Unternehmenssitz der Generali Deutschland
Unternehmenssitz der Generali DeutschlandQuelle: Generali
Schlaglicht

Wann ist die Leidenszeit der Generali endlich vorbei?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Gut ein Jahr ist es nun her, dass Giovanni Liverani, Deutschlandchef der Generali, das große Umbauprogramm des Versicherungskonzerns bekannt gegeben haben hat. Doch was ist seitdem passiert? Die Kritik und der Unmut über die Entscheidung wurde lautstark kund getan - sei es seitens des Gesamtbetriebsrates oder durch manch Vermittler. Auch die Grundsatzdebatte über Sinn und Unsinn eines Run-off führte zu hitzigen Debatten. Und dennoch: In den vergangenen Wochen wurde es vergleichweise ruhig um die Generali Deutschland. Doch die Ruhe bleibt trügerisch.
Als die Generali Deutschland Ende September 2017 den großen Umbau medienwirksam verkündete, war schnell klar, dass bei der Tochter des italienischen Versicherungskonzerns im Grunde kein Stein mehr auf dem anderen bleiben würde. Manch Branchenbeobachter sprach gar vom größten und weitreichendsten Deals in der deutschen Versicherungswirtschaft der letzten Jahre. Nicht zu unrecht, wenn man sich die ehrgeizigen Pläne des Italieners noch einmal betrachtet: Einer der wichtigster Punkte betrifft den Verkauf des gesamten Exklusiv-Vertriebs an die Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG), mit sechs Millionen Kunden, 3.400 Direktionen und Geschäftsstellen sowie Beitragseinnahmen von 1,31 Mrd. Euro. Für den Deal sprach immerhin, dass die beiden Unternehmen sich gut kennen. Die DVAG vertreibt seit Jahren Produkte aus dem Haus Generali, wozu auch die Aachen Münchener, Badenia, Advocard und Central gehören. Im zurückliegenden Geschäftsjahr betrug der DVAG-Anteil am gesamten Versicherungs- und Bauspar-Neugeschäft der Generali in Deutschland rund 60 Prozent.

Die DVAG selbst verspach sich durch den Deal jedenfalls einen erheblichen finanziellen Mehrhwert: So rechnet der echnet der größte deutsche Finanzvertrieb mit einem jährlichen Umsatz von 1,7 Mrd. Euro. Das wären rund 400 Mio. Euro oder fast ein Drittel mehr als bisher. Allerdings würde die Aufgabe der Vertriebshoheit und die Eingliederung der rund 2.800 Vermittler des italienischen Versicherers mindestens 1.300 Arbeitsplätze in den Generali-Innendiensten kosten. Experten rechneten im Oktober sogar mit bis zu 2.000 Stellen, die wegfallen könnten.

 

Beim Gesamtbetriebsrat der Generali Deutschland sorgten die Pläne dennoch für heftige Kritik: "Als Arbeitnehmervertreter sind wir gegen diesen Schritt der Integration des Exklusivvertriebes Generali in die DVAG gewesen. In den Verhandlungen bezüglich des Wechsels haben wir dann versucht, die bestmöglichen Regelungen für die Menschen zu erzielen. Beide physischen Vertriebe haben ihre Berechtigung", betonte Daniel-Christoph Schmidt, im März im Exklusiv-Interview gegenüber VWheute. Auch bei den Vermittlern stieß dabei manche Aktion auf einen gewissen Unmut. So wurde im April 2018 bekannt, dass der Versicherer Kunden angeschrieben haben soll, die Verträge bei Generali-Beratern sowie freien Maklern besitzen. Darin wurde der Eindruck erweckt, alle Verträge des Kunden würden zur Betreuung auf die DVAG übertragen. Insider sprechen gegenüber VWheute von voller Absicht und einem erbitterten Kampf mit harten Bandagen. In München werden diese Vorwürfe auf das Schärfste zurückgewiesen.

Umgesetzt wurden die Pläne dennoch - trotz entsprechender Kritik. So zeigte sich die DVAG Anfang April - trotz des Gegenwindes - mit dem Generali-Deal dennoch zufrieden." Die Integration des Exklusiv-Vertriebs der Generali befindet sich in vollem Gange und verläuft ausgesprochen erfolgreich. Aktuell setzt die DVAG ihre ganze Kraft für die Integration der über 2.500 Generali-Vertreter bei ihrem Weg zur DVAG ein. In diesem Zuge gründet die Generali Deutschland eine neue Gesellschaft, die von der DVAG übernommen wird", erklärte das Unternehmen damals. Ob die Übertragung des Maklergeschäfts auf die Dialog ähnlich "erfolgreich" verlaufen wird, bleibt zumindest noch offen. Dazu soll das Leben- wie auch das Kompositgeschäft ab 2019 unter dem Dach des Maklerversicherers vereint werden und als eineigenes Unternehmen unter dem Namen "Dialog Versicherung AG" gegründet werden. Erklärtes Ziel sei, den Kanal der unabhängigen Vertriebspartner ausbauen und gemeinsam mit ihren Partnern das Wachstum weiter steigern, heißt es bei der Generali weiter. Außerdem sollen nach eigenen Angaben die digitalen Arbeitsschritte verbessert werden.

Dauerdebatte um den Run-off

Für Dauerschlagzeilen sorgte in den vergangenen Monaten auch der Verkauf der Generali Leben. Die Generali-Lebensversicherung wird den Gang in den Run-off antreten müssen, dieser soll im ersten Quartal 2018 erfolgen. Eine zukünftige Veräußerung des Bestandes wird ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Der Schritt soll die Ansprüche der Kunden sichern und zugleich "substanziell das Risiko fallender Zinsen für die Generali" reduzieren, hieß es damals bei der Generali.

 

Im Unterschied zum Konkurrenten Ergo vermeldete der Versicherungskonzern schließlich Anfang Juli dieses Jahres den Vollzug: Käufer ist der Run-off-Spezialist Viridium. Die Transaktion umfasst dabei vier Millionen Verträge mit garantierten Kapitalanlagen in Höhe von 37 Mrd. Euro. beträgt die Gesamtbewertung der Generali Leben bis zu einer Mrd. Euro, inklusive 125 Mio. Euro als Earn-out, falls die Regelungen zur Dotierung der Zinszusatzreserve (ZZR) geändert werden. Darüber hinaus wird Viridium Darlehen mit einem Volumen von 882 Mio. Euro an die Generali Group zurückführen. 300 Mitarbeiter, die sich um das 37,1 Mrd. Euro schwere Portfolio kümmern, sollen in eine neue Servicegesellschaft wechseln. Die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Kunden bleiben laut Generali unverändert.

Dennoch gilt der Verkauf der Lebensparte bis heute als eine Art Dammbruch in der Versicherungsbranche. Während BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein von einem "Sündenfall" sprach, sorgte der Run-off auch in der Branche für ein geteiltes Echo. Besonders drastische Worte fand dabei Maxpool-Chef Oliver Drewes: Für ihn kommt diese Entscheidung gar einer "Bankrott-Erklärung" gleich. "Es regt mich auf, wie die Versicherungsmanager von heute so ticken. Ohne Verantwortungsbewusstsein gegenüber Kunden oder Mitarbeitern, ohne Ehre und ohne jeden Anstand. Wirklich schlimm. Die Urgründer der Generali-Versicherer würden sich im Grabe umdrehen." Der Markt solle nun soviel Lärm machen wie möglich, damit die "Söldnermanager der Versicherungsindustrie" verstünden, dass so etwas nicht geht. "Mir ist klar, dass auch der größte Lärm die sicherlich weit fortgeschrittenen Gespräche zwischen Generali und dem Abwickler nicht mehr bremsen kann. Aber ich habe trotzdem die Hoffnung, dass "viel Lärm" dazu beitragen würde, dass andere Versicherer sich nicht mehr trauen möchten, dem Pfad der Generali zu folgen", erklärt Drewes. Viridium-Vorstandschef Heinz-Peter Roß scheint die aktuelle Debatte jedenfalls Kopfzerbrechen zu bereiten. So sollte der Verkauf von ganzen Lebensversicherungen oder Beständen an Abwicklungsplattformen deutlich sensibler als bisher diskutiert werden. "Wir bewegen uns in einem emotional aufgeladenen Umfeld. Altersvorsorge ist nichts, womit man spielt. Das merkt man in den Diskussionen zu aktuellen Gesetzesvorhaben". Deutlichere Worte zur Tonalität der Run-off-Debatte findet hingegen Munich-Re-Vorstandschef Joachim Wenning vor dem Hintergrund der Run-off-Pläne der Ergo: "Mich erstaunt das Ausmaß der Empörung über mögliche Verkäufe an Run-off-Spezialisten, denn dies ist in der Sache nicht angemessen".

Schafft die Generali den Turnaround?

Bei der Generali selbst scheint sich der Ausvekauf möglicherweise schon bezahlt zu machen. Denn neben dem Verkauf der Generali Leben und den großspurigen Umbau-Plänen der Deutschland-Tochter hat sich der Mutterkonzern in Triest zwischenzeitlich von einer Reihe anderer Tochtergesellschaften getrennt. Unter dem Strich stand beim Triester Versicherungsriesen im ersten Halbjahr ein Überschuss von gut 1,3 Mrd. Euro und damit knapp neun Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der operative Gewinn des italienischen Versicherers habe laut Analysten die Konsensschätzung leicht verfehlt, insgesamt sei das Zahlenwerk jedoch besser ausgefallen als erwartet. Der Rückzug aus vielen Ländern zahlt sich aus, auch der Verkauf der Generali Leben, betont Konzernchef Philippe Donnet.

Der Generali-Konzern hat offenbar genug vom trennen und will als Aktivposten auf dem Markt auftreten. Im Blick der Italiener stehen die Sachversicherung und der Vermögensverwaltung. Geld ist vorhanden, denn die Verkäufe mehrerer Landesgesellschaften brachten mehr Ertrag als gedacht. Der Chef der Italiener Philippe Donnet möchte reinvestieren. Durch die Verkäufe, unter anderem in den Niederlanden und Belgien, wurden nach einem Bericht des Handelsblatts 1,5 Milliarden Euro eingenommen, 500 Millionen mehr als kalkuliert – zudem kommt ja noch das Geld von Viridium für die Lebensversicherung auf das Konto der Italiener. Genau scheint noch nicht festzustehen, wie das Geld investiert werden soll, der Chef Donnet verweist auf den November, zu diesem Zeitpunkt soll die neue Strategie vorgestellt werden, die dann die nächsten Jahre des Versicherers prägen soll. Man darf gespannt sein, was der Rest dieses Jahres noch an Überraschungen mit sich bringen wird.

Generali Deutschland · Giovanni Liverani