Quelle: Air Berlin
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Entschädigung: Airlines schulden Passagieren 823 Mio. Euro und die Rechtsschutzversicherer profitieren kaum davon

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
In diesem Jahr sind in Deutschland bereits über 14.000 Flüge ausgefallen – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Die Airlines schulden den Bürgern viel Geld, doch nur selten nehmen Passagiere ihre Rechte in Anspruch. Wenn überhaupt, dann machen Sie das über Legaltechs wie flightright. Dieses banale Inkassomodell haben Rechtsschutzversicherer verschlafen.

Nach den EU-Regularien stehen Passagieren für Verspätungen von mehr als drei Stunden oder Annullierungen je nach Flugstrecke zwischen 250 und 600 Euro Entschädigung zu. Allerdings nehmen keineswegs alle Passagiere diese Rechte in Anspruch – wovon die Airlines profitieren. Denn im laufenden Jahr sind fast doppelt so viele Flüge ausgefallen wie im Vorjahr. Nach einer Analyse des Fluggasthelfer-Portals AirHelp schulden allein im Zeitraum Januar bis 22. September die Airlines rund 2,8 Millionen Passagieren in Deutschland eine Entschädigungssumme von rund 823 Mio. Euro. Das wären über 500 Mio. Euro mehr als im Vorjahr. Laut der Analyse müsste allein die Lufthansa rund 368 Mio. Euro Entschädigung an ihre Passagiere zahlen, ihre Billigtochter Eurowings rund 140 Mio. Euro und die irische Billigairline Ryanair rund 38 Mio. Euro. Flugausfälle werden zunehmen, denn der Luftverkehr stößt an Grenzen der Infrastruktur, sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes BDL, Matthias von Randow. Hinzu kämen Streiks, Schlechtwetterlagen und nach der Air-Berlin-Insolvenz der zeitweise Wegfall dieser Flugzeuge, bis die Kapazitäten wieder aufgebaut wurden.

Wie kann die Rechtsschutzsparte davon profitieren?

Mit einer Combined Ratio von 98 Prozent und einem wiederum sehr starken Wachstum von 4% in 2017 (2016: 5,8%), das sich auf gleichem Niveau in 2018 fortsetzt,  scheint die Rechtsschutzwelt in Ordnung zu sein. "Schaut man jedoch hinter die Kulissen, sieht man seit 2013 stagnierende Vertragszahlen und eine rückläufige Vertriebsleistungen (2017: 1,67 Mio. Stück)", schreibt Andreas Heinsen, Vorstandsmitglied der Örag Rechtsschutz­versicherungs-AG, in der aktuellen Oktober-Ausgabe der Versicherungswirtschaft. Mit dem Flugchaos entgeht den Rechtsschutzversicherern ein großes Geschäft. Derzeit profitieren davon Jurtechs wie flightright.de, die Fluggästen bei Verspätungen oder Flugausfällen ihre Rechte gegenüber den Fluggesellschaften einfordern. Heinsen fragt sich, "warum nicht auch die Rechtsschutzversicherer, handelt es sich doch um ein eher banales Inkassomodell, das sich seine Mandaten für die digitale Abwicklung sehr selektiv aussucht?" Rechtsschutzversicherte Kunden sind insbesondere bei teuren Interkontinentalfamilienreisen oder auch schwierigen Fluggesellschaften gerne gesehene Nutzer der Plattformen. Ohne Rechtsschutz offenbaren Anbieter auch schon einmal eine Ablehnungsquote der Anfragen in Bezug auf ausländische Airlines von bis zu 80 Prozent. "Rechtsschutzversicherer scheinen diese Kleinschäden, die für die Kunden aber hoch emotional sind, nicht wirklich ernst genommen zu haben. Dazu kam die Argumentation, dass man bei einer Selbstbeteiligung von 250/300 Euro  dem Kunden die anwaltliche Durchsetzung schon wegen des Eigenanteils mit Blick auf die Forderung (häufig max. 600 Euro) eigentlich nicht empfehlen kann", sagt Heinsen.

 

Dass Kunden in rechtlich eigentlich klaren Fällen 30% Erfolgshonorar bereit sind an die Jurtech-Plattformen abzugeben, hat auch niemand geglaubt. Die persönlich wahrgenommene Alternative ist für die Kunden schlicht die, keinen Schadenersatz zu erhalten. "Erfolgshonorare schrecken also auch deutsche Rechtssuchende nicht ab. Für die Rechtsschützer bedeutet dies, diese fast immer versicherten Fälle in eine digitale Schadenservicestrategie einzubetten, abzuraten wegen des Selbstbehalts ist die allerschlechteste Lösung und treibt die Kunden geradezu zu den alternativ zu Rechtsschutz positionierten Plattformen", sagt Heinsen.