Industrieversicherer auf dem Weg in die digitale Zukunft
Industrieversicherer auf dem Weg in die digitale ZukunftQuelle: Carola Langer / PIXELIO (www.pixelio.de)
Schlaglicht

Industrieversicherer auf dem einsamen Wege zur Alleinstellung

Von Michael StanczykTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Industrieversicherer leben gefährlich. Die Risiken, die sie täglich zu managen haben, sind vielfältig, der Wettbewerb hoch und die Preise seit Jahren unter Druck. Anders als früher haben die Akteure keine Möglichkeit mehr, operative Verluste durch Gewinne am Finanzmarkt auszugleichen. Ein besserer Umgang mit Daten soll Abhilfe schaffen. Entsprechende Ansätze dafür sollen in den kommenden Tagen auf dem GVNW Symposium in München aufgezeigt werden.
Eigentlich hat Axa-Chef Thomas Buberl größeren Übernahmen stets einen Riegel vorgeschoben. Eigentlich. Denn vor rund einem halben Jahr änderte der Manager seine Meinung und sorgte damit global für ein öffentlichkeitswirksames Überraschungsmoment. Mit dem Kauf des Industrie- und Rückversicherers XL Catlin zeigte der Top-Manager, wie schnell aus einem "eigentlich" konkrete Management-Maßnahmen entstehen können. "Die Transaktion ist eine einmalige strategische Gelegenheit", erklärte Buberl seinen Coup. Dafür ließ der erste deutsche Chief Executive Officer des französischen Versicherungsgiganten satte 15 Mrd. US-Dollar springen. "Der Preis sieht sehr hoch aus, selbst nach Synergieeffekten", erklärten etwa die Analysten des Bankhaus Lampe. Nicht zu hoch. Zumindest nicht für Buberl. Er sieht die Chance, zum Weltmarktführer für Schadenversicherungen im kommerziellen Industrieversicherungsbereich aufzusteigen.
Gleichwohl bedeutet der Deal weitaus mehr als nur den größten Zukauf der Axa seit 2006. Er ist nicht nur eine verdeckte Botschaft an den großen Wettbewerber Allianz sondern auch ein dickes Ausrufezeichen an den gesamten Markt, der immer kleiner zu werden scheint. Offiziell hatte Oliver Bäte, Vorstandsvorsitzender des Münchener Versicherers zwar zu Berichten geschwiegen, dass man ein möglicher Käufer für XL Catlin sein sollte. Nach Angaben von Bloomberg hatte jedoch auch der größte europäische Insurance-Player ein Auge auf den Versicherer aus den Bermudas geworfen. Ob zu teuer oder nicht, mit der Übernahme rückt Axa in die Elite der größten Industrieversicherer weltweit auf. Dass die Franzosen mit Blick auf schallende Übernahmen keine Ausnahme sind, zeigte 2015 schon der schweizerischamerikanische Versicherungskonzern ACE, der für 28 Mrd. Dollar den traditionsreichen Rivalen Chubb schluckte. Der Schaden- und Unfallversicherer hoffte mehr wohlhabende Privat- und Firmenkunden zu gewinnen, auf die sich die 1882 gegründete Chubb konzentriert hat. Deshalb sollte der fusionierte Konzern auch dessen Namen tragen.

Wettbewerb hoch und Preise unter Druck

Der Industrieversicherungsmarkt durchlebt gegenwärtig eine riskante Rotation. Nirgendwo wird scheinbar so um neue Märkte und Marktanteile gerungen wie im Corporate-Solutions-Business. Das dürfte auch an Schlagworten wie dem Internet der Dinge oder Industrie 4.0, aber auch an technischen Meilensteinen wie dem autonomen Fahren, Smart Home, E-Health, Augmented Reality oder Robotics liegen. So radikal wie selten zuvor verändert sich das Leben und Arbeiten der Menschen, mit direkten Folgen für die Versicherer. "Je komplexer Produkte, Umfeld und Arbeitsweise werden, je globaler Unternehmen tätig sind, desto mehr Gefahren resultieren daraus für die Wirtschaft", berichtet der Bundesverband der Deutschen Industrie auf seiner Homepage. "Vor allem die Industrieversicherer bieten Firmen in diesem Gefahrenumfeld einen erheblichen Mehrwert." Die Realität sieht jedoch deutlich düsterer aus als es die Perspektiven vermuten lassen. Der Wettbewerb ist hoch, die Preise stehen seit Jahren unter Druck.
"Die in Deutschland tätigen Industriesachversicherer schreiben in der Mehrzahl allerdings tiefrote Zahlen."
Thomas Olaynig
Global betrachtet stiegen die Preise im Sachversicherungsgeschäft durchschnittlich um 2,3 Prozent. In den Financial Lines war im Laufe des Quartals ein Anstieg von durchschnittlich
3,3 Prozent zu verzeichnen, insbesondere aufgrund von Preiserhöhungen in einigen Regionen wie Australien. Bei Haftpflichtversicherungen sanken die Preise durchschnittlich um 1,4 Prozent. Entgegen dem globalen Trend sanken die Preise in Kontinentaleuropa im zweiten Quartal 2018 durchschnittlich um 1,5 Prozent. "Die in Deutschland tätigen Industriesachversicherer schreiben in der Mehrzahl allerdings tiefrote Zahlen", erklärte Marsh-Manager Thomas Olaynig vor einigen Monaten. Der grundsätzliche Marktbedarf ist dennoch ungebrochen.

Versicherer im "Jurassic Park"

Vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Marktes wird es für die Versicherer immer wichtiger, Daten exakt zu analysieren, um neuen wie alten Risiken das richtige Preisschild umzuhängen. Für 90 Prozent der von Marsh und Strategieberater Oliver Wyman befragten Versicherer hat der Ausbau der digitalen Fähigkeiten in den kommenden Jahren höchste Priorität. Am Knackpunkt IT dürfte sich entscheiden, ob ein Industrieversicherer künftig gutes Geld verdient oder auf hohen Schäden sitzenbleibt, weil er womöglich das Geschäft seiner Kunden gar nicht mehr versteht. Die Industrie 4.0 indes hat einen anderen Absicherungsbedarf als ihre Vorstufen, aber auch eine andere Planbarkeit in den Prozessen. Zudem stellen die Kunden und Vertriebspartner heute höhere Anforderungen an die digitale Zusammenarbeit mit den Versicherern. An Raum zur Optimierung mangelt es nicht. Die Akteure könnten zum Beispiel durch die Digitalisierung ihres Schadensmanagements erhebliche Effizienzgewinne realisieren.
Heute stehen die Versicherer jedenfalls vor der Mammutaufgabe, ein Geschäft, dessen Basis seit über 100 Jahren nahezu unverändert ist, in einem Reshaping der Wertschöpfung von Produktdesign, Entwicklung der Distributionskanäle und Kommunikationskanäle, Automatisierung aller Prozesse - einschließlich Underwriting, Big Data und Co. – voranzubringen. "Wir befinden uns wohl in einer Art Interregnum", glaubt Yorck Hillegaart, Jurist und geschäftsführender Gesellschafter der Funk Gruppe. "Das Alte ist noch nicht verschwunden und das Neue noch nicht oder nur punktuell da." Doch ist es wirklich überzogen anzunehmen, dass es 2025 nur noch wenige große Marktteilnehmer gibt, die das komplette Spektrum an Produkt- und Serviceangeboten sowie die dazugehörigen Vertriebskanäle bieten können? Eher nicht.
Industrieversicherer · Axa