Jörg Hipp, Allianz-Vorstand für das deutsche Automotive-Geschäft
Jörg Hipp, Allianz-Vorstand für das deutsche Automotive-GeschäftQuelle: Allianz Deutschland
Köpfe & Positionen

Allianz-Vorstand Hipp: Keine vollautomatisierten Autos in fünf bis zehn Jahren

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Wie sieht die Kfz-Versicherung der Zukunft aus? Und welche Auswirkungen hat der technologische Fortschritt für die Risikobewertung der Versicherer. VWheute hat Jörg Hipp, Allianz-Vorstand für das deutsche Automotive-Geschäft, am Rande der K-Tagung um eine aktuelle Einschätzung gebeten. Eines ist für ihn klar: "Ich gehe nicht davon aus, dass wir in den kommenden fünf bis zehn Jahren vollautonome Fahrzeuge (Level fünf) auf Deutschlands Straßen sehen werden."

Die Menschen werden heute dank der neuen technologischen Möglichkeiten zunehmend mobiler. Wie definieren Sie die Mobilität im Wandel und an welchen Kriterien würden Sie dies festmachen?

Ich würde dies grundsätzlich an Änderungen des Kundenverhaltens festmachen, die durch neue Technologie ermöglicht werden. Dabei bin ich der Überzeugung, dass unter anderem das Thema Elektromobilität eine viel größere Rolle spielen wird. Allerdings haben wir noch einen gewissen Weg zu gehen, um Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen. Dies ist zwar in erster Linie ein Thema für die Automobilindustrie. Wir als Versicherer können aber dabei helfen, die Eintrittsbedenken zu reduzieren. Ein zweiter großer Bereich ist das Thema Connected Car und die Möglichkeiten in der Kundeninteraktion. Damit können wir in Zukunft ein anderes Level an Convenience für die Kunden ermöglichen.

Kommen wir noch einmal zum Thema Elektromobilität: Welche Rolle können die Versicherer hier genau spielen, um dies weiter auszubauen?

Ein Thema ist dabei zunächst einmal die Frage: Wieviel muss ich für die automobile Mobilität ausgeben. Da ist die Versicherung ein nennenswerter Kostenfaktor. Hier sehe ich drei Ansatzpunkte, wie wir als Versicherer gemeinsam mit den Automobilherstellern diese Kosten reduzieren können.

Der erste ist Feedback im Bereich des Engineering, also wie sich Autos reparaturfreundlicher Designen lassen. In diesem Aspekt sind wir über das Allianz Zentrum für Technik stark engagiert. Dann geht es um die Wirkung von Assistenzsystemen auf den Schadenbedarf, also um die Typklasseneinstufung und die Berücksichtigung von Systemen, die als Sonderausstattung angeboten werden. Das dritte Thema sind Telematikangebote, über die wir dem Fahrer Feedback geben können, wie sein Fahrverhalten sicherer wird. Ein risikobewussteres Fahrverhalten kann über Nachlässe in den Telematiktarifen belohnt werden.

Neben dem Kostenaspekt können wir mit intelligenten Assistanceangeboten den Bedenken hinsichtlich Elektromobilität begegnen. Was mache ich, wenn zum Beispiel unterwegs die Batterie leer ist? Was mache ich, wenn ich in den Urlaub fahren möchte und für eine gewisse Zeit ein konventionell angetriebenes Auto möchte? In diesem Zusammenhang ist auch der Zugang zu intermodalen Verkehrskonzepten interessant. Derzeit arbeiten wir an einem sogenannten E-Schutzbrief, der Assistanceleistungen bündelt, um dem Kunden einen sorgenfreien Zugang zu Elektromobilität zu ermöglichen. Diesen gibt es zwar noch nicht, aber wir arbeiten intensiv an der Produktentwicklung.

Stichwort Connected Cars: Die Tendenz geht ja immer stärker in Richtung autonome Fahrzeuge. Wenn dies denn irgendwann einmal Realität wird, welche Rolle werden dann die Kfz-Versicherer dabei spielen?

Um ehrlich zu sein, ich gehe nicht davon aus, dass wir in den kommenden fünf bis zehn Jahren vollautonome Fahrzeuge (Level fünf) auf Deutschlands Straßen sehen werden. Level vier wird hingegen zügig kommen, heißt: Auf Autobahnen wird man assistiert gefahren, wenn es aber in die Stadt geht, übernimmt wieder der Fahrer. Assistiertes Fahren ist für uns ein Thema bei der Risikobewertung. Wir müssen wissen, wie welches System wirkt und wie die Systeme genutzt werden. Neben dem technischen Wirkungsgrad eines Assistenzsystems ist also auch die Frage relevant, wie häufig das System in Betrieb ist. Auch der beste Assistent verhindert keine Unfälle, wenn er ausgeschaltet ist. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir diese Aspekte in unsere Prämienberechnung mit einfließen lassen können, ggf. auch über entsprechende Telematikangebote.

Das Thema "Connected" hat für mich zwei weitere Punkte: Zum einen können wir darüber Kunden gezielt auf Angebote ansprechen und zum anderen können wir ganz neue Services anbieten, die zu einem höheren Kundennutzen führen. Wir hatten ja zuvor schon das Thema Assistance angesprochen. Beispiel: Das Auto weiß, wann ein Defekt vorliegt und weiß dies im Zweifelsfall schon, bevor es in ein paar Kilometern stehen bleibt. Für diesen Fall können wir direkt aus dem Auto heraus die Assistance-Leistung veranlassen und wissen, ob wir das Auto wieder in Betrieb bekommen, oder ob wir einen Ersatzwagen organisieren müssen. An solchen Modellen arbeiten wir derzeit bereits unter dem Oberbegriff "Digital Roadside Assistance".

In einem sehr ähnlichen Kontext arbeiten wir auch an der Kfz -Versicherung unter dem Stichwort "First Notification of Loss". Moderne Fahrzeuge erkennen Unfälle schon recht gut und mit entsprechenden Algorithmen kann berechnet werden, was genau kaputt gegangen ist. Dies können wir zweifach nutzen: Zum lässt sich die „Convenience“ in der Schadenmeldung verbessern, indem wir den Kunden, beispielsweise über seine Connected-App, in Echtzeit durch den Prozess führen. Zum anderen wird eine schnellere und bequemere Reparatur ermöglicht, indem die entsprechenden Informationen direkt aus dem Fahrzeug an die Werkstatt übermittelt werden.

Bei diesem Thema kommen wir ja nun wieder auf die altbekannte Debatte: Wem gehören eigentlich die Daten? Dem Kfz-Versicherer oder dem Automobilhersteller?

Die Sachlage ist klar: Die Daten gehören dem Kunden. Jede andere Partei darf nach DSGVO diese Daten nur mit Zustimmung des Kunden verarbeiten. Auf Kundenwunsch geht es dann auch um die Frage, wie die Daten aus Fahrzeugtelemetrie Dritten zur Verfügung gestellt werden können. In Bezug auf Daten zur Unfallaufklärung haben wir eine klare Haltung. Diese sollten bei einem Treuhänder liegen, weil im Zweifelsfall der Hersteller bei Produkthaftungsfragen "Partei" ist. Dabei geht es vor allem um die Frage: Wer hat das Fahrzeug gefahren? War es zum Unfallzeitpunkt in einem assistierten Modus oder hat der Mensch gelenkt?

Kommen wir noch einmal zur Telematik, mit der die Versicherer derzeit ja recht unterschiedlich umgehen. Wie ist Ihre Einschätzung dazu mit Blick auf die Zukunft und wie wird sich die Kfz-Versicherung insgesamt in den kommenden Jahren entwickeln?

Ich gehe davon aus, dass die Telematik in den kommenden Jahren eine nennenswerte Rolle spielen wird.  Zumindest für neue Fahrzeuge sehe ich komplett neue Wege der Risikobewertung und Risikoselektion.

Jörg Hipp · Automotive · Allianz Deutschland
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