Rio, Blick vom Zuckerhut auf die Botafogo Bucht
Rio, Blick vom Zuckerhut auf die Botafogo BuchtQuelle: Astrid Götze-Happe / www.pixelio.de / PIXELIO
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Keine Versicherung? 200 Jahre brasilianische Geschichte nur noch Asche

Von Philipp ThomasTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das wohl keinerlei Brandschutz aufweisende Nationalmuseum in Rio de Janeiro wurde zum Opfer der durch die Feuerwehr nicht zu bändigenden Flammen. Dies betraf nicht nur das Gebäude, einen nun vom Einsturz bedrohten einstigen Königspalast, sondern auch fast das gesamte 20 Millionen Gegenstände umfassende Inventar – das British Museum zählt nur acht Millionen Gegenstände. Das Museum verkörpert weitgehend die Geschichte Brasiliens.

Hinsichtlich der Brandursache wurde noch keine offizielle Stellungnahme verlautbart. Nichts deutet darauf hin, dass auch nur ein Teil der unschätzbaren Sammlungen versichert gewesen sein könnte. Die nahegelegenen Hydranten hatten wohl keinen genügenden Wasserdruck aufgewiesen, weshalb das Löschwasser von einem nahegelegenen See hatte herbeigepumpt werden müssen. Regierungsstellen hätten eigentlich vorgewarnt sein müssen, im Jahr 2015 war in Rio das Museum der Portugiesischen Sprache ausgebrannt.

Es ist wahrscheinlich, dass der Inhalt des zur staatlichen Universität, Universidade Federal do Rio de Janeiro, gehörenden Gebäudes nicht versichert ist.

 

Oftmals versichern staatliche Stellen Ihr Eigentum nicht, und halten sich stattdessen für stark genug, auch Großschäden zu schultern. Im Fall von Kulturgut kommt noch hinzu, dass dieses häufig ungenügend oder nur unpräzise manuell inventarisiert wurde und keine dynamische Bewertung der einzelnen Objekte erfolgte. Des Weiteren würde ein Versicherer auch die Vorlage eines Brandschutzkonzepts verlangen, dieser Punkt lag in Rio offenbar in besonderer Weise im Argen.

 

Zu wenig Geld für Kultur?

 

Den letzten brasilianischen Regierungen, insbesondere der Stadtverwaltung von Rio wird nun die drastische Beschneidung des Museumsetats zum Vorwurf gemacht. Ein Bruchteil der für die einmalige Fußballweltmeisterschaft 2014 aufgewendeten Mittel hätten ausgereicht, die Feuersbrunst zu verhindern, lautet der Vorwurf. Etwas über fünf Mio. US-Dollar für Brandschutzmaßnahmen waren im Juni 2018 bewilligt aber noch nicht ausgezahlt worden.

 

Das Feuer wirft die Frage auf, ob die politischen Kaste Brasiliens dem Thema Kultur genug Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt oder handlungsfähig ist. Einiger Mitglieder der politisch führenden Gruppe Brasiliens befindet sich aktuell wegen dem Lava Jato, einem milliardenschweren Korruptionsskandal, im Gefängnis, darunter der der einstige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva.

 

Das abgebrannte Museum hat eine reiche Geschichte. Der Palácio de von São Cristóvão war 1803 von einem reichen lokalen Landbesitzer als Gutshaus errichtet worden. Im Zuge der napoleonischen Wirren zog sich im Jahr 1808 der portugiesische Königshof insgesamt nach Rio zurück. Pflichtgemäß hatte der Erbauer des Palasts seine Behausung dem entwurzelten König als Domizil angeboten, der das Landhaus in den Jahren 1819 bis 1823 aufwändig zum Palast umbauen ließ. Im Zuge des Jahres 1822 war infolge der Unabhängigkeitserklärung Brasilien vom portugiesischen Mutterland unabhängig geworden. Im Palast residierte zunächst als frischgesalbter Kaiser Dom Pedro I, sein Nachfolger Dom Pedro II ließ die Gärten von einem französischen Architekten neugestalten. Im Verlauf des Jahres 1889 beendete eine bürgerliche Revolution die imperiale Herrlichkeit, drei Jahre später wurde aus dem Palast das Nationalmuseum mit seinen 122 über drei Etagen verteilten Sälen und einer Nutzfläche von 13.617 Quadratmetern.

 

Die im Palast enthaltene Sammlung war die der portugiesischen Könige und der brasilianischen Kaiser. Zu ihr gehörten neben portugiesischen und brasilianischen Gegenständen auch Mumien, Meteoriten und sonstige Kuriositäten.

 

,Welchen Zweck die Menschheit überhaupt beim physischen Aufhäufen von Kulturgut vergangener Zeiten verfolgt, ist eine spannende Frage. Geht es dabei um das Schaffen von Devotionalien, deren Werte subjektiv sind und erheblichen Modeschwankungen unterliegt? Sicher ist, werden museale Gegenstände in staatlichen Museen zusammengezogen, so wird, möglicherweise unbewusst, eine per Risk Management kaum in den Griff zu bekommende Kumulgefahr geschaffen, eine Feuersbrunst kann alles auslöschen.
 
Brände · Museum · Risk Management · Brasilien · Rio de Janeiro
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