Onnen Siems
Onnen SiemsQuelle: Uwe Schmidt-Kasparek
Märkte & Vertrieb

Aktuare erwarten Telematik-Boom in Deutschland

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Telematik-Tarife, die die Versicherungsprämie nach dem individuellen Fahrstil bemessen, sollen in der Zukunft boomen. Davon geht die akturielle Beratungsgesellschaft Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) aus. "Mittelfristig wird jeder deutsche Kfz-Versicherer einen Telematik-Tarif anbieten. Die Kritiker der Telematik in der Autoversicherung müssen umdenken", prognostiziert MSK-Geschäftsführer Onnen Siems.

Jeder Versicherer bald mit Telematik-Angebot?

Nach seiner Einschätzung wird sich einfache Technik, also die Kombination Apps und Smartphone, durchsetzen. Siems glaubt das mittlerweile ein erheblicher Druck für Unternehmen, die noch keinen Telematik-Tarife anbieten, von den Marktführern ausgeht. Die Versicherer Allianz und die Huk-Coburg hätten viel Geld in ihre Telematik-Angebote investiert. Siems erwartet eine ähnliche Entwicklung bei Telematik-Tarifen wie vor einigen Jahren bei den Werkstattmodellen. Heute hat fast jeder Kfz-Versicherer einen Kaskotarif mit einer sogenannten Werkstattbindung. Autofahrer erhalten einen Rabatt bei der Versicherungsprämie. Dafür müssen sie im Schadenfall eine Partnerwerkstatt des Versicherers nutzen. Die Versicherer können über diese Schadensteuerung erhebliche Kostenvorteile erzielen.

Bei Telematik-Tarifen gibt es derzeit aber nur einen Run auf junge Autofahrer. Grund: Sie können am meisten sparen. Anfängertarife sind besonders teuer. Nutzen die jungen Fahrer Telematik-Tarife, versprechen ihnen die Kfz-Versicherer hohe Nachlässe von bis zu 37 Prozent. Laut einer Auswertung von MSK gibt es mittlerweile schon 300.000 Telematik-Verträge. Zudem würden immer mehr Versicherer Telematik-Tarife anbieten. Nach Marktanteilen wären es schon über 50 Prozent, weil viele große Anbieter dabei sind. Die Auflistung der Anbieter, die MSK vorstellte, zeigt aber auch Unternehmen, die ihren Telematik-Tarif eingestellt oder auf Eis gelegt haben, wie die S-Direkt, die Allsecur oder die Admiral Direkt.

Berater haben Telematik-Lösung für kleinere Assekuranzen

Die optimistische Darstellung von MSK zur aktuellen Situation bei Telematik-Tarifen und ihrer Entwicklung ist auch von Eigeninteresse gesteuert. So hat die Beratungsgesellschaft gemeinsam mit HMR Consulting GmbH eine eigenes Telematik-Modell entwickelt, dass sie vor allem mittelständischen Versicherern anbieten will. Die Berater wollen den Versicherern alle technischen und rechtlichen Probleme einer Telematik-Tarifeinführung abnehmen. Entwickelt wurde bereits eine App und die notwendige IT sowie der Prozess der Datenübermittlung vom Kunden zum Servicedienstleister, der als Treuhänder alle Datenschutzauflagen erfüllen soll. Die Gesellschaften zeigten auf der Tagung den Prototyp live. "Die Daten können alle 20 Sekunden vom Smartphone des Kunden in den Datenpool übertragen werden", erläuterte Arnold Müller von der HMR Consulting GmbH auf der Tagung #KNEXT, die gemeinsam mit dem Rückversicherer Scor Global P&C Deutschland veranstaltet wurde. Eine ständige Übertragung sei aber nicht notwendig. Besteht kein Netz, würden die Fahrten gespeichert und später, notfalls am Beginn des neuen Monats, wenn der Kunde wieder Datenvolumen habe, übertragen. "Wir können mit jeder Art von Smartphone umgehen", so der IT-Experte. Erhoben wird unter anderem auch der Anrufstatus des Kunden. "So können wir feststellen, ob der Fahrer während der Fahrt öfter telefoniert", erläuterte Müller.

Praktisch brauchen nur Schnittstellen zu den Versicherern geschaffen zu werden, dann können die Assekuranzen mit dem MSK-System starten. Ein Workshop mit Versicherern ist für 2019 geplant. "Dann werden wir Lizenzen vergeben und die kartellrechtliche Freigabe für den Datenpool beantragen", sagte Siems. Die Lösung eines Konsortiums das den Datenpool füllt, wäre eine "charmante Kostenteilung“. Zudem würden so genügend Schäden anfallen, um eine bessere Datenanalyse zu ermöglichen.

Datenpool spart Kosten

Noch befindet sich die MSK-Telematik-Lösung im Stadium der Projektidee. Am Rande der Veranstaltung machte ein Vertreter eines großen Versicherers deutlich, dass er sich nicht an dem Datenpool beteiligen will. "Ich finde die Idee aber nicht schlecht, denn nur sehr große Versicherer können den IT-Prozess, der hinter der Telematik steht, alleine bewältigen", schätzt der Experte. In Großbritannien gibt es mittlerweile bereits 1,1 Millionen Telematik-Verträge und in Italien sogar 7,1 Millionen Policen. Im Adriastaat gelten aber andere Voraussetzungen, weil dort teilweise exorbitante Versicherungsprämien verlangt werden, sind die Versicherer gesetzlich verpflichtet, einen Telematik-Tarif anzubieten.

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