Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender am Zentrum für Qualität in der Pflege, auf dem Jahrestreffen des Prüfdienstes des PKV-Verbandes
Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender am Zentrum für Qualität in der Pflege, auf dem Jahrestreffen des Prüfdienstes des PKV-VerbandesQuelle: Sascha Schulz
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Wie lässt sich Pflegequalität prüfen – und finanzieren?

Von Sascha SchulzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Diskussion nach Hans Olav Herøys Vortrag ist sachlich, die Atmosphäre entspannt. Die Argumente, die der Norweger, der hauptberuflich bei HUK Coburg Personenversicherungen verantwortet, eben präsentiert hat, sind mathematisch präzise unterlegt: Bis 2060 geht die Zahl der Erwerbstätigen um ein Drittel zurück. Die Leistungsausgaben durch den Anstieg dann pflegebedürftiger geburtenstarker Jahrgänge steigt um 80 Prozent an. Der Beitrag müsste sich vervielfachen, vor allem auch deshalb, weil private Vorsorgeprodukte nicht ausreichend verkauft werden konnten.

Um das zu finanzieren, gibt es nur drei Alternativen: Sozialversicherungsquote erhöhen und damit Abwanderung von Jobs und einen Verlust von Wettbewerbsfähigkeit für Deutschland hinnehmen. Beitragssätze durch Steuerzuschüsse in Höhe von 50 Mrd. Euro stabilisieren. Oder "intelligente Förderkonzepte" für private Eigenvorsorge im Rahmen einer Pflege-Vollversicherung entwickeln.

Pflegevollversicherung muss annehmbar werden

"Wir müssen die Pflegevollversicherung annehmbar machen", so Herøy. "Das geht meiner Meinung nach am besten mit einer Kombination aus Opting Out, Zuckerbrot durch bedarfsgerechte Erweiterungsmöglichkeiten und der Peitsche, im Krisenfall sonst sich selbst oder den Kindern Pflegekosten aufzubürden." Herøy sieht keine Alternativen: "Jetzt einen Pflege-Vorsorgefonds auflegen? Wir würden damit zu spät anfangen, der Zug ist abgefahren. Es wäre sinnvoll gewesen, damit angefangen zu haben, als die private Pflegeversicherung installiert wurde."

Beim 7. Jahrestreffen  des Prüfdienstes des PKV-Verbandes in Potsdam geht es eben doch nicht nur um Prävention, Qualität und Selbstverwaltung. Andreas Besche, Geschäftsführer des Geschäftsbereichs Pflege und Frank Schlerfer, bei den PKV verantwortlich für ein rund 140 Köpfe starkes Team, umreißen die hohe Bedeutung ihrer Organisation für einen transparenten Wettbewerb.

Gewalt gegen alte Menschen stoppen – aber wie?

Die aktive Beteiligung an der Verbesserung der Pflegequalität anstelle einer reinen Übernahme der Finanzlast repräsentiert die Zusammensetzung der übrigen Referentinnen und Referenten an diesem Tag: Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender am Zentrum für Qualität in der Pflege, referiert über Erkenntnisse, Studien und mögliche Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt in der Pflege. Es geht um die Misshandlung älterer Menschen: Körperliche, psychische oder emotionale Misshandlung, sexualisierte Gewalt, finanzielle Übervorteilung oder Ausbeutung und Vernachlässigung.

Der Prüfdienst der PKV sieht sich stärker als jemals zuvor als Interessenvertreter der Menschen mit Pflegebedürftigkeit, als Berater der Verbraucher - und nicht zuletzt auch als eine Organisation, die zur Weiterentwicklung und Standardisierung von Qualitätsprüfungen beiträgt. Gemeinsam soll es geschafft werden, dass im Rahmen von Vertrauensbeziehungen keiner älteren Person mehr Schaden oder Leid zugefügt wird. Das ist nicht einfach: "Gewaltforschung ist unterfinanziert. Es gibt leider keine harte Evidenz zur Vermeidung von Gewalt gegenüber Älteren", so Suhr. Er baut auf das anstehende Ethik-Gutachten der Bundesregierung und hofft, dass dort Zwang gegen ältere Menschen als abzulehnende Maßnahme festgeschrieben wird.

Pflegequalität mit Schulnoten

Klaus Wingenfeld, IPW-Geschäftsführer an der Universität Bielefeld, stellt aktuelle Instrumente des PKV-Dienstes zur Qualitätsprüfung vor, die in "Pflegenoten" (gemäß Anforderungen von §115 Abs. 1a SGB XI) münden. "Ist 1,3 eine herausragende Leistung, und welche Wirkung hat diese Note auf die Öffentlichkeit?" Eine durchaus berechtigte Frage.

Mit von der Partie an diesem sonnigen Dienstag sind auch Medicproof-Geschäftsführerin Franziska Kuhlmann, die einen lebendigen Eindruck aus Jahr eins des neuen Begutachtungsinstruments liefert. Compass-Chefin Claudia Calero regt zu mehr Orientierung nach guter Beratung und vor guter Betreuung an. Gernot Kiefer, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, erläutert die Aufgaben und Herausforderungen der Selbstverwaltung in der Pflege.

Die privaten Krankenversicherungen (PKV) vertreten mit ihrem eigenen Prüfdienst die Interessen ihrer neun Millionen Krankenvollversicherten und 23 Millionen Kunden mit Zusatzversicherungen gegenüber Pflegeeinrichtungen. Bei den gesetzlichen Versicherern gilt der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MKD) als Pendant.

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