Bange Zukunft der Lebensversicherung?
Bange Zukunft der Lebensversicherung?Quelle: lichtkunst.73 / PIXELIO (www.pixelio.de)
Schlaglicht

BdV schlägt Alarm: Sind die Lebensversicher in der Krise?

Von Sascha SchulzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
So deutlich haben wir das lange nicht mehr gehört. Schon in wenigen Wochen könnten einige Vorstände von Lebensversicherungsgesellschaften mit einem Bein im Gefängnis stehen, geht es nach Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bund der Versicherten, und dem vom BDV beauftragten Carsten Zielke, Geschäftsführer der Zielke Research Consult.

89 Prozent aller Lebensversicherungsverträge seien von der Zinszusatzreserve betroffen, 27 Mrd. Euro müssten kurzfristig zur Problemlösung herbeigeschafft werden. Fast alle Verbraucher sollten sich nun Gedanken machen, wie es ihrem Lebensversicherungsunternehmen geht und wie es im Fall eines "Run Offs" (Beispiele: Generali, Süddeutsche) um Leistungen bestellt sei.

Das Wort „Gefängnis“ nimmt wohlgemerkt keiner der beiden Herren bei der gestrigen Telefonkonferenz "BMI der Lebensversicherer" in den Mund. Es klingt eher so, als müssten Vorstände „normaler Unternehmen“ unter solchen Umständen wegen grober Fahrlässigkeit haften, ob eine persönliche Haftung bei Verstößen gegen Solvenzregelungen genauso wahrscheinlich ist, bleibt offen.

Wollen Sie wirklich russisches Roulette spielen?

"Natürlich können Sie russisches Roulette spielen, bis zur letzten Dezemberwoche warten und hoffen, dass es Erleichterungen gibt. Dazwischen muss aber der Q3 Lagebericht veröffentlicht werden - wie kann die Gesellschaft über das Geschäftsjahr kommen? Es reicht hier eben nicht die Formulierung: 'Ich warte auf die Gesetzesänderung.' Ein Vorstand muss sich fragen, ob er das tragen kann und will. Ein verantwortungsbewusster Vorstand muss mit politischen Unwägbarkeiten rechnen."

"Solvenzfetisch statt Nachhaltigkeit?" ist der Titel einer Analyse, die die 2017er-Berichte der Lebensversicherer auf den Prüfstand gestellt hat. Aus Sicht des BdV eine unabdingbare Analyse, denn Versicherte schließen Lebensversicherungsprodukte mit langfristigen Perspektiven ab und fragen sich: "Ist das Leistungsversprechen auch für viele Jahrzehnte sichergestellt?"

Acht Lebensversicherer schaffen es nicht

Was ist passiert? Acht Lebensversicherer können nach Aussagen des BDV die Zinszusatzreserve nicht stemmen. "Versicherer, die mit zu den größten institutionellen Investoren in Deutschland und Europa gehören", mahnt Zielke an. Es seien jetzt Notfallpläne erforderlich. Offenbar, so die BdV-Experten, haben sich die Vorstände der betroffenen und vielleicht sogar noch weiterer Gesellschaften verschätzt. Wie gesagt: Der Q3-Lagebericht und die Solvenz – die sei bei Krisenkandidaten nur darstellbar, wenn bis Ende September eine Verordnung der Bundesregierung in Kraft trete, die für Erleichterung sorge.

Ob die Verordnung in Kraft tritt, sei allerdings unbekannt – und überhaupt könne man nicht guten Gewissens in einem kurzen Zeitfenster von zwei bis drei Wochen auf das Prinzip Hoffnung aetzen, um damit einen Regelverstoß zu umschiffen. "Betroffene Gesellschaften müssen stille Reserven auflösen oder aus anderweitigen Quellen hartes Eigenkapital in ihre LV-Unternehmensbereiche stecken, um das Geschäftsmodell wieder tragfähig zu machen", so Kleinlein. Dafür sei mindestens ein Quartal, eher noch länger nötig – zwei bis drei Wochen würden da keinesfalls ausreichen.

Bundesregierung und Bafin auf Kuschelkurs mit Unternehmen?

Das Problem, so Zielke, sei der Bundesregierung seit vielen Jahren bekannt. Passiert sei wenig, und auch die Nachwirkungen von Sommerpause und schönem Wetter sorgen derzeit im politischen Berlin wohl nicht unbedingt für hohe Entscheidungsfreude. Der Druck aufgrund der Zinszusatzreserve hoch. Ein Druck, den der BdV bei Verbraucherschutzthemen rund um Lebensversicherungen vermisst: "Politische Mechanismen wollen mit dem LV Reformgesetz II vorwiegend Unternehmen helfen, Versicherungsnehmer aber nicht in den Fokus stellen", so Kleinlein. "Leider haben wir an vielen Stellen jetzt keine Zeit mehr, um ein vernünftiges Gesamtbild im Sinne des Verbrauchers zu erarbeiten."

Den Run Off der Generali LV-Sparte betrachtet der BdV kritisch. „Verbrauchern wird es schlechter gehen“, so die beiden BdV-Herren unisono. Auch die Bafin sei hier ein Akteur, der Interessen von Verbrauchern schädige und den Markt mit der von Aktuaren vorgeschlagenen "Korridormethode“ intransparenter mache. „Faktor X kommt von der Bafin – was genau steckt dahinter?" Die derzeitige Methode, die auf einem zehnjährigen Durchschnitt basiert, sei bewährt, einfach und klar.