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Schlaglicht

GDV-Jahrestagung: Die drei Fragezeichen der Versicherer

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Berlin ist heute der Hotspot einer ganzen Branche. Wenn die mächtigen Insurance-Heads in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom zum Versicherungstag  zusammenkommen, geht es nicht nur um bloße Postulate für die Zukunft, sondern vor allem um reale Perspektiven mit Blick auf Regulierung, Zinsumfeld und Digitalisierung. Ist die Versicherungswelt gut genug gerüstet?

Der GDV konnte prominente Redner gewinnen, beispielsweise den früheren niederländischen Finanzminister und langjährigen Vorsitzenden der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem sowie Prof. Marcel Fratzscher, Vorsitzender des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen beim Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Das Thema des Versicherungstages lautet "Wachstum versus Sicherheit: Wie viel Regulierung braucht das Land?" - es steckt mehr hinter dem Leitgedanken, als es zunächst den Anschein haben mag.

 

Zu viel oder zu wenig Aufsicht

 

Beim Thema Regulierung gibt es mit Abstufungen zwei Schulen, die Aufseher und Mahner, die möglichst viel Aufsicht wünschen, um einem Finanzkollaps vorzubeugen sowie die Macher und Tätigen, die unter den zunehmenden Auflagen stöhnen und mangelnde Beinfreiheit beklagen. Beide Seiten wollen das Beste für den Kunden, sind sich aber unsicher, wie das erreicht werden kann.

 

Sicher ist dagegen: Zinszusatzreserve, Solvency II und IFRS 17 haben das Leben der Branche nicht vereinfacht. Zudem ist ein Ende weder absehbar noch von den Regierenden gewünscht. Die Solvency-Anforderungen müssen weiter erfüllt werden, die ZZR soll laut Branche und (wohl auch) der Bafin angepasst werden, doch bisher ist nichts spruchreif, die Anforderungen bleiben erst einmal bestehen.

Der International Financial Reporting Standard, IFRS 17, ist alles andere als abschließend bearbeitet und könnte sogar verschoben werden. "Ich beobachte das Projekt mit einigen Fragezeichen und Sorge", sagte GDV-Geschäftsführer Axel Wehling kürzlich auf der Veranstaltung CFO-Agenda. Das Projekt sei in "in schwieriges Fahrwasser" abgedriftet, und es seien "substanzielle Verschiebungen“ zu befürchten. In anderen Worten, was noch auf die Branche zukommen wird, weiß derzeit niemand.

 

Zudem gibt es in der EU Bestrebungen, die europäische Aufsicht EIOPA mit mehr Kompetenzen auszustatten, um eine einheitliche Aufsicht zu gewährleisten. Wenn es so kommt, sind geringere Aufsichtsanforderungen wenig wahrscheinlich.

 

Im letzten Jahr brachte Walter Kuhlmann, Versicherungsexperte bei Q_Perior, die Situation mit dem Satz: "IFRS 17 ist nicht die letzte regulatorische Hürde", wohl am besten auf den Punkt. Der GDV fragt also heute zurecht: "Wie viel Regulierung braucht das Land?"

 

Niedrigzinsen und Geldanlage

 

Die oben genannten Anforderungen kosten die Versicherer neben Nerven richtig Geld, da wiegt es doppelt schwer, dass lukrative Anlageoptionen in der bereits seit Jahren herrschenden Niedrigzinsära begrenzt sind. Doch die Branche reagiert, wie eine aktuelle Blackrock Studie zeigt. Demnach würden die Versicherer ihre Anlagen komplett umstrukturieren und großen Mut beweisen.

 

Die Assekuranzen seien bereit, viel stärker ins Risiko zu gehen, als noch vor zwei, drei Jahren sagt Patrick Liedtke, Leiter des europäischen Versicherungsgeschäfts bei Blackrock gegenüber dem Handelsblatt. Fast 50 Prozent der in der Studie befragten Manager wollen künftig mehr Risiko wagen. Das sei ein Ergebnis der Niedrigzinsen, denn der Renditedruck auf die Versicherer wächst.

 

"Wir haben den Eindruck, dass eine neue Ära eingeleitet wird, erklärt Liedtke. Wohl wie in keinem anderen Feld stehen sich Wachstum und Sicherheit bei der Geldanlage gegenüber, denn mehr Risiko bedeutet für die Versicherten ein größeres Verlustrisiko, was wiederum die Aufsicht auf den Plan ruft. Wachstum versus Sicherheit, der Kreis schließt sich.

 

Die ewige Digitalisierung

 

Ob die Digitalisierung ein Kreis oder eher eine in eine Richtung Zukunft laufende Straße ist, mag Digitalphilosophen beschäftigen, die Probleme der Branche sind grundsätzlicher Natur. Professor Dr. Martin Eling von der Uni St. Gallen zeigt in der aktuellen Versicherungswirtschaft auf, dass das digitale Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist, aber für Panik kein Grund besteht.

Die für die Branche relevanten Technologien sind laut Eling Datenerfassung und -analyse (KI, Big Data, Internet der Dinge), Datenspeicherung (Blockchain, Cloud Computing) und Kommunikation (Apps, Chatbots, Roboadvisor, soziale Netzwerke, Messenger, Videoanrufe, Videoplattformen).

 

Diese Technologie würde nicht (nur) zukünftig, sondern bereits jetzt das Geschäft beeinflussen: "Die Digitalisierung bewirkt eine fundamentale Transformation der Versicherungsbranche und berührt sämtliche Elemente der Wertschöpfungskette." Die Interaktion, Entscheidungsprozesse inklusive Risikobewertung und die Produkte selbst würden elementar berührt werden, doch es sei "unwahrscheinlich", dass branchenfremde Unternehmen wesentliche Teile der Wertschöpfungskette übernehmen können.

Allerdings heißt das laut Eling nicht, dass sich das nicht künftig ändern könnte: "Die Aussage, dass Versicherer ihren Stand im Markt behaupten können, gilt für heute, möglicherweise aber nicht in der Zukunft. Beispielhaft sei auf die jüngsten Diskussionen um einen Markteintritt von Amazon verwiesen." Das Insurtechs eine Gefahr für die Branche seien können, glaubt der Experte hingegen nicht.

 

Die Zukunft

 

Steigende technische Herausforderungen, Niedrigzinsen und eine tendenziell steigende Regulierung sind die Hauptprobleme der Branche, das wird auch heute auf dem Versicherungstag deutlich werden. Die Branche steht den Entwicklungen allerdings nicht hilflos gegenüber, die Risikobereitschaft steigt, das Know-how wächst und die Taschen sind nach wie vor tief. Eine Gewähr für ewiges Bestehen ist das nicht, aber keine schlechten Voraussetzungen.

 

Der GDV wird die Erfolge der Branche herausstellen und gleichzeitig versuchen, übereifrige Gesetzes- und Regulierungsvorstöße abzuwehren oder wenigstens zu mildern. Gleichzeitig muss die mitunter kritische Öffentlichkeit in Zeiten von Run-Off- und Bürgerversicherungsdebatten für das Konzept Versicherung (wieder) gewonnen werden.

 

Konservativ auf Sicherheit zu spielen, ist zu wenig. Gleichzeitig darf der GDV in den zunehmend hektischen Versicherungsdebatten nicht seinen Fokus verlieren und weiterhin die Bedeutung der Branche für die Menschen betonen und sachlich argumentieren. Das Ansehen der Branche muss gesteigert werden, ohne selbst wie manche Kritiker blind drauf los zu schlagen, eben Wachstum versus Sicherheit.

GDV · GDV-Versicherungstag · Digitalisierung · Niedrigzinsen · BaFin · Eiopa
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