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Schlaglicht

Die drei wichtigsten Schlüsselfragen für die Zukunft der Versicherer

Von Prof. Dr. Martin ElingTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Es ist offensichtlich, dass die traditionelle Versicherungsidee nicht in Frage steht, da die Bündelung der Risiken und die Realisierung von Diversifizierung im Rahmen des Pooling durch die digitale Transformation nicht grundlegend verändert wird. Die relevante Frage ist vielmehr, wie dieses Risikopooling organisiert werden soll. Es lassen sich drei Schlüsselfragen für die Zukunft aufzeigen.

Was ist die genaue Rolle der traditionellen Versicherer in einer digitalen Welt?

Das Risiko wesentliche Teile der Wertschöpfungskette an andere Branchen zu verlieren ist momentan eher gering. Dies kann sich mit neuen Technologien jedoch schnell ändern. Wenn zum Beispiel mobile Geräte jeden Aspekt des täglichen Lebens durchdringen, könnten Unternehmen wie Apple Kundeninformationen verwenden, um deren Leben zu organisieren und zu optimieren. In diesem Fall werden Siri, Alexa oder andere virtuelle Assistenten auf mich zukommen und fragen, ob ich nicht eine bessere Motorfahrzeugversicherung abschliessen möchte. Oder Siri wird mich fragen, ob ich nach der Geburt meines Kindes nicht besser eine Risikolebensversicherung erwerben sollte. In einem solchen Szenario könnte das mobile Gerät relevante Daten Dritten anbieten, um optimierte Angebote zu identifizieren. Wenn dies z. B. gegen eine kleine Gebühr nach objektiven und transparenten Kriterien erfolgt, kann so auf sehr bequeme Art und Weise der Kundennutzen deutlich gesteigert werden. Die Auswirkungen auf die Produktvielfalt, Wettbewerb und Vertrieb sind jedoch in einem solchen Szenario höchst unklar. Denn es ginge in dieser Welt ja nur noch darum, in einer Liste der Anbieter von Siri zu landen, was zu einer erheblichen Zunahme der Wettbewerbsintensität führen könnte. Auch bleibt der personelle Vertrieb in dieser Welt aussen vor. Zwar wird es auch in Zukunft Bedarf an einem (digital unterstützten) personellen Vertrieb geben. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass sich eine wachsende Anzahl Kunden für die Abwicklung über einen virtuellen Assistenten begeistern kann.

 

Neben der Abgrenzung gegenüber den grossen Technologiekonzernen stellt die Ausgestaltung von Ökosystemen und damit die Auflösung von Branchengrenzen im Fokus der Diskussion. Die Versicherer sind hier als nachgelagerter Intermediär im Nachteil und laufen Gefahr die Kundenschnittstelle zu verlieren. Aus diesem Grund erscheint das Szenario, dass Versicherer zu reinen Risikolagerhäusern degenerieren, welche nur noch das Kapital für das Risikopooling bereitstellen, sehr naheliegend. In einem solchen Szenario würden sämtliche anderen Elemente der Wertschöpfungskette durch branchenfremde Anbieter geleistet werden, die dann zugleich auch den allergrössten Teil der Marge vereinnahmen. In bestimmten Bereichen kann die Frage gestellt werden, ob die Versicherungswirtschaft den Wettbewerb um die Ausgestaltung der Ökosysteme bereits verloren hat (z.B. beim Thema Mobilität gegenüber den Automobilkonzernen oder beim Thema Gesundheit). Andere Ökosysteme wie z.B. das Thema Wohnen scheinen hingegen noch nicht derart stark besetzt.

 

Auch in der Ausgestaltung der Ökosysteme stellt sich die Frage, ob dies nicht ebenfalls durch Technologiekonzerne vereinnahmt wird, welche über SIRI, Alexa oder andere virtuelle Assistenten das Leben organisieren und optimieren. Entscheidend erscheint in dem Zusammenhang auch die Frage welche Szenarien zum zukünftigen Umgang mit Daten realistisch sind. Denkbar ist, dass ein Technologieunternehmen alle Daten hat und diese für ein Brokerage-Modell nutzt (wie in dem oben angedeuteten "Siri-Szenario"). Denkbar ist aber auch eine exklusive Kooperation eines Technologieunternehmens z.B. mit einem Versicherer. Hier stellen sich dann auch Fragen im Hinblick auf mögliche staatliche Eingriffe, auch zur Verhinderung einer Monopolbildung.

Wie kann die Transformation der traditionellen Versicherer in die digitale Welt gelingen?

Gibt es in zehn Jahren noch die Versicherungswirtschaft heutiger Prägung? Ja, aber die Wertschöpfung wird vermutlich schon etwas anders organisiert werden. Es ist auch wahrscheinlich, dass die seit vielen Jahren anhaltende Marktkonsolidierung weitergehen und sich im Zuge der Digitalisierung vielleicht sogar noch beschleunigen wird. Vor diesem Hintergrund erscheint es für Versicherer unerlässlich, die Technologieentwicklung genau zu verfolgen und eine Zusammenarbeit anzustreben, auch um von Technologieunternehmen zu lernen. Denn die Versicherer müssen neue Fähigkeiten aufbauen.

 

Die meisten Versicherungsunternehmen arbeiten weiterhin mit alten IT-Systemen und benötigen hohe Investitionen, um Menschen und Systeme auf die digitale Welt vorzubereiten. Darüber hinaus müssen Versicherer das zukünftige Arbeitsumfeld für ihre Mitarbeiter bis hin zum Vertrieb definieren (Verkaufsprozess, Verkaufstools etc.). Die digitale Revolution ist längst Realität, die soziale Transformation erscheint hingegen zeitkritisch. Wichtig erscheint hier der Hinweis, dass es nicht darum geht, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. So wird beispielsweise der personelle Vertrieb in den kommenden Jahren weiterhin eine hohe Bedeutung haben. Dies ist kein Widerspruch zum oben genannten "SIRI-Szenario". Denn wenn es gelingt den personellen Vertrieb durch neue Tools für die digitale Welt fit zu machen, kann durch das Zusammenspiel von persönlicher Nähe und elektronischer Unterstützung ein wettbewerbsfähiger Kundennutzen generiert werden. Insofern ist das Ziel der Digitalisierung den Menschen zu unterstützen und ihm Freiräume zu schaffen, um so seine Stärken (wie Kreativität und soziale Intelligenz) besser nutzbar machen zu können.

 

Im Angesicht der komplexen technologischen Entwicklung ist es aber unklar, welche Technologien einen echten Impact haben und von den Versicherern genutzt werden müssen. So mag die Blockchain Technologie insbesondere im Zusammenspiel mit dem Internet der Dinge sehr interessante Anwendungsfelder eröffnen. Allerdings geht die Entwicklung des Internet der Dinge (die Vernetzung von physischen und virtuellen Gegenständen) vergleichsweise langsam voran. Es wird noch einige Jahre vergehen bis Dinge der realen Welt derart umfassend vernetzt sind, dass sie sich für so genannte smart contracts (vollständig automatisierte Verträge) eignen wie es sich heute bereits in der Transportversicherung andeutet. Aus Versicherer-Perspektive stellt sich auch die Frage, ob im Angesicht jahrzehntelanger Erfahrung im klassischen Underwriting der Erkenntnisgewinn aus dem digitalen Monitoring die damit verbundenen Kosten rechtfertigt. Wenn wir heute schon zu 95 Prozent das Risiko des Kunden abschätzen können, rechtfertigt dann der Erkenntnisgewinn der fehlenden 5% die mit dem Monitoring verbundenen Kosten (einschliesslich der Aufgabe der Privatsphäre)? Auch der Einsatz künstliche Intelligenz (KI) erscheint in verschiedenen Geschäftsprozessen hoch attraktiv, es dürfen aber auch nicht die damit verbundenen Probleme oder Gefahren übersehen werden. Denn es gibt kaum etwas Schlimmeres als ein schlecht programmiertes KI-System, was automatisch schlechte Entscheidungen trifft. Insofern ist KI ein Feld, in dem sorgfältig geplant und getestet werden muss.

Welche Anpassungen in den Rahmenbedingungen sind notwendig?

Der Ruf nach dem Staat mag an letzter Stelle nicht überraschen, denn das Internet erscheint an vielen Tagen schon wie der Wilde Westen der 21. Jahrhunderts. Ein weitgehend rechtsfreier Raum, dem Unternehmen wie Privatpersonen relativ hilflos ausgesetzt sind. Auch die in diesem Beitrag angesprochenen offenen Fragen zeigen sehr deutlich einen gewissen Regelungsbedarf von Seiten des Staates. Dazu gehört die Frage welche Daten zukünftig nutzbar gemacht werden sollten. Was sind etwa die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Monitorings in der Versicherungswirtschaft? Zum einen steht die Gefahr einer Diskriminierung im Raum, wenn schlechte Risiken oder Risiken, welche die Daten nicht teilen wollen, höhere Prämien zu zahlen haben. Zum anderen steht das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zur Disposition. Die in der EU mit der Datenschutzgrundverordnung angedachten Schutzrechte im Hinblick auf Daten, auch verbunden mit der Frage nach der Daten-Portabilität, bietet einen ersten rechtlichen Rahmen, der weiter zu diskutieren ist.

 

Aus wissenschaftlicher Sicht sind hier insbesondere die Veränderungen in der Informationsasymmetrie und damit verbunden die ökonomischen Wohlfahrteffekte interessant. Damit verbunden ist auch die Frage nach dem Wert von Daten aus Kundensicht und aus Anbietersicht. So ist im Angesicht eines zum Teil latenten Fatalismus im Umgang mit Daten (nach dem Motto "mir wird schon nichts passieren") nicht ganz klar was die Privatsphäre aus Kundenperspektive eigentlich wert ist. Positive Auswirkungen der Digitalisierung auf die ökonomische Wohlfahrt können auf kollektiver Ebene auch im Themenfeld der Prävention liegen, wenn es darum geht grosse Datenmengen besser zu verstehen und zum Wohle der Kunden zu nutzen. Auf individueller Ebene sind die Wohlfahrtseffekte hingegen nicht trivial, denn es mag wie oben angedeutet auch Verlierer des digitalen Monitorings geben.

 

Ein weiteres Diskussionsfeld ist die Frage wie die Regulierung der Versicherungswirtschaft in einer digitalen Welt aussehen soll. Dies betrifft zum einen das Versicherungsvertragsgesetz, welches weiterhin die Rahmenbedingungen einer nicht-digitalen Welt wieder spiegelt. So ist es in vielen Ländern heute kaum noch vorstellbar, dass für die Kündigung einer Police ein Brief aufgesetzt, gedruckt, unterschrieben, frankiert und zur Post gebracht werden muss. Zum anderen stellt sich auch die Frage in welcher Form Insurtechs einer Regulierung bedürfen. Es ist zu vermuten, dass der Spass der jungen, innovativen Gründer schnell vorbei ist, wenn es um die Regulierung ihrer Aktivitäten geht. Hier sollte sorgfältig abgewogen werden, um nicht über die Regulierung die Innovationskraft der jungen Technologiefirmen komplett abzudrehen.

 

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der aktuellen September-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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