Debatte um die politische Zukunft der Krankenversicherung
Debatte um die politische Zukunft der KrankenversicherungQuelle: Sascha Schulz
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Krankenversicherung zwischen Bits und Bytes

Von Sascha SchulzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Bekannt charmant begrüßte Jürgen Wasem am gestrigen Morgen seine Gäste im Berliner Hotel Schweizer Hof. Der Essener Wissenschaftler und Politikberater ist Moderator des Euroforum-Events "PKV aktuell & digital" und steht vor einer Herausforderung: Den ganz großen Bogen spannen um das Thema "Private Krankenversicherung": PKV-Reform trifft auf PKV-Innovation. Und tatsächlich hängt das eine stark vom anderen ab.

Mut zur Veränderung

Vor genau 338 Tagen war es soweit: Das Volk stimmte für seine Vertreter in der 19. Legislaturperiode und entschied sich damit unter anderem auch gegen eine Bürgerversicherung.  Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, bringt es in seinen Statements wohl am trefflichsten rüber: „Uns geht es heute unverdient gut – ausschließlich wegen der fantastisch laufenden Konjunktur sind die Kassen voll. Wir sollten jetzt die Zeit nutzen, um uns auf die nächste Konjunkturkrise vorzubereiten. Und nicht erst dann starten, wenn es wieder richtig knallt und brennt. Es würde mich freuen, wenn wir heute die Diskussion starten. Lassen Sie doch mal Wettbewerb zu – haben Sie doch mal Mut.“ Gespräche und Reformgedanken gäbe es zwar, aber der Gesetzgeber bremse immer wieder aus - und damit gingen Jahre ins Land.

Kommt die Praxisgebühr für mehr Besonnenheit?

Dialoge gibt es auch an diesem sonnigen Tag in Deutschlands Hauptstad. Reichlich. Während die SPD einen solidarischen Kurs proklamiert, sich immer wieder öffentlich für eine Angleichung von Honoraren zwischen GKV und PKV einsetzt, für die Abschaffung von Privilegien für Beamte sowie einen Ausbau des Leistungskatalogs und eine bessere Grundversorgung in der Fläche, lobt Erwin Rüddel (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit,  die Qualität des deutschen Gesundheitssystems: "Wir brauchen beide Systeme – Wettbewerb durch Dualität. Aber: Trägt die Politik eher die Kosten- oder die Versorgungsverantwortung?" Ernsthafte Reformbemühungen im Bereich der PKV sieht auch er nicht. Mit Montgomery teilt er die Meinung. Er möchte besonnen im Bereich Ausbau von Leistungen vorgehen. "Ich wage nicht an den Moment zu denken, in dem die Wirtschaft einbricht und in allen sozialen Bereichen gekürzt werden muss – in der Krankenversicherung genauso wie im Bereich Rente.“ Rüddels Ziel: durch bessere Beratung Patienten stärken. Er bedauert die Abschaffung der Praxisgebühr. "Über Eigenanteile wäre mehr Besonnenheit und eine gewisse Steuerung erzielbar". Eine einheitliche Aufsicht für GKV und PKV ist für ihn eine Option.

PKV-Reformgedanken: Mehr Attraktivität für die Masse

Das gegenwärtige „Nullzins-Jahrzehnt“ macht es natürlich auch für die PKV schwieriger: "2,5 bis drei Prozent Zinserträge macht die PKV für gewisse Zeit unattraktiv“", erläutert Debeka-Vorstand Roland Weber. Ein Ansatz könne die stärkere Öffnung der PKV für GKV Versicherte sein. „Der Wechsel kann vereinfacht werden, Versicherte sollten allerdings auch klar über Möglichkeiten und Risiken informiert werden.“ Hierzu stellt Hans Olav Herøy, Vorstand der Huk-Coburg Krankenversicherung, ein Modell vor. Stark vereinfacht: Absenkung der Beitragsbemessungsgrenze, Neugestaltung des Standardtarifs mit stärkerer Abfederung bei einer finanziell schwierigen Lage für alle. "Eine Öffnung auch bei Erziehungszeit oder Arbeitslosigkeit – heutzutage ganz normale Lebensphasen – wäre auch denkbar." Dies einhergehend mit Beitragszuschüssen für Kinder und einer Pflicht-Ausscheidegrenze, einer Umstellung auf stetige Beitragsanpassung und einem Zuschlag für alle Vollversicherten.

Wechsel von GKV in PKV stärkt finanzielle Stabilität?

Timm Genett, Geschäftsführer, Verband der Privaten Krankenversicherung e. V., ruft passend hierzu in Erinnerung, dass insbesondere Gutachter und Rating-Agenturen wie Assekurata in der Wahlfreiheit eine Bedrohung sehen. Er selbst beurteilt die Lage anders: "Menschen, die von der GKV in die PKV wechseln, hinterlassen in der GKV einen überproportionalen Finanzierungsbeitrag und verbringen kapitalgedeckt ihre krankheitsintensivsten Jahre in der PKV." Nach seiner Auffassung stärke jeder Wechsler von der GKV in die PKV die finanzielle Stabilität. "Damit das funktioniert, müssen wir unser Modell für das Neugeschäft verbessern", hakt Weber ein. Der Basistarif sei häufig zu hoch für Niedrigverdiener.

Investitionen in medizinische Großgeräte rechnen sich nicht ohne GKV

Barmer-Chef Christoph Straub hält dagegen: Vorteile aus einem Wechsel von der GKV in die PKV lassen sich nicht mit Fakten hinterlegen. Von Haus aus Arzt, kein Betriebswirt und nach eigenen Worten "als Aktuar völlig unbrauchbar", wirft er eine interessante These auf: "Die Gebietskörperschaften möchten die Versorgung gestalten und nutzen hierzu heute passenderweise die GKV. Die PKV sollte hier mehr mitgestalten." Er ruft in Erinnerung, dass sich heute keine Investition in medizinische Großgeräte ohne GKV-Versicherte rechnen würden, bis auf eine handvoll Ausnahmen. "Die Innovations-Diskussion der PKV sollte einhergehen mit der Vermeidung von Überdiagnostik und Übertherapie."

Mehr Speed in GOÄ Verhandlungen gewünscht

Statisch gesehen leben PKV Versicherte aufgrund sozidemographischer Faktoren länger, wirft Weber ein. Er stimmt zu, dass die Novelle der Gebührenordnung überfällig ist: "Die neue GOÄ wird gebraucht, für Medizin ohne Budgetierung, und um viele veraltete Standardleistungen zu aktualisieren", so Weber. Montgomery kann hier vom zu langsamen Fortschritt ein Lied singen: "GOÄ-Verhandlungen sind zum Teil schon vergnügungssteuerpflichtig!"

Digitalisierung in der PKV kann Versorgungslücke schließen

Clemens Muth, Vorstandsvorsitzender der DKV, greift den Ball auf. Er bringt Fakten und Lösungsbeispiele mit. „Wir werden Krankenversicherte sicher nicht anhand einzelner Risiken wie in der KFZ-Versicherung einstufen können – und wollen“, eröffnet er seinen Vortrag. „Vielmehr müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, sich im Rahmen geltender Gesetze digital stärker zu vernetzen.“ Bei DKV-Tochtergesellschaften in Spanien wird bereits die Anamnese und Erstberatung online durchgeführt. „39 Prozent der DKV Kunden wollen Online Video Sprechstunden haben, weitere 41 Prozent sagen eher ja und vielleicht“, präsentiert Muth. „99% der Befragten geht es um die Rezeptausstellung online, 66 Prozent um Therapie und Behandlung und 58 Prozent um Krankschreibungen.“

Apps, die sich in Skandinavien, etablieren, ermöglichen es, freie Termine bei Ärzten in der Umgebung direkt am Smartphone zu finden und so unnötige Wartezeiten zu sparen. "Sicherlich kann sich eine solche Lösung nicht jede Krankenversicherung leisten“, so Muth. Ein eher überschaubares Digitalisierungsprojekt (Budget: zehn Mio. Euro) führe beim Branchenprimus zu Mehrkosten pro Kunde von 2,77 Euro, die fünftgrößte PKV müsse schon 6,66 Euro umlegen und die Nummer 30 stolze 100 Euro. "Genau aus diesem Grund sehen wir in Zukunft die Notwendigkeit stärkerer Kooperationen, auch in Form von Hubs." Muth entwickelt gemeinsam mit IBM und in Partnerschaft mit der TK z.B. eine elektronische Gesundheitsakte. Auch das Thema Psychologie spiele eine wichtige Rolle, damit digitale Services akzeptiert werden. "Wir möchten keine Bonuspunkte für gute Gesundheit vergeben. Stattdessen setzen wir auf Gamification: Den spielerischen Umgang mit Gesundheitsdaten." Auch hier hat es die spanische Gesellschaft der DKV geschafft, den Spieltrieb ihrer Versicherten anzuzetteln.