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Schlaglicht

Das PKV-Dilemma

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Ratings von Assekurata und Map-Report diagnostizieren in ihren PKV-Marktbeobachtungen dieselben Probleme: Mitgliederschwund und Mini-Zinsen. Dazu summieren sich schwierige politische Verhältnisse und der Treuhänderstreit. Hat die PKV-Branche die nötigen Lösungen zur Hand?

Die PKV muss seit Jahren Rückgänge im Bestand hinnehmen, "das Neugeschäft schwächelt marktdurchschnittlich bereits seit sechs Jahren in Folge" schreibt Map-Report. Nach Assekurata-Zahlen gab es im vergangenen Jahr in der PKV insgesamt einen Bestandsrückgang von 0,2 Prozent, obwohl im Beihilfesegment ein Zuwachs von 0,9 Prozent verzeichnet wurde. Der Rückschritt bei den Volltarifen belief sich auf 1,3 Prozent und war größer als im Vorjahr, das erste Mal seit dem Jahr 2014.

 

Der PKV-Verband sieht für den Rückgang zwei Gründe: Die gesetzliche Einkommensgrenze für den Wechsel in die PKV wurde in den letzten Jahren stark angehoben. Das schränkt den Kreis der Versicherten mit Wahlfreiheit immer mehr ein. Wer heute als Arbeitnehmer zur PKV wechseln will, müsse 8.550 Euro mehr verdienen als vor fünf Jahren. Die gesetzliche Versicherungspflichtgrenze sei in den letzten zehn Jahren um fast 20 Prozent stärker gestiegen als die Durchschnittsgehälter.

 

Dagegen will der Verband ankämpfen: "Wir setzen uns für eine Senkung dieser Versicherungspflichtgrenze ein, um mehr Arbeitnehmern die Wahlfreiheit für ihre Krankenversicherung zu geben."

 

Der andere Grund für den Bestandsrückgang ist laut Verband das Rekordwachstum an Arbeitsplätzen, das durch einen "Sondereffekt auch die PKV-Versichertenzahl beeinflusst". Wie schon in den Vorjahren hätten im Jahr 2017 wieder tausende Selbstständige diese Job-Konjunktur zum Wechsel in eine Festanstellung genutzt. Dadurch wurden sie sozialversicherungspflichtig und mussten automatisch in die GKV wechseln.

 

Gordischer Knoten Innenpolitik

 

Ein Problem für die PKV ist, dass sie beide Probleme nicht beeinflussen kann, die Konjunkturlage und die Gesetzgebung zum Wechsel zwischen PKV und GKV sind außerhalb des Handlungsspielraumes.

 

Die Versicherungspflichtgrenze zu senken ist ein politisches Anliegen, wofür es eine Bundestagmehrheit bedarf. Die PKV-freundlichen Parteien CDU und FDP, die sich in der Opposition befindet, kommen gemeinsam auf 326 von 709 Sitzen.

 

Die SPD hat spätestens mit ihrer Öffnung der GKV für Beamte in Hamburg und Thüringen ihre Präferenz in Sachen Gesundheitsfürsorge bewiesen. Grüne und Linke würden die PKV sofort abschaffen. Bleibt die AfD, die wohl selbst am meisten überrascht wäre, wenn sie einmal zu einem politischen Thema eine fundierte Meinung hätte. Das sind nicht die politischen Verhältnisse, um eine PKV-freundlichere Politik durchzusetzen.

 

Das sagt der Verband zum Rückgang

 

Abseits möglicher politischer Lösungen ist der Rückgang der Mitglieder ein Fakt, den der PKV Verband bestätigt, aber in Relation setzt: "In der Vollversicherung gibt es seit 2012 einen leichten Rückgang im Versichertenbestand um insgesamt 2,5 Prozent. Diese Entwicklung hatte ihren Tiefpunkt im Jahr 2013. Seitdem hat sich der Rückgang deutlich abgeschwächt, 2017 war er weniger als ein Drittel so hoch wie 2013."

 

Wie man es dreht und wendet, die Kundenzahl schwindet seit Jahren und es sieht nicht so aus, als würde sich das ändern. Wegen dem Entlastungsgesetz in der GKV sinken die Beiträge für Arbeitnehmer und Selbstständige, der Wettbewerb um diese Zielgruppe wird also härter werden, wie Assekurata feststellt. Zudem öffneten bereits zwei Bundesländer ihren Beamten den Weg in die GKV, im Moment sind das noch die sprichwörtlichen Peanuts, aber die Tür ist geöffnet.

 

Zum Entlastungsgesetz schreibt die PKV: "Wer in der GKV die Rückkehr zur Beitragsparität beschließt und niedrigere Beiträge für Selbstständige, der steht auch in der Pflicht, etwas zur Entlastung privatversicherter Haushalte zu tun. Unsere konkreten Vorschläge, die der Gesetzgeber hier ohne weiteres anwenden könnte, sind veränderte Kalkulationsvorschriften zugunsten einer stetigeren Beitragsentwicklung sowie die Wiederöffnung des Standardtarifs." Alles richtig, doch lassen die politischen Verhältnisse eine solche Änderung unwahrscheinlich erscheinen.

 

Die vermaledeiten Zinsen

 

Der Name Mario Draghi wird in den oberen Etagen der PKV nicht den besten Klang haben. Der Präsident der Europäischen Zentralbank zieht die Mini-Zinsen konsequent durch. Sein Ziel ist die Stützung der immer noch schwächelnden europäischen Wirtschaft im Süden des Kontinents, auf Kosten der Sparer und der PKV. Die Zinsen können nicht erhöht werden, da viele Länder ihre Kreditlast ansonsten nicht mehr stemmen könnten und das Zerbrechen des Euro droht. Eine tatsächliche Abkehr, jenseits von Mini-Erhöhungen des Leitzinssatzes, ist nicht absehbar.

 

Für die Branche wird es dadurch "zunehmend schwieriger", einen ausreichenden Zinssatz zu erzielen. Deutlich zeigt sich diese Entwicklung am Rückgang der laufenden Durchschnittsverzinsung. Im Jahr 2017 lag diese noch bei 3,30 Prozent, nach 3,51 Prozent im Vorjahr, schreibt Map-Report. Dasselbe Problem sieht Assekurata, wie diese Grafik zeigt, in der unter anderem die Entwicklung der Durchschnittsverzinsung aufgezeigt wird.

Kapitalanlagerenditen und Zinsanforderungen im Krankenversicherungsmarkt
Kapitalanlagerenditen und Zinsanforderungen im KrankenversicherungsmarktQuelle: Asseukurata

Die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen bewegte sich im Jahr 2017 mit 3,46 Prozent "weit unter dem Vorjahresniveau" (3,71 Prozent). Für das, angesichts anhaltend niedriger Marktzinsen, hohe Resultat der Nettorendite ist laut Map-Report auch die "weiterhin hohe Auflösung" von Bewertungsreserven verantwortlich.

 

Die Rücklagen der PKV sind vorhanden und genau für solche Durststrecken sind die konzipiert, aber eine nachhaltige Strategie kann das Auflösen von Reserven natürlich nicht sein.

 

Die Zinsen sind für die PKV genau wie die innenpolitischen Probleme nicht adressierbar. Eine Alternative kann der Verband auf Anfrage nicht aufzeigen, das ist verständlich, denn auf die europäische Zinspolitik hat die Branche weniger Einfluss als auf die Gesetzgebung hierzulande.

 

Damit das Zinsniveau steigt, müsste Deutschland seinen Einfluss in Europa geltend machen und noch weitere Länder mit ins Boot holen. Es ist unwahrscheinlich, dass das passieren wird, der Zusammenhalt Europas ist wichtiger als die Nöte der Sparer, Kranken- und Lebensversicherer; die Liste könnte fortgesetzt werden.

 

Hausgemachte Probleme

 

Als wäre es nicht genug, hat die Branche auch noch ein (vermeintlich) selbst geschaffenes Problem, den Treuhänderstreit. Im Wesentlichen ist der Vorwurf, dass die von der PKV eingesetzten Treuhänder nicht die nötige Unabhängigkeit aufgewiesen haben. Dadurch könnten viele Beitragserhöhungen der letzten Jahre unzulässig gewesen sein, was erhebliche finanzielle Folgen und auch einen Reputationsschaden nach sich ziehen würde.

Die PKV-Branche hat sich an die Vorgaben des Gesetzes und der Bafin gehalten, die jetzt angegriffen werden. Ob die Branche, die Bafin oder der Gesetzgeber, allerdings die Rechtmäßigkeit der Treuhändereinsetzung selbst hätte überprüfen können, bevor es der Berliner Anwalt Knut Pilz tat, ist eine interessante Frage. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat der BGH.

 

Die PKV-Branche hat Probleme, aber kaum Hebel zur Hand. Politisch ist der Rückhalt des dualen Systems fraglich, die europäische Zinspolitik kann nicht beeinflusst werden und der Treuhänderprozess könnte neben Millionenverlusten die Diskussion über das duale System neu entfachen. In allen drei Sachverhalten ist die Branche von Dritten abhängig, das ist eine schwierige Lage.