Ingmar Helmke
Ingmar HelmkeQuelle: Aquila Capital
Köpfe & Positionen

"Power Purchase Agreements ermöglichen langfristig planbare Cashflows von Energie-Projekten"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Alternative Investments sind bei Niedrigzinsen gefragt. PPA sind eine Option für Versicherer, warum das so ist, wo die Probleme liegen und noch über vieles mehr hat VWheute mit Ingmar Helmke, Senior Investment Manager Energy & Infrastructure EMEA beim Vermögensverwalter Aquila Capital gesprochen.

VWheute: Was sind PPA und warum sind diese auf einmal in aller Munde?

 

Ingmar Helmke: PPA steht für Power Purchase Agreement und ist ein privatrechtlicher Vertrag, mit welchem sich eine Partei zur Lieferung von Strom und eine andere Partei zur Abnahme des Stroms verpflichtet. Dieser Stromabnahmevertrag kommt aufgrund kommerzieller Erwägungen der vertragschließenden Parteien zustande – und nicht etwa aufgrund öffentlich-rechtlicher Bestimmungen im Zusammenhang mit einem staatlichen Erneuerbare-Energien-Förderregime.

 

PPA lassen sich ganz unterschiedlich strukturieren. Wichtige Aspekte sind neben der preislichen Gestaltung zum Beispiel die Art der Lieferverpflichtung (Baseload, Fixed Volume oder As Produced), die Laufzeit sowie Sicherheiten zur Gewährleistung der Vertragstreue. Dies bedarf auf Seite des Stromlieferanten eines erfahrenen Investment-Managers, während die andere Seite – der sogenannte Offtaker, meist ein Stromversorger – in der Regel sehr viel Erfahrung im Strommarkt hat. Die Unterscheidung zwischen Corporate- und Utility-PPA spielt in der Praxis für den Investment Manager kaum eine Rolle; es kommt allein auf die Bonität des Abnehmers und den konkreten Inhalt des PPA an. Allerdings haben Corporates häufig ein Interesse daran, dass die Öffentlichkeit vom Abschluss eines Renewables-PPA erfährt und diese eher in den Schlagzeilen landen. Der weit überwiegende Anteil von PPA wird jedoch mit Stromversorgern (Utilities) als Abnehmern abgeschlossen.

 

VWheute: Was macht PPA für institutionelle Investoren und speziell für Versicherungen als Kapitalanleger interessant?

 

Ingmar Helmke: Laut International Energy Agency sind die Stromgestehungskosten für Windkraft seit 2010 um etwa 25 Prozent gefallen; für Photovoltaik sogar um 70 Prozent. Mit etwas Verzögerung reagieren die verschiedenen staatlichen Förderregime darauf: Subventionen für erneuerbare Energien befinden sich in allen relevanten Märkten Europas auf dem Rückzug. Allerdings waren die Förderregime strukturell nicht nur darauf angelegt, die Preislücke zwischen den Gestehungskosten von Erneuerbaren und den Marktpreisen zu schließen. Die Förderregime boten Investoren zumeist auch langfristige Preissicherheit. Wo Erneuerbare zunehmend die Kostenführerschaft bei der Stromerzeugung übernehmen, bedarf es keiner Förderregime mehr. Wichtig geblieben ist jedoch der Aspekt der Absicherung gegen Preisschwankungen. Diese Hedging-Aufgabe übernehmen in mehr und mehr Märkten Europas Fixpreis-PPA.

 

Für Versicherungen und andere Cashflow-orientierte institutionelle Investoren mit langfristigen, laufenden Auszahlungsverpflichtungen sind PPA deshalb ein Instrument, um langfristig planbare Cashflows von Erneuerbare-Energien-Projekten auch in Zeiten zu gewährleisten, in denen sich staatliche Einspeisetarife in den meisten Ländern Europas auf dem Rückzug befinden.

 

Es gibt zwar nach wie vor wichtige Renewables-Märkte, in denen Einspeisetarife oder Contracts for Difference (CfD) – meist per Auktion – vergeben werden. Wegen der hohen Nachfrage vonseiten institutioneller Investoren sind jedoch in diesen Märkten die Renditen stark unter Druck geraten und spiegeln nicht mehr unbedingt die inhärenten Betriebsrisiken angemessen wider. PPA-Märkte sind zwar wesentlich komplexer, bieten aber auch noch interessante Renditen. Unserer Meinung nach zählen europäische PPA-Märkte wie Schweden und Norwegen für Wind oder Spanien und Portugal für Photovoltaik in Europa derzeit zu den attraktivsten Zielländern für Investitionen in erneuerbare Energien.

 

VWheute: Wie verbreitet sind PPA in Europa, der Hauptanlageregion deutschsprachiger Versicherer?

 

Ingmar Helmke: Der reifste und liquideste Markt für PPA in Europa sind die Länder, die über die gemeinsame Strombörse Nordpool miteinander verbunden sind, allen voran Schweden und Norwegen. Auch in Großbritannien gibt es einen guten PPA-Markt. Auf der Iberischen Halbinsel beobachten wir die Entstehung eines Marktes für PPA für Photovoltaikprojekte. Irland und Finnland entwickeln sich derzeit ebenso zu PPA-Märkten. In einigen Ländern verhindert das staatliche Förderregime bisher die Etablierung eines privatwirtschaftlichen PPA-Marktes. Ich denke hier an Deutschland, Frankreich, die Niederlande und andere. Das ist volkswirtschaftlich ineffizient.

 

VWheute: Wie gut sind PPA für verschiedene Technologien und Regionen in der europäischen Energieerzeugung geeignet?

 

Ingmar Helmke: Im Grunde eignen sich Windkraft, Photovoltaik und Wasserkraft gleichermaßen gut für PPA. Wichtig ist, dass man bei Abschluss des PPA das von Technologie zu Technologie unterschiedliche anlagenspezifische Produktionsprofil berücksichtigt und dementsprechend die Lieferverpflichtungen anpasst. In vielen Regionen Europas haben Renewables heute Netzparität erreicht: Die Gestehungskosten für Strom aus erneuerbaren Energiequellen sind wettbewerbsfähig mit den an den Strombörsen gehandelten Strompreisen aller Erzeugungsanlagen.

 

Für Wasserkraft galt das schon immer, dort war nur das begrenzte Ausbaupotenzial der limitierende Faktor. Eine relativ neue Entwicklung ist jedoch, dass diese Technologien aufgrund stark gesunkener Gestehungskosten für Windkraft und Photovoltaik in einigen ressourcenstarken – also windhöffigen oder sonnenreichen – Regionen Europas die Kostenführerschaft vor allen anderen Stromerzeugungstechnologien übernommen haben. Das ist zum Beispiel in Schweden und Norwegen sowie in Spanien und Portugal der Fall.  

 

VWheute: Was sind realistische Laufzeiten für PPA und wie decken sich diese mit dem Anlagehorizont von Versicherungen und anderen institutionellen Investoren? Wie steht es um Anschlusslösungen?

 

Ingmar Helmke: Das kommt sehr auf die Reife des Marktes an und hängt häufig stark mit der Liquidität der börsengehandelten Forward-Kontrakte zusammen. An der Nasdaq OMX lassen sich für die Länder des Nordpool-Strommarktes Kontrakte verhältnismäßig liquide bis zu zehn Jahre handeln. Die entsprechenden Forwards für Deutschland oder UK sind zwar bis zu sechs Jahre handelbar, aber nur bis zu drei Jahre im Voraus wirklich liquide. Dementsprechend sind PPA mit Laufzeiten von zehn Jahren und mehr in Schweden und Norwegen verhältnismäßig weit verbreitet und marktgängig, in Deutschland und UK hingegen praktisch nicht erhältlich. Vereinzelt sieht man PPA mit Laufzeiten, die darüber hinausgehen; 15 Jahre und länger. Allerdings liegen die PPA-Preise in diesen Fällen noch deutlicher unter dem Spotmarktniveau. Daher gilt nicht zwangsläufig: Je länger, desto besser.

 

VWheute: Welche Risiken sind bei PPA zu beachten und wie lassen sie sich managen?

 

Ingmar Helmke: Zur Risikoanalyse von PPA sollte man sich zunächst drei einfache Fragen stellen: An wen verkaufe ich? Damit lässt sich die Zuverlässigkeit, insbesondere die Bonität des Offtakers hinterfragen. Zu welchem Preis? Fixpreis-PPA werden üblicherweise mit einem Discount auf den Marktpreis im Tausch gegen Preissicherheit abgeschlossen. Doch sollte dieser Discount auch angemessen sein. Eine fundierte Meinung zur Marktpreisentwicklung oder die Investition in Research-Maßnahmen sind hilfreich.

 

Unter Risikogesichtspunkten am relevantesten ist aber die Frage: Welche Menge liefere ich in welchem Zeitintervall? Habe ich eine in Bezug auf das Volumen vorgegebene Lieferverpflichtung? Stündlich, monatlich oder jährlich? Wer trägt das Risiko von Netzausfällen und höherer Gewalt? Und noch viel wichtiger: Da das Produktionsprofil aller Erneuerbare-Energien-Technologien vom natürlichen Ressourcenangebot abhängt, schwankt die Produktion mit den Witterungsverhältnissen saisonal sowie im Tagesverlauf. Dieses Risiko lässt sich zwar auch verkaufen, indem man einen sogenannten As-Produced-PPA abschließt, also einen PPA ohne bestimmte Volumenverpflichtung. Dieser bietet jedoch oftmals nicht das beste Risiko-Rendite-Profil für Investoren. Wir haben im Laufe der Jahre einen sehr belastbaren Hedging-Ansatz entwickelt, indem wir verschiedene PPA-Typen kombinieren. Smartes Strompreis-Hedging hat bei uns einen sehr hohen Stellenwert, erfordert jedoch auch Know-how.

 

VWheute: Wie können PPA bankenfinanzierungsfähig strukturiert werden und wieso ist dies entscheidend für Versicherer als Investoren?

 

Ingmar Helmke: Sind die drei oben genannten Fragen zufriedenstellend beantwortet, sollte das PPA auch „bankable“ sein. Die Interessen des Fremdkapitalgebers sind bei der Bewertung des Risikos in geschätzt 99 Prozent aller Fälle mit denen des Investors deckungsgleich. Vielmehr sollte der Equity Sponsor in vielen Fällen kritischer sein als der Fremdkapitalgeber: Wenn wir über PPA-Märkte reden, sprechen wir in der Regel nicht über aggressive Finanzierungsstrukturen, sondern über relativ moderate Equity-to-Debt-Ratios von meist nicht mehr als 60 bis 65 Prozent Leverage. Die Fremdkapitalgeber haben also üblicherweise ein komfortables Equity-Polster bei ihren Engagements.

 

VWheute: Wie wird sich der PPA-Markt entwickeln? Was sind Alternativen?

 

Ingmar Helmke: Die Kosten für erneuerbare Energien werden weiter fallen und der Zubau weiter voranschreiten. Erneuerbare werden in mehr und mehr Märkten die Kostenführerschaft übernehmen und thermische Kraftwerke verdrängen. Wir erleben einen Wandel von einer zentral ausgerichteten Energiewelt hin zu einer dezentralen, kleinteiligen und nachhaltigen Energieerzeugung. Bei Kostenführerschaft von Erneuerbaren bedarf es keiner Förderregime mehr – zumindest nicht für die Stromerzeugung. Damit werden weitere Förderregime entfallen, die bisher eine Etablierung eines marktwirtschaftlichen PPA-Marktes verhindert haben.

 

PPA sind in der Regel jedoch relativ unflexible und kostenintensive Preissicherungsinstrumente, da man üblicherweise einen erheblichen Discount auf den Marktpreis akzeptieren muss. Dieser Discount steigt in der Regel über die Laufzeit des PPA, da die Marktpreise voraussichtlich steigen werden. Mögliche Alternativen wären Portfolioansätze mit einem auf Cashflow-Optimierung angelegten, dynamischen Preishedge-Management, das sich laufend den Marktgegebenheiten anpasst. Wir setzen uns bereits intensiv mit solchen Ansätzen auseinander und sind uns sicher, dass sich damit in Zukunft höhere Renditen bei vergleichbarem Risikoprofil für unsere Investoren erzielen lassen.

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