta-Buchung für noch unbekannte Quartalszahlen. Deltabuchungen werden im nächsten BJ automatisch storniert. Für die Schadenquote gibt es erst einmal als Vorschlag den Mittelwert der Vorjahre, allerdings mit der Möglichkeit des manuellen Eingreifens, etwa unter Berücksichtung von pricing trends. Proportionale Retrozessionen werden automatisch generiert. Jedoch vermag das System das nicht-proportionale Geschäft mit Ausnahme vielleicht in der Regel nicht schadenbelasteter sleep easy layer nicht zu schätzen, insofern bedarf es separater manueller Ansätze auf Basis von Einzelschäden und unter Errechnung der Wiederauffüllungsprämien.

 

Neben der Generierung von Schätzungen für das laufende Geschäftsjahr (auch auf Quartalsbasis) vermag ProRis auch 1 bis 5 Jahres-Planungen für die Folgejahre zu erstellen, insofern aber pauschal, nicht auf Stufe Einzelvertrag, sondern auf Basis von definierbaren Geschäftssegmente. Die Software-Lizenz für das Schätzsystem von ProRis kostet gemäß Jean-Pierre Fischer 40.000 EUR plus die kundenspezifische Implementierung.
 

Mapping ohne Medienbruch

Allenthalben laufen Versuche den Austausch von Rückversicherungs-Accounts zu standardisieren und hierfür ein markteinheitliches Postillon-System zu bieten. Ziel ist, die Eliminierung des Datenerhalts als .pdf oder auf Papier, stattdessen sollte der Versand nur auf Basis strukturierter Daten erfolgen, welche in der Regel beim Sender in dessen Systemen strukturiert vorliegen und die in automatisierter Weise in die Systeme der weiteren Vertragsparteien übernommen werden können. Lloyd’s Syndikate bedienen sich seit Jahren bereits der Xchanging Platform, welche sämtliche Daten zentral verwaltet. Mittlerweile wird aber auch über einen Einsatz von Blockchain-Vorgehensweisen nachgedacht. B3i ist ein unter der Patronage von Aegon, Allianz, Munich Re, Swiss Re und Zurich stehender ambitionierter, allumfassender Ansatz zur Abbildung der gesamten Vertragsbeziehung (Zeichnung, Administration und Abrechnung) in der Blockchain.

 

Consurance konzentriert sich zunächst auf den Austausch von Abrechnungsdaten und nutzt dabei die Blockchain-Technologie des Distributed Ledgers (R3 Corda) zum sekundenschnellen sicheren Austausch dieser Daten.  Die hierzu entwickelte Reinsurance Technical Accounting Blockchain RITA ermöglicht es den Versendern die Abrechnungen aus seinem Rückversicherungsadministrationssystem direkt über die RITA-Blockchain mit allen Empfängern zu teilen. Der Sender stellt dabei 1:1 die Datenstrukturen und –inhalte aus seinem System zur Verfügung. RITA bietet daher neben der Übermittelung der Daten auch eine Möglichkeit zum Mappen der Datenstrukturen des Senders auf die Datenstrukturen des Empfängers (z.B. von ProRis auf SAP FS-RI oder ACORD). Gleichzeitig können auch die Schlüsselwerte einer Abrechnung (Buchungscodes, Sparten, etc.) auf die Zielwerte des Empfängers transformiert werden.

 

Die Distributed-Ledger-Technologie nutzt eine dezentrale Datenhaltung bei der jeder Teilnehmer seine eigenen Daten auf seinen eigenen Servern vorhält. Soweit Sender und Empfänger bereits die ProRis-Software von Inveos verwenden (z.B. DEVK und Deutsche Rück, beides development partners) bereitet das Mapping von Datenfeldern (d.h. die Herstellung der Aequivalenz) keine Mühe. Es bedarf weder des Medienbruchs (IT=>.pdf=>IT) noch der Transformation. Ein Andocken von Partnern mit anderen Systemen, etwa einer Helvetia mit SAP FS-RI oder Swiss Re‘s hausinterne Lösung ist ebenfalls auf Basis in RITA vordefinierter Mappings einfach möglich. Jeder Teilnehmer bekommt anders als etwa beim Bitcoin-Ansatz auf Grund der eingesetzten Distributed Ledger Technologie nur die ihn angehenden Daten zur Verfügung gestellt. Nach wie vor besteht auch die Möglichkeit Daten via email zu versenden. PDF-Dokumente  bleiben für Zwecke des external audit erhalten.

 

Reinsurance Technical Accounting Blockchain RITA wird Ende Oktober 2018 mit einem Testbetrieb starten und im Frühjahr 2019 den Produktivbetrieb aufnehmen. Teilnehmer benötigen einen Mini-Server und müssen entsprechende Ports für den Zugang freischalten. Die Teilnahme soll meist 9.000 Euro im Jahr kosten. Großnutzer, insbesondere Empfänger von Daten, d.h. professionelle Rückversicherer, sollen transaktionsbasiert etwas mehr zahlen müssen. Als Administrator des Systems zur Sicherstellung des Betriebs und der Weiterentwicklung wird die in Kürze zu gründende RITA-Block GmbH fungieren. Roadshows zwecks Propagierung sind fürs Frühjahr 2019 geplant. Nicht ausgeschlossen ist eine spätere Konvergenz mit B3i.