Wie steht es um die Zukunft der Lebensversicherung?
Wie steht es um die Zukunft der Lebensversicherung?Quelle: lichtkunst.73 / PIXELIO (www.pixelio.de)
Schlaglicht

Run-off-Debatte: Märchen oder wirtschaftliche Notwendigkeit?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Debatte um den Verkauf von Altbeständen in der Lebensversicherung erhitzt die Gemüter. Aktuelles Beispiel: Eine Klartext-Debatte von BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein und Peter Schwark, Mitglied der GDV-Hauptgeschäftsführung, bei Xing. Während der Verbraucherschützer erneut die Kunden als Verlierer eines Run-offs sieht, warnt der GDV-Vertreter erneut vor "unnötiger Panikmache". Die Leser jedenfalls gehen mit dem "Run-off" hart ins Gericht.
Dass der Verkauf von Altbeständen in der Lebensversicherung nicht nur uneingeschränkte Zustimmung findet, ist mittlerweile bekannt. So verwundert es wenig, dass BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein vor allem die Kunden als mögliche Verlierer eines Run-off sieht. "Die Einzigen, die vermutlich nachhaltig davon profitieren, sind die Anbieter. Ein konkretes Beispiel ist die Generali und ihr Bestand an mehr als vier Millionen Lebensversicherungsverträgen", glaubt der Versicherungsmathematiker. Dabei klinge das Argument der Kostenersparnis "auf den allerersten Blick nachvollziehbar. Wenn jemand ganz viele Verträge verwalten muss, dann kann er das womöglich ziemlich effizient machen, wenn er sie ganz einfach auf ein einheitliches Computersystem überträgt."
Aber: " Wenn es nur darum ginge, irgendwie Geld einzusammeln, es zu verzinsen und dann auszuzahlen, könnte das womöglich wirklich recht einfach gehen. Aber Versicherungsverträge müssen anders verwaltet werden", ergänzt Kleinlein. Denn: Versicherungsverträge zu verwalten, koste viel Zeit - und Geld. So rechne der Versicherer nicht aus "wieviel Geld eingezahlt wurde und welcher Vertragswert sich daraus ergibt. Sondern er hat auszurechnen, wie viel Geld er noch bekommt, wie groß dieser Barwert ist und welcher Barwert den noch ausstehenden Versicherungsleistungen entspricht. Die Differenz zwischen diesen beiden Barwerten ist dann das Deckungskapital des Vertrages." So würde die Übertragung der Generali-Bestände "schon sehr viel Aktuarszeit in Anspruch nehmen und damit sehr teuer. Da ist es fraglich, wo die große und nachhaltige Kostenersparnis herkommen soll. Und die jährlichen Berechnungen zur Überschussdeklaration kommen dann noch hinzu! Kostenersparnisse sind da kaum zu erwarten." Vielmehr gehe es bei dem Deal "aber sowieso nicht um Kostenersparnisse. Vielmehr wird es darum gehen, die Kund*innen schmal zu halten und möglichst wenig Überschüsse auszuzahlen und die Gewinne stattdessen den Investoren zukommen zu lassen."

"Begründungen und Versprechungen sind kritisch zu betrachten"

Die Reaktionen reichen von Zustimmung bis Widerspruch. "Der Verkauf der Verträge in dieser Größenordnung ist sicher nicht alltäglich. Ich stimme Ihnen zu, dass insbesondere die Begründungen und Versprechungen der Versicherer kritisch zu betrachten sind. Mögliche Kosteneinsparungen sind für die Versicherungsnehmer natürlich vorteilhaft und erscheinen auch durchaus plausibel. So sollten z. B. Ausgaben für Marketing für die legliche Verwaltung von Verträgen geringer sein als es bei der Generali im Kundengeschäft der Fall ist. Ihrer These, dass es statt dem Kundenwohl aber vielmehr darum geht, Gewinne abzuschöpfen, möchte ich nicht widersprechen. Aber mir fehlt (als Laie) die Begründung", heißt es in einem Kommentar auf Kleinleins Ausführungen. Dabei gehe es dem Verbraucher beim Abschluss einer Lebensversicherung vor allem um die Sicherheit: Diese stehe "bei ihnen an erster Stelle. Ob die sich von der Wahrheit, die hinter diesen Versicherungen steckt, von ihrem Sicherheitsbedürfnis abbringen lassen, wage ich zu bezweifeln. Und wenn jemand eine Kapitalanlage sucht und dazu eine Kapitallebensversicherung wählt, der möchte auch Sicherheit haben. Sicherheit der Erträge. Er würde als Aktieninhaber der Versicherungsgesellschaften doch viel mehr verdienen. Diese Erträge sind aber nicht gesichert. Was tut man nicht alles für Sicherheit", glaubt eine weiter Kommentatorin. Von einer "Win-Win-Lose"-Situation zu Ungunsten der Vebraucher will ein Leser hingegen nicht sprechen, "den solche internen Aufwände werden bei Megaprojekten regelmäßig unterschätzt. Und wäre im Vertrag noch genug Marge für eine solche Aktion, dann hat der Kunde bei Vertragsabschluss den Wettbewerb nicht richtig berücksichtigt. Lassen sie sich als Kunde eine verbindliche Berechnung Ihres Vorteil geben und entscheiden Sie dann, ob der neue Anbieter vertrauenwürdig ist."

"Schluss mit unnötiger Panikmache"

Für Peter Schwark, Mitglied der GDV-Hauptgeschäftsführung, sind solche Äußerungen reine Panikmache: "Wer den Kunden erzählt, sie würden dabei benachteiligt, schürt unnötige Panik. Ein solcher Verkauf ist in einer Marktwirtschaft ein völlig normaler Vorgang. Die Kunden können sich dabei darauf verlassen, dass ihre Verträge in jedem Fall bis zum Ende der Laufzeit fortgeführt werden und ihre Ansprüche geschützt bleiben; insbesondere in Deutschland auch durch entsprechende Gesetze und Aufsichtsbehörden." Der wichtigste Schutz für den Kunden sei zudem "das Versicherungsaufsichtsrecht. Es schreibt vor, dass für jeden Lebensversicherungsvertrag zu jeder Zeit für die Garantien der Leistungsversprechen ausreichendes Kapital zurückgelegt werden muss."Vielmehr könne sich ein Verkauf für den Versicherten sogar lohnen: "Ein Run-off kann für die Versicherten sogar von Vorteil sein. Käufer solcher Versicherungspakete können die Verträge auf spezialisierten und einheitlichen Plattformen bündeln. Das spart Verwaltungskosten, die ohne einen Verkauf immer weiter steigen würden. An den so entstehenden Kostenüberschüssen werden die Kunden laut Gesetz zu mindestens zur Hälfte beteiligt", erläutert Schwark.

Von Nebelkerzen bis Märchenstunde

Für die Leser scheinen die Argumente allerdings wenig glaubhaft zu sein. "Ich halte das Argument der Kostenreduzierung bei einem Run-Off für ein Märchen. Woher sollen denn die steigenden Verwaltungskosten bei fortschreitender Dauer eines Vertrages resultieren, die im Klartext behauptet werden? Und aus welchem Grund sollen die plötzlich bei einem Verkauf sinken? Weshalb ist der eine Versicherer nicht in der Lage, die Bündelungen, die ein anderer bei Übernahme der Verträge praktiziert, selbst zu vollführen? Mir erschließt sich die Logik hinter Dr. Schwarks Argumenten nicht, zumal ich nur Behauptungen lese und keine fundierten Begründungen dafür", kommentiert ein Leser. "So wie es sich mir darstellt versuchen die Versicherer die aufgelaufenen Überschüsse 'einzustecken' und den Kunden mit der "Garantiezahlung' sitzen zu lassen. Nur der Vertreter hat beim Abschluss der LV ganz andere Zahlen genannt, die aber - weil natürlich nicht garantiert - dann eben mal schnell nach unten korrigiert werden. Aus meiner Sicht gibt es hier nur einen Gewinner, nur dass es leider nicht der Kunde ist", glaubt ein weiterer User.
Manch andere User halten Schwarks Ausführungen gar für eine Nebelkerze: "Um den Run-Off geht es den Versicherten nur am Rande, es geht um die Überschussbeteiligungen, auf die Sie nicht näher eingehen. Man hat es wohl selten erlebt, dass der Bundestag vor der Sommerpause mal schnell ein faktisches Teilenteignungsgesetz für Lebensversicherte beschließt, wie es hier geschehen ist. Die Konsequenzen für Versicherte, die ihre Zahlungen mittelfristig nicht aufrechterhalten können, sind in der Regel finanziell empfindlich. Für die Versicherer dagegen bleiben Fehlkalkulationen ohne Konsequenzen. Das Vertrauen in Ihre Branche und die angebliche Förderung der Bundesregierung für die private Altersvorsorge ist jedenfalls ruiniert", konstatiert ein weiterer Leser.
Dennoch gibt es auch Zustimmung: "Bestandsübergaben sind tatsächlich eine Nebensache. Das Problem ist, dass Lebensversicherungen als Sparmodell grundsätzlich nicht funktionieren können. [... ]  Die Lebensversicherungen schauen nur bis zu ihrem Tellerrand und zeigen mit dem Finger auf die EZB, sind aber selbst Mitverursacher der niedrigen Zinsen. Was wir alle dringend brauchen, sind Schuldner", glaubt ein User. Und ein weiterer Kommentator meint: "Schon lustig, welche vermeintlichen Experten hier erneut Panik stiften wollen ... schon mal etwas von Fixkosten gehört? Diese werden natürlich bedeutender mit ablaufenden Bestand, außerdem entfallen Abschlusskosten im Run-Off ... das Image unserer Branche leider aber trotzdem, auch wenn viele alarmistische Äußerungen zum Thema Run-Off Quatsch sind." Denn: "Der Vertragspartner ändert sich übrigens nicht, weil die ganze Versicherungsgesellschaft den Besitzer wechselt und nicht die Verträge! Übrigens war die Generali-Mutter auch kein Wohltätigkeitsverein, sondern Shareholder-orientiert - aber es gibt zum Glück ja noch Versicherungsvereine mit langfristigem Denken!"

"Ständige Nörgeleien über Run-Off verunsichern die Bevölkerung"

Dass die wiederholte Kritik an den Run-off-Plänen der Generali einer sachlichen Debatte um die Zukunft der Lebensversicherung nicht gerade förderlich ist, glaubt auch der Versicherungsmathematiker Kurt Wolfsdorf: "Den angeblich schlechten Ruf des Run-Off Geschäfts konnte ich bei denen, die davon betroffen sind, unsere Kunden sowie die der veräußernden Gesellschaften, deren Vermittler und unsere Mitarbeiter, nicht ausmachen", betonte er jüngst im Exklusiv-Interview mit VWheute.
Umstritten bleiben die Verkaufspläne  allemal - nicht nur bei den Versicherten, auch in der Branche selbst: "Es regt mich auf, wie die Versicherungsmanager von heute so ticken. Ohne Verantwortungsbewusstsein gegenüber Kunden oder Mitarbeitern, ohne Ehre und ohne jeden Anstand. Wirklich schlimm. Die Urgründer der Generali-Versicherer würden sich im Grabe umdrehen", monierte jüngst Maxpool-Chef Oliver Drewes in einem Brandbrief. Deutlichere Worte zur Tonalität der Run-off-Debatte fand hingegen Munich-Re-Vorstandschef Joachim Wenning vor dem Hintergrund der Run-off-Pläne der Ergo: "Mich erstaunt das Ausmaß der Empörung über mögliche Verkäufe an Run-off-Spezialisten, denn dies ist in der Sache nicht angemessen".
Axel Klenlein · Peter Schwark · Run-off · Lebensversicherer