Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Euler Hermes Gruppe
Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Euler Hermes GruppeQuelle: Euler Hermes
Schlaglicht

"Die nächste Krise wird Haushalte und Unternehmen wesentlich direkter treffen"

Von Ludovic SubranTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Eigentlich sind die Prognosen gut. Eigentlich. Aber trotz dieser ermutigenden Entwicklung der Weltwirtschaft mit sehr gesunden Wachstumsprognosen des weltweiten BIP für 2018 und 2019 von mehr als drei Prozent, scheinen die Befürchtungen bei Investoren, Risikomanagern, Versicherern und Zentralbanken wieder zu wachsen. Sie alle unterstreichen die Kehrseite der Wachstums-Medaille im Zuge des "billigen Geldes" durch die expansive Geldpolitik: eine sehr schnell steigende Verschuldung des Unternehmenssektors nach der globalen Finanzkrise.
Besorgniserregend ist, dass dadurch alle drei Säulen der letzten globalen Erholung gefährdet sind: sowohl die starke Koordinierung der Finanzpolitik als auch innovative und synchronisierte Geldpolitikansätze und die Verringerung der Risiken in den Bilanzen der Banken. Als Spiegelbild der Ära nach der globalen Finanzkrise spielen die USA also wieder eine führende Rolle, diesmal allerdings mit negativem Einfluss.

"America first" versus Freihandel

Die "America First"-Politik hat die globale Abstimmung der Wirtschaftspolitik der führenden Wirtschaftsnationen deutlich verschlechtert. Protektionistische Initiativen, der Vorwurf des Multilateralismus im Umgang mit Handels-, Wirtschafts- und Sicherheitsfragen haben das Verhältnis der entwickelten Volkswirtschaften ernsthaft beeinträchtigt und den Eindruck verstärkt, dass die Welt multipolarer wird. Angesichts der radikalen Neuausrichtung der US-Außenpolitik muss man bei einer erneuten globalen Rezession in den kommenden Monaten mit deutlich größeren Schwierigkeiten bei der Suche nach abgestimmten Lösungen rechnen. Die führenden Wirtschaftsnationen sind wesentlich schlechter aufgestellt, um gegen die nächste globale Krise zu kämpfen. Das bedeutet, dass ein solches Ereignis wahrscheinlich vergleichsweise stärkere und länger anhaltende negative Auswirkungen haben wird als ähnliche Ereignisse in der Vergangenheit. Der destabilisierende Einfluss der USA auf den Freihandel akzentuiert die Schwierigkeiten einer gemeinsamen europäischen Haltung bei der Lösung globaler Herausforderungen wie Einwanderung, Umwelt, Sicherheit umso mehr - zumal die EU gleichzeitig mit dem Aufkommen von Populismus und Nationalismus konfrontiert wird. Insofern ist das Potenzial für gemeinsame und abgestimmte Lösungen in der Wirtschaftspolitik erheblich gesunken: Das bedeutet jedoch, dass die Widerstandsfähigkeit gegen Schocks erheblich gesunken ist, egal ob auf globaler oder regionaler Ebene.

Mangelware: Sichere Anlagen - Mehr Bilanzsrisiken

Außerdem trägt die rapide Verschlechterung der öffentlichen Finanzen in den USA dazu bei, die globale Liquidität abzuschöpfen: ein höherer Anteil der globalen Bargeldvorräte wird mobilisiert, um den sehr raschen Anstieg des öffentlichen Defizits in den USA zu finanzieren. Dieses Abschmelzen der globalen Liquidität dürfte zu Stresssituationen auf denWeltmärkten führen. Die jüngsten Ereignisse haben bereits gezeigt, wie schnell sich die Liquidität auf den Märkten für festverzinsliche Wertpapiere unter ähnlichen Umständen wie bei den Wahlen in Italien verschlechtern könnte.
Die Versicherer müssen sich an ein neues Risikoumfeld anpassen. Risiken haben sich verschoben. Die Zersplitterung der Märkte und die Zunahme des Schattenbankings führen dazu, dass traditionelle Banken nicht das Epizentrum der nächsten Krise sein dürften. Große globale Unternehmen, institutionelle Investoren, Versicherer oder Rückversicherer dürften hier eher im Mittelpunkt stehen. Die Art des Risikos hat sich geändert: Die Überschuldung ist jetzt auf der Unternehmensseite sichtbar statt bei Haushalten oder Banken. Das politische Risiko ist künftig wahrscheinlich eine viel größere Störungsquelle. Insbesondere militärische Konflikte treten vermutlich häufiger auf. Die Schwellenländer dürften aufgrund ihrer schnellen Neuverschuldung zu einer Quelle der Instabilität werden.
Den vollständigen Beitrag "Zur Debatte" lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft als Orientierung.
Ludovic Subran · Euler Hermes · Kreditversicherer